Nackenschmerzen bei Migräne: Neues Verständnis verändert Behandlung
28.04.2026 - 17:08:57 | boerse-global.deLange dachten Ärzte, das sei ein separates Problem. Aktuelle Forschung zeigt: Der Nacken ist Teil des Migräne-Geschehens.
Nackenschmerz als Symptom – nicht als Auslöser
Eine aktuelle Meta-Analyse belegt: Etwa 77 Prozent der Migränepatienten haben begleitende Nackenschmerzen. Bei chronischen Verläufen steigt der Wert auf bis zu 87 Prozent. Im Vergleich zu Menschen ohne Kopfschmerzerkrankungen ist die Wahrscheinlichkeit zwölfmal höher.
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Trotzdem droht in der ambulanten Versorgung eine Verwechslungsgefahr. Der sogenannte zervikogene Kopfschmerz tritt nämlich nur bei 0,4 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung auf. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) warnt: Nackenschmerzen sind meist Folge der Migräne, nicht deren Ursache. Die Fehlinterpretation führt oft zu unnötigen Überweisungen in die Orthopädie – obwohl eine neurologische Behandlung nötig wäre.
Der trigemino-zervikale Komplex erklärt den Zusammenhang: Signale aus den oberen Halswirbeln und dem Trigeminusnerv treffen im Hirnstamm aufeinander. Eine Sensibilisierung in dieser Region kann Migräneattacken verstärken oder Schmerzen in die Nackenmuskulatur projizieren.
Neue Leitlinien: Gepante und Fixkombinationen
Im August 2025 aktualisierten die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die DMKG die S1-Leitlinie zur Migränetherapie. Diese Revision bildet heute die Basis für Behandlungsentscheidungen.
Die wichtigsten Neuerungen:
- Rimegepant ist jetzt für Akuttherapie und Prophylaxe zugelassen
- Atogepant wurde für die Prävention aufgenommen
- Eine Fixkombination aus Sumatriptan und Naproxen zeigt bessere Ergebnisse als Einzelwirkstoffe
Für Kinder und Jugendliche empfehlen die Leitlinien zunächst nicht-medikamentöse Maßnahmen: Kühlen, Ruhe oder Wärmekissen im Nacken. In der Notfallmedizin setzen Ärzte auf intravenöses ASS oder Metamizol. Paracetamol findet in diesem Kontext keine Empfehlung mehr.
Physiotherapie: Manuelle Techniken helfen – aber nicht allein
Eine systematische Literaturarbeit vom Februar 2026 untersuchte manuelle Therapie bei Migränepatienten mit Nackenbeschwerden. Gezielte Techniken können die Lebensqualität verbessern und die Intensität der Attacken senken. Die Datenlage reicht jedoch für eine alleinige Empfehlung nicht aus.
Eine randomisierte klinische Studie mit 75 Teilnehmern testete im Herbst 2025 einen multimodalen Ansatz. Die Kombination aus Schmerzaufklärung, manueller Therapie und spezifischen Übungen für die Halswirbelsäule zeigte über 12 Wochen signifikante Verbesserungen. Die Probanden hatten weniger Kopfschmerzen und Nackenbeschwerden als Gruppen mit nur einer Therapieform.
Forscher beobachten zudem: Die tiefe Nackenmuskulatur ist bei Migränepatienten oft geschwächt. Rund 67 Prozent der Betroffenen mit Nackenschmerzen hatten Probleme bei Koordinationsaufgaben der Halswirbelsäule. Gezieltes Kraft- und Ausdauertraining sollte daher fester Bestandteil der Therapie sein.
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MIGRA-MD: Fünf Millionen für digitale Versorgung
Im März 2026 startete das Innovationsfondsprojekt „MIGRA-MD“. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) fördert es mit über fünf Millionen Euro. Ziel ist eine strukturierte, fachärztliche Migräneversorgung durch multimodale und digitale Ansätze.
Das LMU Klinikum München leitet das Projekt in Kooperation mit der DMKG. Innerhalb von 18 Monaten sollen 1.000 Patienten aufgenommen werden. Das Programm setzt auf:
- Digitale Tools zur Symptomerfassung
- Multimodale Edukationsmodule
- Schulungen für Fachärzte
Ergänzt wird dies durch die Remote Electrical Neuromodulation (REN). Die Leitlinien führen sie als wirksam auf, doch die gesetzlichen Krankenkassen erstatten sie noch nicht flächendeckend.
Paradigmenwechsel in der Migränebehandlung
Die Entwicklungen der letzten Monate zeigen: Der Nacken ist kein isoliertes orthopädisches Problem mehr. Er ist integraler Bestandteil des neurologischen Krankheitsgeschehens. Die hohe Korrelation von Nackenschmerzen und Migränefrequenz erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Physiotherapeuten und Hausärzten.
Mit einer Prävalenz von etwa zehn Prozent in der Bevölkerung bleibt Migräne ein bedeutender Faktor für Arbeitsausfälle und Produktivitätsverluste. Investitionen in strukturierte Programme wie MIGRA-MD und die neuen Leitlinien könnten Chronifizierungsprozesse verlangsamen.
Patienten mit anhaltenden Nackenbeschwerden und Kopfschmerzattacken sollten ein detailliertes Kopfschmerztagebuch führen. Das erleichtert die diagnostische Zuordnung und schafft die Basis für eine multimodale Therapiestrategie.
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