Vivantes: Tarifkonflikt um gleichen Lohn eskaliert
19.01.2026 - 21:39:12Berlin – Ein heftiger Streit um gleiche Bezahlung und Arbeitsbedingungen bei Berlins landeseigenem Klinikkonzern Vivantes spitzt sich zu. Die Gewerkschaft ver.di lehnt das erste Angebot der Geschäftsführung für rund 2.500 Mitarbeiter in Tochtergesellschaften als völlig unzureichend ab. Im Kern geht es um die vollständige Anwendung des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD).
Die erste Verhandlungsrunde zwischen ver.di und Vivantes für die Beschäftigten in Service, Logistik und Reinigung offenbarte tiefe Gräben. Während der Konzern ein Angebot vorlegte, sieht die Gewerkschaft darin keine Basis für weitere Gespräche. Der Konflikt dreht sich um die Forderung, die „Zweiklassengesellschaft“ im Unternehmen zu beenden. Mitarbeiter der Tochterfirmen verdienen für vergleichbare Arbeit teils mehrere hundert Euro weniger im Monat als Kollegen der Hauptgesellschaft.
Ver.di verlangt die sofortige und vollständige Übernahme des TVöD für alle Beschäftigten der Vivantes-Töchter. Die Gewerkschaft rechnet vor: In Bereichen wie Reinigung, Küche oder Technik liegen die Gehälter monatlich zwischen 300 und 600 Euro unter denen der Stammbelegschaft. Zu den Kernforderungen gehören neben der Eingruppierung nach TVöD auch eine Einmalzahlung von 2.000 Euro, drei zusätzliche Urlaubstage für Gewerkschaftsmitglieder und ein Recht auf Vollzeit für Teilzeitkräfte. Ein zentraler Streitpunkt ist die betriebliche Altersvorsorge (VBL), die den Tochtergesellschafts-Mitarbeitern fehlt.
Betriebsräte und betroffene Beschäftigte aufgepasst: Wer die eigenen Mitbestimmungsrechte kennt, verhandelt deutlich stärker. Ein kostenloses E‑Book erklärt kompakt die wichtigsten Rechte nach §87 BetrVG zu Arbeitszeit, Überwachung und Lohngestaltung, liefert praxisnahe Checklisten und Musterfragen an die Geschäftsleitung – ideal für Betriebsräte, Personalräte und Mitarbeiter, die ihre Ansprüche durchsetzen wollen. Jetzt kostenlosen Leitfaden zum Betriebsverfassungsgesetz herunterladen
Das Management von Vivantes reagierte mit einem Angebot zum Verhandlungsauftakt am 14. Januar 2026. Es sieht eine schrittweise Angleichung der Gehälter auf 100 Prozent des TVöD bis zum 1. Januar 2030 vor. Für das lauf Jahr würde das eine Erhöhung um 6,8 Prozent bedeuten. Der Konzern schlug zudem Verhandlungen über einen neuen „Gesundheitstarifvertrag“ vor und wollte im Zweitagesrhythmus zu einer schnellen Einigung kommen – allerdings unter der Bedingung eines Streikverzichts während der Gespräche.
Gewerkschaft lehnt „unzumutbaren“ Zeitplan ab
Die ver.di-Tarifkommission wies das Angebot umgehend zurück. Die Gewerkschaft kritisiert den fünfjährigen Zeitplan bis zur vollen Angleichung als „unzumutbar“. Zudem seien wesentliche TVöD-Bestandteile wie die betriebliche Altersvorsorge ausgeklammert. Ver.di wirft dem Konzern vor, mit der geplanten Kürzung der Jahressonderzahlung für Neueingestellte sogar Verschlechterungen zu planen. Die Einmalzahlung und Sonderzulagen fehlten komplett. Die Kommission berät nun mit ihren Mitgliedern an allen Vivantes-Standorten über das weitere Vorgehen.
Politischer Druck im Wahljahr
Der Konflikt hat eine politische Dimension. Ver.di verweist auf den Koalitionsvertrag von CDU und SPD im Berliner Senat. Darin hatten sich die Regierungsparteien verpflichtet, die Vivantes-Töchter wieder in den Hauptkonzern zu reintegrieren – was die Tarifangleichung automatisch geregelt hätte. Die Gewerkschaft wirft der Koalition nun Bruch dieses Versprechens vor und kündigt an, das Thema im laufenden Wahljahr prominent zu machen.
Die Stimmung ist angespannt. Das nächste formelle Verhandlungsgespräch ist für den 10. Februar angesetzt. Die Gewerkschaft sondiert derzeit die Lage unter ihren Mitgliedern. Die Gefahr von flächendeckenden Streiks bei Berlins größtem kommunalem Klinikversorger wächst. Der Ausgang des Streits wird nicht nur über die Zukunft tausender systemrelevanter Krankenhausbeschäftigter entscheiden. Er wird auch zum Lackmustest für politische Versprechen zu fairer Bezahlung im öffentlichen Dienst.


