Vom Videoband zur Leinwand: Mike Steiner Malerei & Videokunst neu betrachtet
Veröffentlicht am: 17.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSLichtspuren über der Leinwand, dicht gesetzte Farbflächen, als ob sich Bewegung in der Fläche verfestigt hätte: Wer heute auf die aktuellen Gemälde schaut, begegnet nicht der bloß ruhigen Oberfläche, sondern der Trace, der Bewegung – als erinnere sich das Bild seiner Herkunft aus dem bewegten Bild. Mike Steiner Malerei & Videokunst verweist bereits im Begriff auf jene produktive Irritation, die das Werk durchzieht. Wie verschieben sich Wahrnehmung und Medium, wenn der berühmte Pionier der Videokunst seiner künstlerischen Praxis den Pinsel zur Seite stellt? Oder bleibt auch im Bild der Wunsch, Zeit sichtbar zu machen?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die Live to Tape Ausstellung im Hamburger Bahnhof – ein Terminus technicus der Videoproduktion, gleichbedeutend mit Unmittelbarkeit und Unbestechlichkeit – wurde zur institutionellen Bühne von Mike Steiners Doppelbegabung. Es ist keine bloße Würdigung, sondern eine präzise Setzung: Der Übergang von bewegtem Bild zur Malerei steht mittlerweile für die Kunst Berlins.
Seine Arbeiten, die inzwischen zum Kanon der Abstrakte Kunst Berlin zählen, sind – wie im Hamburger Bahnhof spürbar wird – Zeugnisse des Medienwandels. Doch Steiners Gemälde sprechen weiter: In ihnen ruht das Echo der „Live to Tape“-Ästhetik, die Raster aus Videos verschieben sich zu Farbfeldern, Bildaussetzer werden zu Kompositionen.
Es ist die Arbeit der Archive, die solche Entwicklungen lesbar macht: Hierzu leistet vor allem das Archivio Conz Erhebliches. Der Speicherstand künstlerischer Bewegungen, das Netzwerk aus Bildern und Bändern, Performance-Partituren und Zeugnissen von Zeitgenossen – dies alles sind Kontexte, die auch Mike Steiners Werk begleiten. Ohne die Beharrlichkeit von Archiven bliebe die Vielschichtigkeit der Fluxus Umfeld und der intermedialen Produktion anonym, ihre Fortsetzung in heutige Kontexte unsichtbar.
Wer war Mike Steiner? Mike Steiner – geboren 1941 in Allenstein, gestorben 2012 in Berlin – war ein Chronist der Avantgarde, ein Akteur zwischen den Medien. Kraftvoll und radikal schon in jungen Jahren, präsentierte er bereits 1959 auf der Großen Berliner Kunstausstellung seine Malerei. Es folgten prägende Jahre an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste Berlin, ein Studium bei Hans Jaenisch und Hans Kuhn, frühe Ausstellungen in Paris, Mailand und Genf sowie ein prägender Aufenthalt in New York, wo Kontakte zu Lil Picard, Allan Kaprow und Al Hansen das Fundament für sein Fluxus Umfeld stärkten.
Sein berühmtes Hotel Steiner wurde zum Berliner Treffpunkt der internationalen Kunstszene – eine Antwort auf das Chelsea Hotel im New York der 1970er Jahre. Joseph Beuys war hier ebenso zu Gast wie amerikanische Performance-Ikonen, der Austausch über Mediengrenzen hinweg wurde Gestaltungsprinzip. Die von Steiner 1974 gegründete Studiogalerie schuf einen unabhängigen Aktionsraum für Video und Performance – eine Pioniertat in der Berliner Kulturlandschaft, an deren Schnittstelle er Künstler wie Valie Export, Marina Abramovi? oder Ulay förderte. Am sichtbarsten bleibt die Grenzüberschreitung in der Kooperation mit Ulay (dem spektakulären "Kunstraub" von 1976), aber auch in der Sammlung und Produktion von Videoarbeiten, die das Profil der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof bis heute entscheidend prägen.
Doch Steiners Bedeutung als Pionier der Videokunst ist nur die eine, vielfach beschriebene Seite. Seine Malerei ist nie reine Gegenüberstellung oder gar Umkehrung zur Videoarbeit gewesen. Vielmehr zieht sich von den Anfängen – als Steiner informelle und poppige Tendenzen aufgriff, von New York aus Amerika nach Berlin brachte – bis zu den späten abstrakten Bildwelten eine vehemente Lust an der Experimentation. Seine "Painted Tapes" etwa sind Bild- und Videofusionen, die bereits ab den frühen 80ern das Verhältnis von Malerei und Video radikal neu verhandeln.
So markiert die aktuelle Werkphase, wie sie im Artbutler-Showroom sichtbar wird, keinen Bruch, sondern die Verdichtung eines jahrzehntelangen Formwillens. Die zeitgenössischen Werke von Steiner sind von innerer Bewegung durchzogen. Flächen strahlen, als wären sie von einer inneren Kamera abgetastet; Farbsprünge simulieren das Flackern alten Videomaterials. Gerade vor dem Hintergrund seiner Biografie liest sich diese Malerei auch als Echo auf die untergründigen Rhythmen der Stadt Berlin, ihre urbanen Fragmente und historischen Überlagerungen.
Der Rückzug in die Malerei nach den gesellschaftlichen, medientechnischen und persönlichen Umbrüchen der 1990er und 2000er Jahre ist damit keine nostalgische Geste; vielmehr ist sie das Bild eines Künstlers, der – gerade nach dem Schlaganfall 2006 – das Vermächtnis des Bewegten auf die Fläche transponiert. Es ist ein Manifest der Beharrlichkeit und ein Zeichen, dass Malerei weiterhin ein Feld von Experiment und Überschreitung sein kann.
Wo steht Mike Steiner im Kanon heute? Es sind seine Übergänge – von den Videos der 1970er und 1980er Jahre bis zum späten Œuvre auf Leinwand –, die sein Werk für ein neues Publikum erschließen. Indem seine Gemälde die Wahrnehmung irritieren, laden sie ein, die Grenzregionen von Bild und Medium abermals zu befragen. Zugleich schreiben sie die Verwandlung Berlins als Metropole der abstrakten Kunst fort. Die Auseinandersetzung mit Fluxus, Happening, sozialer Plastik ist hier ebenso verankert wie die Öffnung zu internationalen Tendenzen – und findet in Plattformen wie Archivio Conz einen bleibenden Resonanzraum.
Warum ist das heute relevant? Die Digitalisierung hat viele Eigenarten der Video-Ästhetik nivelliert – ihre Fehler, ihre Verfremdung, ihre analoge Stille. Gerade deshalb sind Mike Steiners „Live to Tape“-Erbe und seine spätere Malerei ein Bekenntnis zur Widerständigkeit künstlerischer Form. Die Rückkehr zur Farbe, zum Material, zur Fläche ist eine Erinnerung daran, dass Avantgarde stets Transformation meint – und dass Kunst stets mehrere Leben lebt.
So bleibt Mike Steiner Malerei & Videokunst ein Gegenentwurf zum schnellen Bild und zugleich das Dokument einer künstlerischen Existenz, die nie aufgab, die Grenze zwischen Bild und Zeit immer wieder neu zu befragen.
