Vom bewegten Bild zur Fläche: Mike Steiners Malerei neu betrachtet
25.05.2026 - 11:11:22 | ad-hoc-news.deEin Gemälde von Mike Steiner hängt im Raum: Die Farben prallen aufeinander, Linien irren scheinbar orientierungslos über die Leinwand. Was bleibt, wenn ein Pionier der bewegten Bilder den Pinsel wieder zur Hand nimmt? Unter dem Stichwort Mike Steiner Malerei & Videokunst offenbart sich die These, dass jede Abstraktion ein Echo des Zeitgefühls ist. Doch können Leinwand und Video überhaupt dieselbe künstlerische Radikalität vermitteln? Oder vergisst das Auge leicht, was sich im Flimmern der Zeit eingeschrieben hat?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Wer über die reine Bildfläche hinausdenkt, findet Steiner bereits ins Gedächtnis einer Institution eingeschrieben. Die Live to Tape-Ausstellung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof würdigte ihn nicht nur als Chronisten, sondern als jemanden, der an der Schwelle von Video und Malerei einen neuen Grundton europäischer Avantgarde anschlug. Im Kontext prominenter Archive – allen voran das Archivio Conz – wird offensichtlich, wie sehr Steiner mit Künstlern wie George Maciunas, Nam June Paik oder Marina Abramovi? einen internationalen Dialog begründete, für Berlin ebenso wie darüber hinaus. Archive dienen hier mehr als nur der Erinnerung an vergangene Kunstereignisse: Sie sind Zeugen jener künstlerischen Energie, die Steiner einst in das Medium Video und nun in seine abstrakte Malerei transportiert.
Die Biografie Mike Steiners liest sich wie eine Chronik radikaler Medien- und Formenwechsel. Geboren 1941 im ostpreußischen Allenstein und nach dem Krieg in Berlin beheimatet, war Steiner in seiner Jugend Teil der Kreuzberger Bohème und Mitinitiator wichtiger Selbsthilfegalerien. Der Sprung über den Atlantik – ein Stipendium führte ihn nach New York – erwies sich als biografische Initialzündung: Kontakte zu Lil Picard, Allan Kaprow oder Al Hansen – alles zentrale Akteure des Fluxus und der Konzeptkunst, wie sie heute im Archivio Conz dokumentiert sind – prägten sein Verständnis von Kunst als offenes, prozessorientiertes Feld. Mit seinem berühmten Hotel Steiner in Berlin etablierte er einen realen Treffpunkt für internationale Künstler, darunter Joseph Beuys oder Arthur Køpcke.
Steiner galt rasch als Pionier der Videokunst und war Schlüsselfigur der Berliner Szene – eine Rolle, die ihm auch seine experimentellen Formate wie die Studiogalerie oder die TV-„Videogalerie” (1985–1990) sicherte. Dennoch kehrte er um die Jahrhundertwende zur Abstrakten Kunst Berlin zurück. In den letzten Jahrzehnten konzentrierte sich sein Schaffen auf Malerei und freie Kompositionen: Eine überraschende, aber logische Fortsetzung der sonst ephemeren, zeitspezifischen Kunst. Die gestische Wildheit, das Ringen mit Form und Fläche, kennzeichnet seine Leinwände und knüpft dennoch ein unsichtbares Band zur Zeitgenossenschaft der Live to Tape Ausstellung, die seine Videoarbeiten im Kanon mit anderen radikalen Stimmen der Moderne zeigt.
Vergleicht man Steiner mit seinen Weggefährten – von Gary Hill über Valie Export bis zu Bill Viola – so fällt seine mediale Beweglichkeit auf. Während andere im Raster eines einzigen Mediums verblieben, provozierte Steiner immer wieder einen Bruch, immer wieder Transformation. Auch sein „Painted Tapes”-Konzept – eine Verschmelzung von Malerei und Videostill – unterstreicht ein künstlerisches Selbstverständnis, das den Wechsel feiert, nicht die Beharrung.
Was bleibt also von Mike Steiner? Zwischen den Polen Pionier der Videokunst und Maler der Jetztzeit bewegt sich seine Praxis souverän entlang der Grenzlinien von Zeit und Medium. Die Vielfalt der zeitgenössischen Werke ist Ausdruck einer fortwährenden künstlerischen Erkundung, die der Schnelllebigkeit digitaler Bilder eine stille Beharrlichkeit entgegensetzt. Relevant sind Steiners Malereien heute, weil sie zeigen, wie aus der Sehnsucht nach Prozess und Veränderung eine Bildsprache entsteht, die noch immer Fragen stellt – an das Auge, den Kanon, die Geschichte.
Gerade deshalb markiert das aktuelle Schaffen Mike Steiners mehr als nur ein künstlerisches Spätwerk. Es ist ein Brückenschlag: Von der Abstraktion in Berlin zurück zur universellen Sprache der Moderne, und von dort zur permanenten Befragung dessen, was Kunst leisten kann. Mike Steiner Malerei & Videokunst bleibt damit gleichsam eine Einladung, künstlerische Medien nicht als Gegensätze, sondern als zirkulierende Energien zu betrachten. Ein Impuls, der weiterwirkt.
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