Tomra, Systems

Tomra Systems ASA: Zwischen zyklischer Schwäche und langfristiger Wachstumsstory

30.12.2025 - 06:00:27

Die Tomra-Aktie hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Analysten bleiben jedoch mehrheitlich zuversichtlich, dass der Recycling- und Sortierspezialist vor einem operativen Wendepunkt steht.

Die Aktie von Tomra Systems ASA sorgt an der Börse für gemischte Gefühle: Während kurzfristig Enttäuschung über schwache Quartalszahlen und eine eingetrübte Gewinnentwicklung dominiert, halten viele Investoren an der langfristigen Zukunftsvision des norwegischen Spezialisten für Rücknahme-, Sortier- und Recyclinglösungen fest. Der Kurs spiegelt diesen Spagat wider – zwischen Nachhaltigkeitsfantasie und der harten Realität eines konjunkturabhängigen Investitionsgütergeschäfts.

Weitere Hintergründe zu Tomra Systems ASA und ihrem Geschäftsmodell im Überblick

An der Börse Oslo notiert die Tomra-Aktie zuletzt um die 150 bis 160 norwegischen Kronen und damit deutlich unter früheren Höchstständen. In den vergangenen fünf Handelstagen zeigte sich der Kurs volatil, aber insgesamt eher richtungslos: nach einem schwächeren Start folgten technische Gegenbewegungen, ohne dass ein klarer Aufwärtstrend entstanden wäre. Auf Sicht von drei Monaten überwiegt ohnehin der Druck – die Notierung liegt spürbar unter den Niveaus des Frühherbstes, was auf eine anhaltend skeptische Grundhaltung vieler Marktteilnehmer schließen lässt.

Auch der Blick auf die Spanne der vergangenen zwölf Monate unterstreicht diese Nervosität. Das Wertpapier hat sich deutlich vom 52-Wochen-Hoch entfernt, das im Bereich um 190 norwegische Kronen lag, und bewegt sich näher an der unteren Hälfte der Handelsspanne, deren Tief etwa bei 130 Kronen ausgebildet wurde. Das Sentiment wirkt damit eher defensiv bis vorsichtig, von einem klassischen Bullenmarkt ist die Aktie derzeit weit entfernt. Gleichwohl signalisieren Handelsvolumen und Kursmuster, dass sich nach der Korrekturphase ein Bodenbildungsprozess abzeichnet.

Ein-Jahres-Rückblick: Das Investment-Szenario

Wer vor rund einem Jahr bei Tomra Systems ASA eingestiegen ist, braucht derzeit starke Nerven. Damals kostete die Aktie zum Handelsschluss noch rund 180 norwegische Kronen. Ausgehend vom aktuellen Kursniveau um die 155 Kronen ergibt sich ein Rückgang von etwa 14 Prozent. Aus einem 10.000-Kronen-Investment wären so nur noch gut 8.600 Kronen geworden – ein Minus, das in einem von Zinsen und Wachstumstiteln geprägten Umfeld schmerzt.

Emotional ist die Lage entsprechend zwiespältig: Frühere Höchststände nähren bei Altaktionären die Hoffnung auf eine Rückkehr zu besseren Zeiten, während die jüngste Underperformance gegenüber dem Gesamtmarkt Zweifel schürt, ob Tomra seine frühere Wachstumsdynamik kurzfristig wieder erreichen kann. Für langfristige Anleger, die den strukturellen Trend zu mehr Automatisierung, höherer Sammelquote bei Pfandsystemen und strengeren Recyclingquoten in den Vordergrund stellen, ist die aktuelle Bewertung dagegen eher als Konsolidierungsphase nach einem langjährigen Aufwärtstrend zu interpretieren.

Aktuelle Impulse und Nachrichten

Für frische Impulse sorgten zuletzt die jüngsten Quartalszahlen und Ausblicke des Unternehmens. Tomra musste bei wichtigen Kennziffern einen deutlichen Gegenwind einräumen: In der Sortier- und Recyclingtechnik verhielten sich Kunden angesichts des schwächeren konjunkturellen Umfelds deutlich zurückhaltender, größere Investitionsprojekte wurden zum Teil verschoben. Dies bremste den Auftragseingang und belastete die Margen, zumal das Unternehmen weiterhin in neue Technologien und Kapazitäten investiert. Auch im Geschäft mit Rücknahmeautomaten für Pfandsysteme zeigte sich zwar eine solide Basisnachfrage, gleichzeitig wirkten sich jedoch höhere Kosten und Projektverzögerungen dämpfend auf die Profitabilität aus.

Vor wenigen Tagen reagierte das Management mit einer stärkeren Fokussierung auf Effizienz und Kostenkontrolle. Tomra arbeitet an Programmmaßnahmen, um die operative Marge mittelfristig wieder in Richtung der früher angestrebten zweistelligen Prozentwerte zu führen. Zudem betont der Vorstand, dass die langfristigen Wachstumstreiber unverändert intakt seien: zunehmende gesetzliche Anforderungen für Mehrweg- und Einwegpfandsysteme in Europa und Nordamerika, die schrittweise Einführung von Rücknahmeinfrastrukturen in weiteren Märkten sowie politische Initiativen zur Kreislaufwirtschaft. Für kurzfristig orientierte Anleger dominierten jedoch zuletzt die Gewinnwarnungen und die spürbar nach unten angepassten Ergebniserwartungen, was den Kurs unter Druck hielt.

Das Urteil der Analysten & Kursziele

Interessant ist der Blick auf die Einschätzungen großer Analysehäuser, die in den vergangenen Wochen aktualisiert wurden. Mehrere Banken haben ihre Kurziele nach unten angepasst, ohne jedoch die Investmentstory grundsätzlich infrage zu stellen. So stufte etwa die UBS die Aktie zwar weiterhin mit einer neutralen Empfehlung ein, senkte aber das Kursziel auf ein Niveau leicht oberhalb des aktuellen Marktkurses und begründete dies mit dem langsameren Wachstumstempo und einer vorsichtigeren Einschätzung der Margenerholung.

Auch nordische Institute wie DNB Markets und Pareto Securities haben ihre Modelle überarbeitet. Während DNB die Einstufung "Halten" beibehielt und das Zielband im Bereich von etwa 160 bis 170 norwegischen Kronen verortete, zeigte sich Pareto etwas optimistischer und sieht auf Sicht von zwölf Monaten einen fairen Wert, der rund 10 bis 20 Prozent über der aktuellen Notiz liegen könnte. International agierende Häuser wie JP Morgan oder Goldman Sachs führen Tomra zwar nicht als Top-Pick im europäischen Industriebereich, heben jedoch die starke Marktstellung in Nischen wie Pfandsystemen und optischer Sortiertechnik positiv hervor. Insgesamt ergibt sich aus den jüngsten Studien ein gemischtes Bild: Das Gros der Analysten bewegt sich zwischen "Halten" und verhaltenem "Kaufen", mit Kurszielen, die im Durchschnitt einen moderaten Aufschlag gegenüber dem aktuellen Kurs signalisieren, aber keine spektakulären Sprünge erwarten lassen.

Ausblick und Strategie

Für den weiteren Kursverlauf der Tomra-Aktie werden die kommenden Quartale entscheidend sein. Aus Anlegersicht steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, ob es dem Unternehmen gelingt, die Profitabilität wieder nachhaltig zu steigern. Dazu muss Tomra zum einen die laufenden Effizienzprogramme konsequent umsetzen und zum anderen den Spagat zwischen notwendigen Zukunftsinvestitionen und Kostenkontrolle meistern. Entscheidend wird zudem, wie schnell sich größere Investitionsprojekte in der Recycling- und Sortiertechnik wieder beleben, sobald sich die konjunkturelle Unsicherheit abschwächt.

Strukturell spricht vieles für Tomra: Weltweit werden Pfandsysteme ausgeweitet, etwa für Einweg-Getränkeverpackungen. Zahlreiche Länder arbeiten an strengeren Vorgaben zur Sammelquote, was den Bedarf nach automatisierten Rücknahme- und Sortierlösungen erhöht. Hinzu kommen regulatorische Vorgaben zu Recyclingquoten und Rezyklatanteilen in Verpackungen, die den Druck auf Hersteller und Handelsketten erhöhen, geschlossene Kreisläufe zu etablieren. Tomra ist in diesen Segmenten ein technologischer Vorreiter mit hoher installierter Basis – ein wesentlicher Burggraben gegenüber aufstrebenden Wettbewerbern.

Gleichzeitig bleibt das Unternehmen jedoch konjunktursensibel: Investitionsentscheidungen von Getränkeabfüllern, Handelskette oder Recyclingunternehmen hängen von allgemeinen Wirtschaftsaussichten, Finanzierungskosten und politischen Rahmenbedingungen ab. In Phasen hoher Unsicherheit neigen Kunden dazu, Projekte zu verschieben, was die Volatilität im Auftragseingang erhöht. Für die Börse bedeutet dies, dass die Aktie tendenziell stärker auf Stimmungsumschwünge reagiert als klassische defensive Konsumtitel – sie ist ein zyklischer Nachhaltigkeitswert.

Strategisch setzt Tomra daher auf eine Mischung aus organischem Wachstum in den Kernmärkten und der Erschließung neuer Regionen. Insbesondere in Südeuropa, Teilen Osteuropas, aber auch in Nordamerika und ausgewählten asiatischen Märkten sieht das Management weiteres Potenzial für nationale oder regionale Pfandsysteme. Im Bereich industrieller Sortiertechnik wird an neuen Sensortechnologien gearbeitet, die eine noch präzisere Trennung von Wertstoffen ermöglichen und damit höhere Ausbeuten und bessere Recyclingqualität versprechen. Langfristig könnte dies zusätzliche Einnahmequellen durch softwaregestützte Optimierung und datenbasierte Services erschließen.

Für Anleger bedeutet dies: Kurzfristig bleibt Tomra ein Wertpapier mit erhöhtem Schwankungsrisiko, das stark von Nachrichten zu Auftragseingang, Margenentwicklung und regulatorischen Initiiven geprägt wird. Wer bereits engagiert ist, sollte die weitere Kommunikation des Managements zu Fortschritten bei Effizienzprogrammen und zur Entwicklung der Projektpipeline genau verfolgen. Neueinsteiger wiederum könnten die aktuelle Konsolidierungsphase als Gelegenheit betrachten, eine Position in einem strukturellen Gewinner der globalen Kreislaufwirtschaft aufzubauen – vorausgesetzt, sie bringen die Bereitschaft mit, konjunkturelle Ausschläge auszusitzen und den Anlagehorizont eher in Jahren als in Quartalen zu bemessen.

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