Oracle Aktie: 16,4-Prozent-Absturz trotz Rekordquartal
26.06.2026 - 04:19:21 | boerse-global.de
Ein Unternehmen kann das beste Quartal seiner Geschichte melden — und trotzdem dabei zusehen, wie die Aktie abstürzt. Oracle lebt dieses Paradox gerade in Echtzeit. Wer verstehen will, warum, bekommt einen seltenen Einblick in die Mechanik, nach der KI-Infrastrukturwetten heute bewertet werden.
Der Schlusskurs liegt bei 134,24 Euro — ein Minus von 16,4 Prozent in sieben Tagen, 26 Prozent im Jahresvergleich. Vom 52-Wochen-Hoch bei 280,70 Euro ist die Aktie mehr als halbiert. Der RSI von 31,1 signalisiert tief überverkauftes Terrain. Das alles bei einem Unternehmen, das gerade Rekorderlöse gemeldet hat.
Das Quartal, das eigentlich alles hätte sein sollen
Die Zahlen für das vierte Fiskalquartal und das Gesamtjahr 2026 waren außergewöhnlich. Der Cloud-Umsatz kletterte im Quartal auf 9,9 Milliarden Dollar — ein Plus von 47 Prozent. Die Cloud-Infrastruktur wuchs sogar um 93 Prozent. Der Jahresumsatz erreichte 67,4 Milliarden Dollar, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Der operative Cashflow stieg um 54 Prozent auf einen Rekordwert von 32 Milliarden Dollar.
Hinzu kommt ein Auftragsbestand, der Schwindel erzeugt. Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen — also bereits kontrahierte, aber noch nicht realisierte Erlöse — sprangen auf 638 Milliarden Dollar. Allein im vierten Quartal wuchsen sie um 85 Milliarden Dollar. Bank of America schätzt, dass über 50 Prozent davon auf OpenAI entfallen.
In normalen Marktphasen würde diese Kombination eine Aktie nach oben katapultieren. Stattdessen fiel Oracle im vorbörslichen Handel um rund 9 Prozent.
Das Problem heißt Kapitalintensität
Der Markt schaut nicht auf die Erlöse. Er schaut auf die Rechnung.
Oracle verbuchte im Geschäftsjahr einen negativen Free Cashflow von 23,7 Milliarden Dollar. Die Investitionsausgaben sprangen um 162 Prozent auf 55,7 Milliarden Dollar. Für das Fiskaljahr 2027 plant das Unternehmen, 40 Milliarden Dollar über Schulden und Eigenkapital einzusammeln — darunter eine bereits angekündigte Aktienplatzierung über 20 Milliarden Dollar. Das kommt on top zu 43 Milliarden Dollar Neuverschuldung und 5 Milliarden Dollar Eigenkapital, die Oracle bereits in 2026 aufgenommen hat.
Das ist kein normales Wachstumsinvestment mehr. Es ist eine Wette auf eine Nachfrage, die noch nicht vollständig bewiesen ist. Kein Wunder, dass Investoren nervös reagieren.
CEO Clay Magouyrk kündigte auf der Analystenkonferenz an, im laufenden Quartal fast ein Gigawatt Rechenleistung ans Netz zu bringen — ungefähr so viel wie im gesamten Fiskaljahr 2026. Der Aufbau beschleunigt sich, während die Frage nach der Rentabilität offen bleibt.
Wall Street glaubt — aber der Markt zweifelt
Die Analysten haben Oracle nicht aufgegeben. Guggenheim-Analyst John DiFucci hält an seiner Kaufempfehlung fest und sieht "keinen erkennbaren guten Grund" für den Kursrückgang nach den Zahlen. Er empfiehlt, die Aktie auf diesem Niveau "aggressiv" zu kaufen. Bernstein-Analyst Mark Moerdler erhöhte sein Kursziel auf 325 Dollar und behält sein Outperform-Rating. Wolfe Research hob das Ziel auf 225 Dollar an und verwies auf das 92-prozentige Wachstum im Infrastructure-as-a-Service-Segment.
Das Konsens-Kursziel liegt bei 222,52 Euro — rund 66 Prozent über dem aktuellen Kurs. Diese Lücke ist kein Vertrauensvotum. Sie misst den Abstand zwischen dem, was der Markt heute einpreist, und dem, was Analysten für fundamental gerechtfertigt halten.
Zwei Zeithorizonte, ein Kurs
Was bei Oracle wirklich passiert, ist ein Aufeinanderprallen zweier Investmentlogiken. Das Unternehmen vollzieht eine mehrjährige Infrastrukturtransformation: Gigawatt an Rechenzentrumskapazität, jahrzehntelange KI-Verträge, massive kurzfristige Verluste gegen einen potenziell historischen künftigen Erlösstrom.
Das Management hält an seiner Prognose von 90 Milliarden Dollar Umsatz für das Fiskaljahr 2027 fest. Das angepasste Ergebnis je Aktie soll 8,05 Dollar erreichen. Bis 2030 peilt Oracle ein Umsatzwachstum von 31 Prozent jährlich an, beim Gewinn je Aktie 28 Prozent.
Reicht die KI-Nachfrage wirklich aus, um Investitionen in dieser Größenordnung zu rechtfertigen — oder kauft Oracle Kapazitäten, die der Markt nie in diesem Tempo braucht?
Der Markt beantwortet diese Frage gerade mit einem Kurs, der 22,6 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt liegt. Das ist keine technische Korrektur. Das ist echte Angst — und sie wird erst nachlassen, wenn Oracle zeigt, dass die Milliarden, die es verbrennt, tatsächlich in Erlöse münden.
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