Anthropic Aktie: Labor statt nur Software
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 15:38 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Während Dario Amodei öffentlich vor einer Beschleunigung der KI-Entwicklung warnt, baut sein eigenes Unternehmen im Hintergrund an einer ganz konkreten physischen Ausweitung: einem Biologielabor in der San Francisco Bay Area. Der Widerspruch zwischen mahnenden Essays und operativer Expansion in die Biotech-Welt wirft ein interessantes Licht auf die Doppelstrategie des Unternehmens.
Vom Chatbot zum Wet-Lab
Anthropic hat abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit ein Labor für physische Experimente eingerichtet. Der Leiter der Lebenswissenschaften, Eric Kauderer-Abrams, bestätigte den Schritt und ordnete ihn als typisch für Biotech-Unternehmen ein, die einen Teil ihrer Arbeit selbst durchführen und einen Teil an externe Partner auslagern. Ein Unternehmenssprecher stellte allerdings klar, dass das Labor nicht primär der Wirkstoffentdeckung diene.
Der Vorstoß in die Biologie ist kein Zufall. Anthropic hatte bereits im Juni auf einer Veranstaltung in San Francisco angekündigt, in Bereiche vorzustoßen, die für klassische Pharmaunternehmen finanziell unattraktiv sind.
Mit der Software Claude Science, der Berufung von Novartis-Chef Vas Narasimhan in den eigenen Vorstand und der Übernahme des Startups Coefficient Bio für rund 400 Millionen Dollar in Aktien hat das Unternehmen die Infrastruktur für diesen Kurs bereits gelegt.
Kauderer-Abrams beschreibt das Ziel klar: KI soll bei bislang als "unbehandelbar" geltenden Krankheiten helfen, etwa durch die schnellere Entwicklung komplexer Antikörper-Moleküle. Zugleich betont er eine bewusste Grenze — Anthropic führe keine eigenen klinischen Studien durch und wolle nicht in direkte Konkurrenz zu Pharma- und Biotech-Firmen treten, die Medikamente zur Marktreife bringen.
Vertrauensproblem trotz Wachstumskurs
Die Ambitionen kommen zu einem heiklen Zeitpunkt. Erst vor wenigen Tagen hatten eigene Forscher vor möglichen katastrophalen Risiken der Technologie gewarnt, während Amodei parallel eine Verlangsamung der Entwicklung anmahnte.
Kunden aus der Pharmabranche wie Genentech, Bristol Myers Squibb oder Novo Nordisk nutzen zwar bereits Anthropics KI-Werkzeuge, sorgen sich aber offenbar, dass das Unternehmen aus ihren Daten lernen könnte — ein Punkt, den Anthropic durch strikte Datentrennung zu entkräften versucht.
Der Erfolg des biologischen Vorstoßes ist keineswegs garantiert. Die meisten Wirkstoffkandidaten scheitern in klinischen Tests, und selbst der Rivale Isomorphic Labs, die Wirkstoff-Sparte von Alphabet, hat sein Ziel einer klinischen Anwendung bereits auf Ende 2026 verschoben. Anthropic befindet sich hier noch in einer frühen Phase der Automatisierung von Laborarbeiten.
Das Unternehmen treibt den Ausbau seiner Life-Sciences-Sparte, die bereits einen der größten Investitionsbereiche nach Personal und Ressourcen darstellt, über neue Stellenausschreibungen weiter voran — gesucht werden unter anderem Experten für Protein- und Nukleinsäure-Charakterisierung.
Ob aus dem Laborexperiment ein eigenständiges Geschäftsfeld wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten daran, wie schnell sich erste konkrete Forschungsergebnisse zeigen.
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