Vom Tape zur Leinwand: Mike Steiner Malerei & Videokunst als Grenzgänger zwischen den Medien
13.05.2026 - 11:11:50 | ad-hoc-news.de
Wer Mike Steiner Malerei & Videokunst in seiner jüngsten Phase betrachtet, steht vor einem Paradox: Die vibrierenden Farbfelder seiner abstrakten Gemälde scheinen zu flimmern wie Standbilder eines angehaltenen Videos. Nimmt die Leinwand hier das Erbe des bewegten Bildes auf, oder findet sich in der Geste der Malerei noch das Echo früher Fluxus-Performances? Muss Kunst tatsächlich das eine Medium für das andere verlassen, oder verweilt sie, wie bei Steiner, ewig im Dazwischen?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die Aufnahme von Steiners Werken in die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof zählt zu den institutionellen Ritterschlägen, die eine gesamtdeutsche Kunstgeschichte prägen. Das Museum würdigte nicht nur das Medium der Videokunst, sondern auch die künstlerische Haltung dahinter: Mit der Ausstellung Live to Tape wurden Steiners dokumentarische und zugleich subversive Sammlungen als Zeitdokumente erstmals umfassend in den Kontext eines Museums gehoben. Gerade im Nachklang der Ausstellung zeigte sich, wie untrennbar Werk und Archiv sind: Ohne die historische Sorgfalt von Steiner – als Sammler, Initiator, Bewahrer – gäbe es heute kein so dichtes Netzwerk bedeutender Videokunstpositionen. Der Verweis auf das internationale Netzwerk und die Bedeutung von Archiven wie dem Archivio Conz ist hier nicht bloße Fußnote, sondern verweist auf die kartografierende, oft detektivische Arbeit des Sammelns, Kontextualisierens – und letztlich: Sichtbarmachens.
Die Biografie von Mike Steiner liest sich wie ein Brennglas der westdeutschen Nachkriegskunst: Geboren 1941 in Allenstein, aufgewachsen in Berlin, wird Steiner als junger Maler bereits 1959 mit einem Stillleben auf der Großen Berliner Kunstausstellung präsent. Die frühen Jahre zeigen einen Künstler, der sich schnell zwischen informeller Malerei und experimentellem Film bewegt, von der Berliner Bohème geprägt, in den 60er Jahren mehrfach in die USA zieht und dort, unter dem Einfluss von Lil Picard, Al Hansen und Allan Kaprow, zum Pionier der Mediengrenzen wird. Im Atelier von Robert Motherwell, in den Kontaktzonen der New Yorker Avantgarde, wächst Steiners Gespür für das Spiel zwischen Konzept und Material. Zeitgleich verwebte die Berliner Szene, um Persönlichkeiten wie Joseph Beuys, Dorothy Iannone oder Ben Vautier, die bildnerische Geste mit performativen Strategien – das Hotel Steiner wird zum Knotenpunkt dieser Strömung.
In intensiver Nähe zum Fluxus-Umfeld, mit Akteur:innen wie George Maciunas und Nam June Paik, verschränkt Steiner Kunst und Dokument, Aktion und Archiv, Bild und Handlung: Seine Berliner Studiogalerie bietet ab 1974 erstmals ein freies Forum für Videokunst – und trägt maßgeblich dazu bei, Künstlerinnen wie Valie Export, Carolee Schneemann oder Marina Abramovi? (deren legendäre Performance „Freeing the Body“ Steiner mit der Videokamera festhielt) zu positionieren. Legendär bleibt die Kuratierung und Dokumentation der Intervention „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976) mit Ulay – ein Ereignis, das als performativer Kunstraub in die Annalen eingegangen ist. Steiner steht, im Vergleich zu seinen Zeitgenossen, für die konsequente Überwindung disziplinärer Grenzen: Wo andere auf ein Medium festgeschrieben bleiben, sorgt gerade Steiners Wechsel (und Wiederkehr) zwischen Malerei, Video, Installation und Performance für eine neuartige Verknüpfung künstlerischer Praktiken.
Ab den 1980er Jahren intensiviert sich Steiners Suche nach adäquatem Ausdruck: Die bemalten „Painted Tapes“ fusionieren Malerei und Video zu einer neuen Form – eine Transformation der Flüchtigkeit elektronischer Bilder in die Ruhe der Leinwand. Zu dieser Zeit gewinnen auch seine abstrakten Kompositionen an Format und Eigenständigkeit. Spätestens mit der großformatigen Einzelausstellung „Color Works“ (Hamburger Bahnhof, 1999) wird der Bogen von der Aktion zur Reflexion, von der dokumentarischen Energie der 70er Jahre zur farblichen Verdichtung auf der Leinwand sichtbar. In den 2000er Jahren rückt Steiner ganz entschieden die „Abstrakte Kunst Berlin“ ins Zentrum seines Schaffens – seine Bilder werden zu dichten, mal vibrierenden, mal zurückgenommenen Farbräumen, in denen die Erfahrung von Bewegung, Sequenz und Montage als Nachklang bleibt. Es ist ein malerischer Blick aus dem Auge des Videopioniers.
Sein OEuvre ist dabei nie nostalgisch: Die „zeitgenössischen Werke“ Steiners fordern weiterhin das Aufmerksamkeitspotenzial des Betrachtenden heraus – indem sie das Flüchtige, das aus den Videos und Performances stammt, materialisieren. Zugleich erinnern sie an eine Zeit, in der die malerische Geste und die digitale Technik noch Gleichberechtigung suchten. Steiner bleibt in seinen späten Jahren produktiv, arbeitet bis 2012 im Berliner Atelier, zeigt sich auf internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie als Teil der dokumentarischen und performativen Strömungen. Seine Entwicklung von Performativität zur reinen Abstraktion bleibt symptomatisch für viele, die das Erbe der Avantgarde zur Gegenwart nehmen: „From live to tape, from tape to canvas“ – jede Phase ist Produkt und Reflex der anderen.
Heute, wo die Grenzüberschreitung zwischen digitalen Techniken und klassischer Malerei wieder Konjunktur hat, erscheint Steiners Weg von exemplarischer Aktualität. Bei der Betrachtung der Malerei von Mike Steiner verschieben sich die historischen Schichten: Die Fluchtpunkte der Videokunst, das anarchisch-spielerische Potential des Fluxus und das fortwährende Befragen der Medien – all dies ist noch in der Stille seiner Bilder eingelagert. Gerade im Diskurs um „Abstrakte Kunst Berlin“ und „zeitgenössische Werke“ nimmt Steiner eine exemplarische Position ein: Seine Gemälde sind keine losgelösten Artefakte, sondern kondensieren Erfahrungen, die von den Vorstößen der 1970er bis in die Gegenwart reichen.
Somit illustriert Mike Steiner Malerei & Videokunst nicht nur ein wechselvolles Künstlerleben, sondern gibt der Frage nach dem Wesen des Bildes eine zeitlose Wucht: In jedem Pinselzug hallt eine performative Vergangenheit nach – und in jedem gemalten Bild schimmert das Erbe des Live-Bildes weiter.
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