Applied Digital Aktie: Erste Stromanlage außerhalb der USA geplant
Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 21:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wer im Wettlauf um künstliche Intelligenz ganz vorne mitspielen will, braucht vor allem zwei Dinge: gigantische Rechenkapazitäten und extrem viel Strom. Applied Digital liefert genau das und schaltet operativ in den nächsten Gang. Doch der Blick auf die jüngsten Schritte zeigt für mich ein zweischneidiges Bild. Das Unternehmen wächst mit atemberaubendem Tempo, häuft dabei jedoch Verbindlichkeiten an, die Anlegern auf die Nerven gehen müssen.
Der Sprung über den Atlantik
Strategisch macht das Management vieles richtig. Am Dienstag kündigte das Unternehmen eine Vereinbarung über bis zu 1 GW an potenzieller Stromkapazität in Finnland an. Es ist das erste Projekt dieser Art außerhalb der USA. Ab 2028 soll die Energie verfügbar sein, die Gespräche mit Hyperscale-Kunden laufen bereits.
Für mich ist dieser Schritt nach Nordeuropa ein logischer Schachzug. Wer Hyperscaler an sich binden will, darf sich nicht auf den Heimatmarkt beschränken. Stromtrassen und Netzkapazitäten sind in Nordamerika längst zum Flaschenhals geworden. Dass die Finnen über günstige, stabile Netze verfügen, spielt Applied Digital in die Hände.
Parallel dazu liefert der Konzern auch im Inland ab: Am Polaris-Forge-1-Campus gingen am 2. Oktober weitere 75 MW ans Netz. Damit stehen dort nun 250 MW betriebsbereite Kapazität zur Verfügung. Der gesamte Standort ist voll vermietet und soll im Endausbau 400 MW erreichen. Die operative Umsetzung funktioniert also.
Gewaltige Verluste und ein drückender Schuldenberg
Doch dieser Ausbau hat seinen Preis – und dieser Preis ist enorm. Am Mittwoch legte Applied Digital die Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Bei einem Umsatz von 341,9 Millionen $ und einem bereinigten EBITDA von 64,4 Millionen $ fiel unter dem Strich ein Nettoverlust für die Stammaktionäre von 221,0 Millionen $ an.
Was mir jedoch noch mehr zu denken gibt, ist die Bilanzstruktur. Dem stehen Verbindlichkeiten von satten 6,4 Milliarden $ gegenüber.
Das Geschäftsmodell gleicht einer gigantischen Wette auf die Zukunft: Applied Digital baut teure Infrastruktur auf Pump und muss hoffen, dass die Margen der Hyperscaler dauerhaft sprudeln, um den Schuldendienst tragen zu können.
Die Analysten reagieren entsprechend vorsichtig auf diese Gemengelage. Am Donnerstag senkte das Analysehaus Needham das Kursziel von 83 auf 70 $, behielt die Kaufempfehlung jedoch bei. Das zeigt den Spagat, in dem sich der Markt befindet: Niemand bestreitet das Potenzial, aber die Bewertung muss mit der Realität Schritt halten.
Ein Härtetest für Aktionäre
An der Börse hinterlässt das Spuren. Am Freitag ging das Papier bei 21,16 Euro ins Wochenende. Auf Sicht der vergangenen sieben Tage entspricht das einem Rückgang um 6,1 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 43,48 Euro notiert der Wert inzwischen 51 Prozent entfernt. Die anfängliche Euphorie ist einer spürbaren Nüchternheit gewichen.
Unterm Strich steht Applied Digital für mich stellvertretend für die gesamte KI-Infrastrukturbranche. Der Bedarf an Rechenzentren ist unbestritten und der Vorstoß nach Europa belegt den Ehrgeiz des Managements. Aber Anleger müssen sich darüber im Klaren sein, dass hier keine risikolose Wachstumsstory gehandelt wird.
Solange der Schuldenberg von über 6 Milliarden $ auf der Bilanz lastet und die operativen Erträge die Verluste nicht auffangen, bleibt dieses Papier hochgradig volatil. Für mich überwiegen die operativen Chancen zwar langfristig, doch kurzfristig spricht das Finanzprofil vor allem für eines: eiserne Nerven.
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