Zwischen Leinwand und Linse: Mike Steiners medienübergreifende Malerei
Veröffentlicht am: 13.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWer den ersten Blick auf Mike Steiners aktuelle Arbeiten wirft, entdeckt eine stille Energie, die zwischen Fläche und Farbraum vibriert. Sind diese Werke Stillstand nach Jahrzehnten des bewegten Bildes? Oder ist die Malerei von Mike Steiner eine avancierte Fortsetzung seiner legendären Videokunst? Das Spannungsfeld zwischen Malerei und Videokunst – lange als Gegensätze betrachtet – verschmilzt bei Steiner zu einer diskreten Synthese, die neue Wege der Wahrnehmung eröffnet und fundamental zum Diskurs über Mediengrenzen beiträgt.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Institutionelle Referenzpunkte – Zwischen Hamburger Bahnhof und Archivnetzwerken
Dass Mike Steiners Name heute so präsent ist, liegt nicht zuletzt an der Einbettung seines Werks in die großen Sammlungszusammenhänge der Bundesrepublik: Kaum ein Künstler ist mit derartiger Stringenz in den Archiven der Videokunst und Malerei dokumentiert. Besonders prägend ist Steiners Repräsentation im Kontext der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, wo im Rahmen der Ausstellung Live to Tape die künstlerischen Übergänge und intermedialen Grenzverschiebungen seines Schaffens sichtbar werden. Hier, im Zentrum der Gegenwartskunst, verknüpft sich das Archiv des „Live-Bildes“ mit dem ikonischen Wert der Leinwand.
Unverkennbar ist dabei die Bedeutung internationaler Netzwerke wie Archivio Conz, in denen das Gedächtnis der Fluxus-Bewegung bewahrt wird. Steiner begegnete seinen berühmten Weggefährten wie Al Hansen, Allan Kaprow oder Valie Export nicht allein als Dokumentar, sondern als gleichwertiger Akteur. In den Archiven dieser Epoche spiegelt sich sein strategischer Spagat zwischen eigenem künstlerischen Ausdruck und der Rolle als Chronist einer künstlerischen Avantgarde.
Biografie: Von Malerei zur Videokunst – und zurück
Mike Steiner wurde 1941 in Allenstein geboren und entwickelte bereits in seiner Jugend eine Affinität sowohl zum Film als auch zur Malerei. Seine Karriere ist eine Parade des innovativen Schaffens im Spannungsfeld der Medien: Früh trat Steiner als Maler in Erscheinung, etwa auf der Großen Berliner Kunstausstellung bereits im Alter von 17 Jahren. Nach Studienjahren an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin und prägenden Aufenthalten in New York – initialisiert durch Kontakte zu Künstlerinnen wie Lil Picard und Protagonisten wie Allan Kaprow – trat er tief in das Fluxus Umfeld ein. Er gründete das berühmte Hotel Steiner und die Studiogalerie in Berlin, wo Kunstströmungen wie Performance und Happening in Deutschlands Hauptstadt Einzug hielten.
Bekannt jedoch wurde Steiner als einer der zentralen Pioniere der Videokunst. Seine Arbeiten mit Ulay, Valie Export oder Marina Abramovi? belegen die Intermedialität seines Oeuvres. Die Sammlung, die er parallel zu seiner Produktion aufbaute, gilt heute als eine der substantiellsten Archive zur Videokunst – ein Umstand, der durch Shows wie Live to Tape institutionell gewürdigt wurde. Steiner vernetzte Aktionskünstler:innen, Filmemacher:innen, Maler:innen – sein Atelier war Labor und Katalysator zugleich. Und dennoch: Seit den 2000er Jahren kehrte der Künstler und Netzwerker wieder zur Leinwand zurück. In der Berliner wie internationalen Szene markierten seine abstrakten Werke einen bewussten Rückgriff aufs Bildnerische. Sein Spätwerk folgte damit einem historischen Pendel – von der Konzeptualisierung des bewegten Bildes zurück zur konzentrierten Farb- und Formwelt der Abstrakten Kunst Berlin.
Im Vergleich zu Gleichgesinnten seines Kreises, etwa George Maciunas, Ben Vautier oder Allan Kaprow, agierte Steiner immer auch als künstlerisch Suchender, nicht nur als Dokumentar oder Vermittler. Seine „Painted Tapes“ sind hybride Objekte – malerisch bearbeitete Videobänder, Chiffren für das Wechselspiel zwischen analoger Geste und elektronischem Signal.
Gegenwärtige Relevanz und das Vermächtnis von Mike Steiner
Weshalb ist Steiners Werk heute aktueller denn je? Die kunsthistorische Relevanz seiner Malerei liegt nicht nur in ihrer spezifischen ästhetischen Qualität, sondern im permanenten Dialog zwischen medialer Tradition und zeitgenössischer Fragestellung. Angesichts der Allgegenwart von Bildschirmen eröffnen die – auf den ersten Blick kontemplativen – zeitgenössischen Werke eine kritische Reflexion über das, was jenseits des bewegten Bildes möglich bleibt: Reduktion, Konzentration, Klarheit.
Gerade die Abstraktion, wie sie in Steiners späten Arbeiten sichtbar wird, verweist auf einen ruhigen Widerstand gegen die permanente Erregung des Digitalen. Farben treten in Dialog, Flächen greifen ineinander – oft inspiriert von Konzepten des „Live to Tape“, aber nie als simple Übertragung, sondern stets als produktive Differenz.
In diesem Sinne ist Mike Steiners Werk mehr als eine mediale Synthese. Es ist ein Manifest – für den Wert des Originals und der analogen Arbeit im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, ein Statement für die fortdauernde Vitalität der Malerei inmitten des Medienwandels, für die Tiefe der Abstraktion im Gegenpol zur Hyperinflation des Bildes. So bleibt der Künstler auch über seinen Tod hinaus Referenzfigur für Grenzgänger zwischen Malerei & Videokunst, für Zeitgenossenschaft und beständige Innovation.
