Nokia Aktie: Gewinnbeat schockt Börse – 5,24 Prozent Minus
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 05:16 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nokia hat im zweiten Quartal 2026 deutlich mehr verdient als von Analysten erwartet. Der vergleichbare Betriebsgewinn kletterte auf 434 Millionen Euro und lag damit rund 18 Prozent über dem Vorjahreswert – und klar über der von LSEG erhobenen Konsensschätzung von 382 Millionen Euro. Der Umsatz stieg um 8 Prozent auf 4,82 Milliarden Euro. Dennoch gehörte die Aktie am Donnerstag zu den größten Verlierern an der Helsinkier Börse, wie die finnische Zeitung Kauppalehti berichtete. Der Gesamtmarkt OMXH schloss an jenem Tag um 1,9 Prozent im Minus. Die Nokia-Aktie brach um 5,24 Prozent auf 8,60 Euro ein – trotz eines Kursplus von 53,92 Prozent seit Jahresbeginn, das die Rally der vergangenen Monate relativiert.
Starke Zahlen dank KI-Boom
Treiber des Quartals war einmal mehr das Geschäft mit Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Die Sparte AI & Cloud verdoppelte ihren Umsatz nahezu auf 446 Millionen Euro, ein Plus von 105 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragseingang in diesem Bereich erreichte mit 2,8 Milliarden Euro einen Rekordwert und übertraf laut mehreren Berichten bereits das gesamte Auftragsvolumen des Jahres 2025. Die Sparte Network Infrastructure wuchs um 12 Prozent auf 2,04 Milliarden Euro, angetrieben von Optical Networks mit einem Plus von 20 Prozent und IP Networks mit 16 Prozent. Mobile Infrastructure kehrte mit einem Umsatzplus von rund 6 bis 7 Prozent auf 2,68 Milliarden Euro zur Wachstumsspur zurück. Nokia hob als Konsequenz die Jahresprognose für den vergleichbaren Betriebsgewinn auf eine Spanne von 2,1 bis 2,6 Milliarden Euro an, zuvor hatte das Unternehmen 2,0 bis 2,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
CEO Justin Hotard sprach im Zusammenhang mit der Nachfrage von einem "AI-Supercycle" und betonte, die Nachfrage sei stark, die Angebotsseite bilde derzeit den limitierenden Faktor. Speicherchips blieben laut Hotard das größte Lieferrisiko, die höheren Kosten würden teils an Kunden weitergegeben. Der Investmentbank JPMorgan zufolge lägen die Auftragseingänge "dramatisch höher" als bislang angenommen.
Warum die Aktie trotzdem fällt
Der Kursrückgang lässt sich mit mehreren Warnsignalen aus dem Zahlenwerk erklären. Unter dem Strich brach der Nettogewinn auf nur noch 5 Millionen Euro ein, verglichen mit 96 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Grund waren Restrukturierungskosten, die sich 2026 auf rund 800 Millionen Euro summieren sollen – darunter 200 Millionen Euro für Stellenstreichungen in Europa und 350 Millionen Euro für die beschleunigte Integration von Nokia Shanghai Bell. Der operative Gewinn nach ausgewiesenen Zahlen rutschte dadurch mit minus 50 Millionen Euro ins Minus, die operative Marge lag bei minus 1 Prozent. Der freie Cashflow war mit minus 732 Millionen Euro deutlich negativ, was Nokia mit saisonalen Effekten begründete.
Hinzu kommt eine Warnung des Managements zur Qualität der Auftragseingänge: Hotard bezeichnete das Wachstum im KI- und Cloud-Geschäft als "lumpy", also unregelmäßig verteilt. Nur etwa die Hälfte der aktuellen Bestellungen dürfte sich binnen zwölf Monaten in tatsächlichen Umsatz übersetzen. Für das dritte Quartal rechnet Nokia zudem mit einer etwas niedrigeren Bruttomarge, nachdem im zweiten Quartal ein Vorzieheffekt bei Software-Verkäufen die Marge auf 49,3 Prozent gehievt hatte.
Investitionen in Chip-Fertigung und KI-Funktechnik
Um den Lieferengpässen bei Indiumphosphid-Bauteilen zu begegnen, baut Nokia die eigene Halbleiterfertigung in den USA aus. Das Werk in San Jose soll ab dem vierten Quartal 2026 mit der Volumenproduktion starten, eine Anlage in Pennsylvania erhält die zehnfache Test- und Verpackungskapazität. Parallel plant Nokia die Übernahme einer NXP-Fabrik im arizonischen Chandler, die zunächst gepachtet und bis Anfang 2029 vollständig ins Eigentum übergehen soll. Im Bereich Mobilfunk hat Nokia gemeinsam mit Nvidia eine erste kommerzielle AI-RAN-Plattform vorgestellt. Pilotprojekte sollen Ende 2026 starten, der kommerzielle Rollout ist für 2027 geplant, mit T-Mobile als führendem Pilotpartner. Bis 2028 strebt Nokia mehr als eine Verdopplung der spektralen Effizienz an.
Juuso Kenkkilä, Investmentmanager bei OP-Pohjola, kommentierte die Zahlen mit den Worten, Nokia werde erneut zu einem schnell wachsenden Unternehmen – der entscheidende Wandel scheine sich gerade zu vollziehen. Mit einem RSI von 32,6 und einem Abstand von mehr als 42 Prozent zum 52-Wochen-Hoch bei 14,97 Euro spiegelt der aktuelle Kurs die Skepsis wider, die trotz der operativen Fortschritte an den Märkten überwiegt.
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