Zwischen Videokunst und Malerei: Mike Steiner als Grenzgänger der Berliner Abstraktion
Veröffentlicht am: 04.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWelche Spuren hinterlässt Bewegung, wenn sie im Standbild kulminiert? Betrachtet man die aktuellen Arbeiten von Mike Steiner, erweist sich das Spannungsfeld von „Mike Steiner Malerei & Videokunst“ als überraschend produktiv: Linien scheinen zu flirren, Flächen geraten ins Vibrieren, als hätte sich das Medium Video auf die Leinwand projiziert. Ist Malerei nach der Kamera nostalgisch oder ist sie ein Laboratorium für das Unbewusste des Bewegtbilds?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Steiners Rezeptionsgeschichte ist unverrückbar mit Institutionen wie dem Hamburger Bahnhof verflochten. Die Einzelausstellung Live to Tape ist mehr als eine bloße Retrospektive: Sie inszeniert ihn als einen Pionier der Videokunst, dessen Sammlung zum kollektiven Gedächtnis avanciert. Archivieren heißt, Geschichte schreiben – deshalb ist der Verweis auf das Archivio Conz nicht nur eine genealogische Fußnote, sondern erinnert an die Kooperations- und Netzwerkstruktur der Fluxus-Szene. Die Archive geben den vergänglichen Formaten von Performance und Video Dauer – und eröffnen einen neuen Raum, in dem auch das gemalte Bild mit medialer Durchlässigkeit aufgeladen wird.
Die Biografie von Mike Steiner liest sich wie die Chronik einer künstlerischen Unruhe. 1941 in Ostpreußen geboren, wächst Steiner in Berlin auf – ein Milieu, geprägt von Nachkriegserfahrung und Avantgarde-Aufbruch. Früh beschäftigt er sich mit Malerei, debütiert 1959 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Nach dem Studium an der Hochschule für bildende Künste und intermedialen Erfahrungen in New York bei Lil Picard, Allan Kaprow oder Robert Motherwell, kreist Steiner in den späten 1960ern um die Kunstzentren von Berlin, Mailand und Paris. Seine Arbeiten werden mit jenen von Georg Baselitz oder Karl Horst Hödicke in einem Atemzug genannt. Aber er misst sich auch mit den Erfindern der Fluxus-Idee wie Al Hansen, Ben Vautier und Emmett Williams – Namen, die in jedem bedeutenden Archiv der transmedialen Avantgarde erscheinen.
In Berlin wird Steiner als Galerist und Hotelier zum Motor der Performance-Kunst, vor allem aber als „Pionier der Videokunst“ – ein Prädikat, das meist unterschlägt, dass Steiner parallel nie die Malerei aufgab. Gerade die späteren „Color Works“ zeigen das Übersetzen abstrakter Bildkonzepte: Von seriellem Minimalismus zu einem malerischen Vokabular, das Referenzen zur Berliner Szene und deren Experimentierlust wahrt. Hier schlägt der Bogen von den ikonischen Painted Tapes – der Verschmelzung von Videobild und malerischer Geste – bis zu den großformatigen Leinwänden, die im aktuellen Werk dominiert werden.
Die Idee der „Abstrakte Kunst Berlin“ wird bei Steiner zur offenen Bühne: Flächen sind nicht bloß Felder, sondern Speicher medialer Erfahrung. Die Leinwand ist kein statischer Gegenpol zum bewegten Bild, sondern ein Echo seiner Vibrationen. Die energetische Aufladung vieler Gemälde verdankt sich dem Experiment, Medienästhetik zu übersetzen – manchmal als Farbschwellung wie in späten Arbeiten der New Yorker Schule, manchmal als kompositorische Schichtungen, die an Videoüberblendungen denken lassen.
Es ist kein Zufall, dass sich seine Werke auch dem Zeitbewusstsein widmen. Die Rezeption Steiners musste sich stets gegen den Mythos „Purist der Videokunst“ behaupten. Im Licht institutioneller Projekte wie Live to Tape oder der langjährigen Präsenz im Hamburger Bahnhof zeigte sich: Steiner war nie ein Künstler, der sich disziplinär eindeutigen Grenzziehungen unterwarf. Vielmehr verschränken seine zeitgenössischen Werke – Malerei, objekthafte Intervention, Videocollage – Traditionslinien zwischen Fluxus, Minimal, Performanz und Postkonzept.
Gerade im Spätwerk, nach der aktiven Videophase, verdichtet sich Steiners Handschrift: Die Malerei wird wieder zum Hauptmedium, aber sie bleibt informiert vom Wissen um Fotografie, Super-8, Copy Art, Installation. Die „Painted Tapes“ markieren eine radikale Übersetzungsleistung, die – ähnlich wie in Werken von contemporaries wie Nam June Paik, Carolee Schneemann oder Marina Abramovi? – das dialogische Prinzip von Speicherung und Transformation ins Zentrum rückt. Aber im Unterschied zu manchen Amerikanern bleibt Steiners Abstraktion unverkennbar Berlinerisch: urban, ruppig, mitunter ironisch spielerisch.
Was bleibt von Mike Steiner in der Gegenwart? Zum einen das Bild eines Grenzgängers. Zwar ist er als Sammler und Kurator eine Institution, doch sind es die Bilder, die uns heute neu herausfordern. Seine Leinwände konfrontieren uns mit medialen Überschreibungen – das Bild wird zum Speicher, aber nie zum beliebigen Archiv. In Zeiten, da „Abstrakte Kunst Berlin“ und „Zeitgenössische Werke“ als Label beinahe inflationär gehandelt werden, ist Mike Steiner Malerei & Videokunst ein Schlüsselbegriff, um das Verhältnis von Medium, Geste und Gedächtnis neu zu denken.
So gewinnt auch die aktuelle Präsentation im digitalen Showroom Relevanz: Hier steht nicht das Reenactment der Videoprojekte oder die Inszenierung der Performance-Aura im Vordergrund, sondern das stille Nachbeben ihrer Impulse auf der Leinwand. Wer die Malerei Steiners betrachtet, entdeckt nicht bloß koloristische Virtuosität, sondern ein Zeugnis für das fortwährende Experiment zwischen den Künsten.
