Recruiting, Fairness

Recruiting 2026: Fairness wird Pflicht – und zum Wettbewerbsvorteil

05.01.2026 - 20:22:12

Eine neue EU-Richtlinie zwingt Unternehmen ab Juni 2026 zu mehr Gehaltstransparenz und fairen Verfahren. Der Fachkräftemangel macht diese Compliance zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Die deutsche Wirtschaft startet mit einem Paukenschlag ins neue Jahr: „Fairness by Design“ ist der bestimmende Trend im Recruiting. Getrieben wird er von einer akuten Fachkräftelücke und einer neuen EU-Gesetzgebung, die Unternehmen ab Juni zu mehr Transparenz zwingt.

Der neue Standard: Gerechtigkeit von Anfang an

„Fairness by Design“ ist kein bloßes Schlagwort mehr, sondern betriebliche Notwendigkeit. Der Ansatz verlangt, dass Chancengleichheit direkt in die Bewerbungsprozesse integriert wird – und nicht erst nach der Einstellung korrigiert werden muss. Experten fordern einen Abschied vom Bauchgefühl hin zu standardisierten, kompetenzbasierten Auswahlverfahren. Strukturierte Interviewleitfäden und objektive Bewertungskriterien sollen unbewusste Vorurteile minimieren.

Die Dringlichkeit ist enorm: Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert für 2027 eine Lücke von rund 728.000 Fachkräften. In diesem angespannten Markt können sich Unternehmen unfaire Verfahren nicht mehr leisten. „Firmen unterschätzen oft, wie entscheidend die ersten digitalen Kontaktpunkte sind“, warnt Jochen Moll, Geschäftsführer der Personalberatung Atoria. Klobige Bewerbungsformulare und schleppende Antwortzeiten schrecken ab – fast zwei Drittel der Kandidaten brechen komplexe Bewerbungen ab.

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Die gesetzliche Deadline: Die Entgelttransparenz-Richtlinie

Der eigentliche Treiber für 2026 ist jedoch ein strenger gesetzlicher Zeitplan. Deutschland muss die EU-Entgelttransparenzrichtlinie bis zum 7. Juni 2026 in nationales Recht umsetzen. Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) wird den Gesetzentwurf noch im Januar vorlegen.

Die Neuregelung wird das deutsche Recruiting grundlegend verändern:
* Gehaltsspannen in Stellenanzeigen: Arbeitgeber müssen voraussichtlich Gehaltsbänder oder Einstiegsgehälter in der Ausschreibung oder vor dem ersten Gespräch offenlegen.
* Verbot von Gehaltshistorie-Fragen: Nach dem bisherigen Gehalt zu fragen, wird untersagt, um historische Lohnlücken nicht zu zementieren.
* Auskunftsrecht: Beschäftigte erhalten ein starkes Recht, Informationen zum Durchschnittsgehalt von Kollegen in vergleichbarer Tätigkeit – aufgeschlüsselt nach Geschlecht – zu erfragen.

Rechtsexperten warnen vor einer „gold-plated“-Umsetzung: Deutschland könnte die Anforderungen über die EU-Mindeststandards hinaus ausweiten und mehr Unternehmen erfassen.

Von der Theorie zur messbaren Verantwortung

Strategien für Vielfalt, Gleichberechtigung, Inklusion und Zugehörigkeit (DEIB) entwickeln sich vom Weichfaktor zum harten Wirtschaftstreiber. Studien, unter anderem von McKinsey, legen nahe, dass Unternehmen mit diversen Führungsteams eine bis zu 60 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, ihre Wettbewerber finanziell zu übertreffen.

Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Recruiting steht im Zeichen der Fairness. Vor dem Hintergrund des EU-KI-Gesetzes, das hohe Anforderungen an Hochrisiko-Systeme – dazu zählen Bewerbungstools – stellt, überprüfen Personalabteilungen ihre Algorithmen. Ziel ist es, sicherzustellen, dass automatisierte Screening-Tools nicht unbeabsichtigt diskriminieren.

Geschwindigkeit wird zudem selbst zum Fairness-Faktor. Eine Stepstone-Studie zeigt: 61 Prozent der Bewerber erwarten innerhalb einer Woche Feedback. Verzögerungen werden zunehmend als mangelnder Respekt und Intransparenz gewertet – und schaden direkt der Arbeitgebermarke.

Compliance als Wettbewerbsvorteil

Die Konvergenz aus Fachkräftemangel und neuen Transparenzgesetzen erzeugt für Personalabteilungen ein perfektes Sturmhoch. Die traditionell deutsche Geheimhaltung bei Gehaltsdaten kollidiert mit einer Talent-Generation, die Offenheit einfordert.

Beobachter sehen in „Fairness by Design“ die Chance, Compliance in einen Wettbewerbsvorteil zu verwandeln. Unternehmen, die freiwillig transparente Gehaltsstrukturen und vorurteilsfreie Algorithmen vor der Juni-Deadline einführen, werden Top-Talente anziehen, die Wert auf Gerechtigkeit legen. Wer dagegen abwartet, bis das Gesetz ihn zwingt, riskiert Imageschaden und rechtliche Auseinandersetzungen – zumal sich in Diskriminierungsfällen die Beweislast zunehmend auf den Arbeitgeber verlagert.

Was jetzt auf Unternehmen zukommt

Die kommenden Wochen sind entscheidend. Personalverantwortliche sollten die Ankündigungen des Bundesfamilienministeriums zum Gesetzentwurf genau verfolgen. Nach der Veröffentlichung wird ein zügiges Gesetzgebungsverfahren erwartet.

Bereits bis Ende des ersten Quartals 2026 dürften Gehaltsspannen in den Stellenanzeigen großer DAX-Konzerne auftauchen, die ihre Compliance-Strategien pilotieren. Das „Fairness by Design“-Prinzip wird zum Standard für vorausschauende Unternehmen – und könnte den deutschen Arbeitsmarkt zu einem der transparentesten in Europa machen.

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