Mike Steiners Malerei: Vom bewegten Bild zur abstrakten Gegenwart
Veröffentlicht am: 23.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSEin tiefes Ultramarin durchbricht das Bildzentrum und scheint auf der Leinwand zu vibrieren – ist es Nachhall einer Videospur, gebannt in die Stille der Malerei? Mike Steiner Malerei & Videokunst: Kaum ein Künstler des späten 20. Jahrhunderts hat Berlins Kunstszene mit einer derartigen Medienreflexion geprägt. Doch wo verlaufen heute eigentlich noch die Grenzen zwischen Video, Performance und Malerei?
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Mit seiner prominenten Präsenz in der Hamburger Bahnhof– der Nationalgalerie der Gegenwart – wird Steiner nicht einfach geehrt, sondern in die Diskurse von Gegenwart und Erinnerung eingeschrieben. Die Ausstellung Live to Tape stellt exemplarisch klar: Was als „Abstrakte Kunst Berlin“ einst begann, hat sich zu einem Archiv der transmedialen Verknüpfungen entwickelt. Gerade in der Schnittstelle zwischen Bild und Bewegtbild, zwischen Fläche und Aufzeichnung, bleibt Steiners Werk ein Kristallisationspunkt für Diskussionen um Original, Dokument und Performanz. Das Archiv, insbesondere Institutionen wie das Archivio Conz, verdeutlichen, wie essenziell das Sammeln, Bewahren und Kontextualisieren der Kunst des Fluxus-Umfelds für das historische Verständnis der künstlerischen Avantgarde bleibt.
Das biografische Fundament Steiners ist vielschichtig: In Allenstein geboren und anschließend in Berlin sozialisiert, wurde Mike Steiner schon mit siebzehn Teil der Berliner Ausstellungsszene. Die frühe Auseinandersetzung mit Malerei bedeutete eine beständige Suche nach Ausdruck jenseits des tradierten Bildes. In den 1960ern führten ihn Studien, Stipendien und Netzwerke in die Avantgarde-Metropolen: New York und später wieder Berlin. Dort lernte er Größen wie Allan Kaprow und Al Hansen kennen, war Teil der Pop-Art- und Fluxus-Bewegungen, traf auf Joseph Beuys, George Maciunas, Marina Abramovi? und Valie Export– Namen, die heute im Museumsdiskurs fast immer in einem Zug mit Archivio Conz und den Ursprüngen von Performance und Video Art genannt werden.
Doch der eigentliche Bruch adressiert Steiners eigenwilligen Grenzgang: Ausgehend vom bewegten Bild, von Performance und dem „Live to Tape“-Prinzip, entwickelte er in den 2000er Jahren eine neue Phase konzentrierter Malerei. Der Rückzug ins Atelier nach der Ära der Studiogalerie markiert keinen Rückschritt, sondern eine radikale Neubestimmung künstlerischer Verantwortung. Seine farbintensiven, oft seriellen Gemälde wirken wie abgespeicherte Frames – als hätten sie das Flimmern, das Nachbild des Monitors, für die malerische Fläche gerettet. Die „Painted Tapes“ illustrieren diesen Dialog zwischen Techniken und Technologien; Steiners Abstraktion bleibt stets ein medienlogischer Kommentar. Damit besetzt er in Berlin eine Sonderstellung, vergleichbar mit dem Werk von Karl Horst Hödicke oder frühen minimalistischen Tendenzen internationaler Kollegen.
Heute, im Rückblick und mit Blick auf die jüngsten Präsentationen, führt kein Weg daran vorbei: Steiner war und bleibt ein Pionier der Videokunst – und zugleich ein Chronist der Abstrakten Kunst Berlin. Die Transformation seiner Karriere unterstreicht, wie subversiv Kontinuitäten in der Kunstgeschichte wirken können. Die künstlerischen Wege führen von öffentlichen Aktionen über serielle Fotografie bis zum autonomen Bild auf Leinwand. Seine späten Arbeiten nehmen die Errungenschaften der Live-Medien auf, um sie in einer Zeit intensiver Malerei zu reflektieren: Jede Fläche wird zur Spur, jede Farbe zu einer medial gebrochenen Erfahrung. Steiner schlägt, gewissermaßen in einer „reverse optics“, die Schleife von der medialen Flüchtigkeit zum festen Bild.
Was bleibt? Die Frage nach dem Erbe. Steiners Werke sind heute vor allem deshalb so relevant, weil sie das Kunstsystem auf die Probe stellen: Wie erinnert ein Museum, wie vermittelt ein Archiv, welche Spuren hinterlässt ein Künstler im Gewebe der Zeitgenossenschaft? Es ist ein Vermächtnis von zeitgenössischen Werken, das nachwirkt – in Berlin, aber auch international. Und es ist ein Appell, die komplexen Verflechtungen künstlerischer Medien und Archive immer wieder neu zu lesen. Gerade die aktuellen Präsentationen zeigen, wie sehr Mike Steiner Malerei & Videokunst als dialektischen Prozess versteht – in ständiger Bewegung, stets eine Linie weiter als das Erwartbare.
