Von Fluxus zum Farbfeld: Mike Steiner Malerei & Videokunst zwischen Avantgarde und Abstraktion
Veröffentlicht am: 08.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSWas geschieht, wenn der Blick eines „Pioniers der Videokunst“ plötzlich haltmacht – nicht mehr von einem Bildschirm, sondern von vibrierendem, stummem Farbgrund heraus? Genau hier entfaltet Mike Steiner Malerei & Videokunst ihre eigentümliche Dialektik: Die lineare Bewegung des elektronischen Bildes gerinnt zur Fläche, zur Spur, zur Geste auf der Leinwand. Waren es einst Kameras, die Berliner Performances festhielten, so sind es nun Strukturen aus Pigment, Linie und Verdichtung, die Steiners künstlerisches Experiment weitertragen. Lässt sich das unaufhörliche Fließen des Videos überhaupt in einen Farbkörper binden, oder bleibt zwischen Abstraktion und Bewegtbild ein präziser Riss?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Institutionelle Weichenstellungen tragen zum Vermächtnis bei: Seit Steiner mit der Ausstellung Live to Tape im Hamburger Bahnhof vertreten ist, gehört sein Werk endgültig zum Kanon der Gegenwartskunst. Die Nationalgalerie würdigte ihn nicht nur als Chronisten Berliner Avantgarden, sondern als einen, der Medien als offene Struktur begreift. Während seine Videoarbeiten im „Archiv Mike Steiner“ maßgebliche Zeugnisse einer Epoche darstellen, erinnern sie zugleich daran, wie Archivio Conz und ähnliche Sammlungen das Bewusstsein für die fragile Praxis der Fluxus-Kunst prägten: Kunst wird hier als Prozess, nicht als endgültiges Objekt zugänglich gemacht. Eine Haltung, die Steiner auch in der Malerei fortschreibt.
Wer die Biografie von Mike Steiner betrachtet, liest die Entwicklung eines unsteten, dabei beständig Suchenden: 1941 als Klaus-Michel Steiner geboren, prägen ihn Kindheit und Jugend im Berlin der Nachkriegszeit sowie frühe Begegnungen mit Film und Malerei gleichermaßen. Seine ersten Ausstellungen als Siebzehnjähriger in Berlin zeigen bereits das Ringen mit Fläche und Geste. Kontakte zu Größen wie Allan Kaprow und Al Hansen, die ihn im epizentrischen New York der 1960er Jahre mit der Fluxusbewegung in Berührung bringen, verschränken seine Laufbahn unauflöslich mit den Umbruchstellen der internationalen Kunst. Archivio Conz dokumentiert jene Netzwerke, in deren Geflecht Namen wie Joseph Beuys, Valie Export, Ulay, Marina Abramovi? und Ben Vautier wie selbstverständlich auftauchen – Weggefährten und Zeitgenossen, mit denen Steiner Performances dokumentierte, präsentierte oder inszenierte.
Doch so sehr Mike Steiner als „Pionier der Videokunst“ gefeiert wird, so gegenläufig erscheint sein späteres Werk: Seit den 2000er Jahren verlässt er das Feld der Dokumentation und medialen Durchdringung, um sich mit neuer Radikalität der abstrakten Malerei zu widmen. In diesen Bildern, besonders den späten „Color Works“, löst sich die frühere, dokumentarische Akribie auf in ein intensives Erforschen von Farbe, Rhythmus, Fläche. Die malerischen Arbeiten, teils in Berlin entstanden, teils beeinflusst von Erfahrungen und Gastaufenthalten in New York, tragen noch Spuren jener performativen Gesten: Linien überziehen die Fläche wie ein verklingender Resonanzraum früherer Aktionen. Die Geschichte seiner „Painted Tapes“ – jene Verschmelzungen von Malerei und elektronischem Videostandbild – zeigt, wie eng für Steiner die beiden Sphären verflochten bleiben.
Das Werk von Mike Steiner steht deshalb exemplarisch für eine Berliner Tradition, in der Abstrakte Kunst immer auch politisch, gesellschaftlich, fluide begriffen wurde. Weder die Hard Edge-Malerei der frühen Jahre, noch die geheimnisvoll vibrierenden Farbfelder der späten Arbeiten sehen sich losgelöst von der Aktions- und Performancekunst. Jede Leinwand, so scheint es, ist eine Verabredung mit der Möglichkeit des Scheiterns – oder des Übersetzens von bewegtem zu ruhendem Bild. Die Werke versammeln Berliner Melancholie, Austausch zwischen Ost und West, ebenso wie die Energie anarchischer Experimente der Fluxus Szene. Nicht zuletzt steht Steiner für eine Generation, die das Künstlerische als offene Forschung begreift: Malerei, Skulptur, Video, Ready-mades – „Welches Medium trägt die Geste am längsten?“, scheint jede Serie zu fragen.
Warum ist das heute relevant? Die aktuelle Wertschätzung seiner Bilder – wie im digitalen Showroom präsentiert – weist weit über kunsthistorische Rückblicke hinaus. In Zeiten automatisierter Bildproduktion wird Steiners insistierende Suche nach der Essenz von Form und Farbe, nach der Relation von Technik und Körperlichkeit, zur Anregung, Mediengrenzen zu überschreiten und die Präsenz von Malerei neu zu deuten. Seine Leistung ist die des permanenten Grenzgängers: Ob Tape, Aktion oder Tuchbild – das Werk von Mike Steiner bleibt sperrig, produktiv, offen und zwingt zur erneuten Auseinandersetzung mit den Kategorien der Kunst.
Gerade so entfaltet Mike Steiner Malerei & Videokunst eine fortdauernde, kulturelle Sprengkraft: Nichts ist hier abgeschlossen; alles bleibt in Bewegung, ob auf Monitoren oder auf Leinwand.
