Temu, Shein

Temu & Shein: Das Ende der zollfreien Schnäppchen beginnt jetzt

04.01.2026 - 04:13:12

Die EU führt ab Juli 2026 eine pauschale Zollabgabe für Niedrigwertimporte ein. Bereits jetzt erhöhen nationale Gebühren, wie in den Niederlanden, die Kosten für Verbraucher und stellen die Branche vor große Herausforderungen.

Die Ära der ultra-günstigen Online-Einkäufe aus Nicht-EU-Ländern steht vor der größten Zäsur seit Jahrzehnten. Während die EU-weite Einführung einer pauschalen 3-Euro-Zollabgabe erst für Juli 2026 geplant ist, spüren Millionen Verbraucher die neuen Handelsbarrieren bereits jetzt. Denn die Niederlande haben zum Jahresbeginn eine eigene nationale Bearbeitungsgebühr eingeführt – und setzen damit ein Signal, das den gesamten grenzüberschreitenden E-Commerce umkrempeln wird.

Hintergrund ist der historische Beschluss der EU-Finanzminister vom Dezember 2025. Er schließt ein Schlupfloch: Bislang konnten Milliarden von Paketen mit einem Warenwert unter 150 Euro zollfrei in den EU-Binnenmarkt gelangen. Ein System, das europäische Händler und Politiker seit langem als unfairen Wettbewerb und Sicherheitsrisiko kritisieren. Die neue, vereinfachte Abgabe soll den Verwaltungsaufwand bewältigen, den der Massenansturm kleiner Pakete verursacht.

Doch noch bevor die einheitliche EU-Regelung greift, sorgt ein nationaler Flickenteppich für Verwirrung und höhere Kosten. Die Logistikbranche und Online-Marktplätze kämpfen bereits mit den ersten Auswirkungen.

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Der „niederländische Dominoeffekt“: Nationale Gebühren treiben Kosten

Seit dem 1. Januar 2026 erheben die niederländischen Zollbehörden eine nationale Bearbeitungsgebühr von 2 Euro pro Zollposition. Sie trifft genau jene Niedrigwertsendungen, die ab Juli auch die EU-Abgabe zahlen müssen. Für Verbraucher bedeutet das: Ein Paket mit drei Artikeln kann bereits jetzt mit 6 Euro zusätzlicher Gebühren belastet werden – noch bevor der eigentliche EU-Zoll hinzukommt.

Die Niederlande agieren als wichtiges Logistik-Drehkreuz Europas und setzen damit ein Signal. Branchenbeobachter erwarten, dass andere Mitgliedstaaten wie Belgien oder Frankreich bald mit ähnlichen nationalen Gebühren nachziehen könnten, möglicherweise schon im Frühjahr 2026. Für Plattformen wie Shein, Temu und AliExpress entsteht so ein komplexes Kosten-Patchwork, das sie zwingt, ihre Preismodelle zielgenau anzupassen.

So funktioniert die 3-Euro-Abgabe: Pauschal statt kompliziert

Der Kern der Reform ist radikal vereinfacht: Ab dem 1. Juli 2026 fällt eine pauschale Zollabgabe von 3 Euro pro Artikel an, klassifiziert nach seiner Zolltarifnummer. Sie ersetzt das bisherige, für Massensendungen unpraktikable Einzeltarifsystem.

Die wichtigsten Details der inzwischen konkretisierten Regelung:
* Gebühr pro Artikel: Die Abgabe wird nicht pauschal pro Paket, sondern pro Warengruppe im Paket fällig. Drei Artikel aus unterschiedlichen Zollkategorien in einer Bestellung kosten also 9 Euro Abgabe.
* Freigrenze fällt: Die bisherige Bagatellgrenze von 150 Euro entfällt. Grundsätzlich unterliegen alle Waren der Zollabfertigung.
* Übergangslösung: Die Pauschale gilt nur bis zum Start des voll digitalisierten EU-Zolldatenhubs voraussichtlich 2028. Dann soll ein differenzierteres System mit Prozentsätzen (z.B. 5%, 8%, 12%) kommen.

Das Ausmaß der Herausforderung ist gewaltig: 2024 kamen etwa 4,6 Milliarden Niedrigwertpakete in die EU, über 90% davon aus China. Die Pauschale ist aus Sicht der Behörden der einzige Weg, diesen Strom ohne kompletten Handelsstillstand zu bewältigen.

Branche im Anpassungsstress: Wer zahlt die Rechnung?

Die Reaktionen aus Logistik und E-Commerce sind hektisch. Speditionen und Zollabwickler warnen vor einem „Compliance-Engpass“. Die Nachfrage nach DDP-Lösungen („Delivered Duty Paid“) schnellt in die Höhe. Ziel ist es, die neuen Gebühren bereits an der Kasse zu erheben, nicht erst bei der Lieferung. Denn unangekündigte Nachzahlungen an der Haustür führen erfahrungsgemäß zu massenhaften Paketrückweisungen – ein Albtraum für die Retourenlogistik.

Die großen Online-Marktplätze passen unterdessen still ihre Strategien an. Marktbeobachter erkennen erste Änderungen in den Bezahlprozessen und AGB für europäische Kunden. Es wird spekuliert, ob einige Anbieter die 3-Euro-Gebühr zeitweise subventionieren, um Marktanteile zu halten, oder Artikel geschickter bündeln, um die Anzahl der Zollpositionen pro Paket zu minimieren.

Europäische Handelsverbände wie der Handelsverband Deutschland (HDE) begrüßen die Entwicklung grundsätzlich. Sie sehen endlich einen Schritt in Richtung „level playing field“. Heimische Händler, die seit jeher volle Abgaben zahlen, waren lange im Nachteil. Skepsis bleibt jedoch bei der praktischen Durchsetzung und der Gefahr von Betrug durch falsche Warenangaben.

Ausblick: Werden Gebühren gestapelt?

Nach dem niederländischen Start konzentriert sich die Branche auf die sechs Monate bis zum EU-weiten Rollout im Juli. Eine zentrale offene Frage: Werden nationale Gebühren und EU-Abgabe aufaddiert? Aktuelle Interpretationen legen nahe: Ja. Die 3 Euro fließen in den EU-Haushalt, die nationalen Bearbeitungsgebühren decken lokale Verwaltungskosten. Ein Artikel könnte so schnell 5 Euro oder mehr zusätzlich kosten.

Die EU-Kommission wird in den kommenden Wochen detaillierte IT-Vorgaben für die neue Abgabe veröffentlichen. Die Botschaft für alle im grenzüberschreitenden Handel ist klar: Die Ära der mühelosen Zollfreiheit ist vorbei. Unternehmen müssen jetzt ihre Produktkataloge überprüfen, Zolltarifnummern aktualisieren und Kunden transparent über die neuen Kosten informieren. Wer das verschläft, riskiert festgesetzte Lieferungen und verärgerte Kunden – genau dann, wenn die neuen Regeln verbindlich werden.

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