Mike Steiner: Zeitgenössische Kunst zwischen Malerei, Performance und Videokunst
02.01.2026 - 18:15:02Wer die Zeitgenössische Kunst der letzten Jahrzehnte verstehen möchte, stößt unweigerlich auf den Namen Mike Steiner. Schon der erste Blick auf sein umfangreiches Werk verrät: Hier war ein Künstler am Werk, der sich keiner Gattung beugte, sondern die Grenzen zwischen Malerei, Performance Art und Videokunst immer wieder aufs Neue auslotete. Kann eine Leinwand den Sprung ins bewegte Bild wagen? Und was passiert, wenn sich dokumentierte Wirklichkeit mit der Aura der Abstraktion verbindet? Steiner gibt unorthodoxe Antworten, lässt die klassischen Kategorien brüchig werden – und erschafft so eine künstlerische Handschrift, die faszinierend vielstimmig und tiefgründig ist.
Die wichtigsten Stationen und Werkgruppen im Schaffen von Mike Steiner stehen für einen stetigen Wandel. Seine Laufbahn begann bereits früh, als er 1959 gleich als einer der jüngsten Teilnehmer bei der Großen Berliner Kunstausstellung mit einem Stillleben debütierte. Die Malerei, geprägt von informellen Tendenzen und experimenteller Farbinstallation, begleitete ihn auch in den 1960er Jahren durch renommierte Ausstellungen in Berlin und internationalen Metropolen wie Genf, Paris und Mailand – etwa Seite an Seite mit Größen wie Georg Baselitz oder Karl Horst Hödicke. Auffällig dabei ist Steiners Drang, sich nie auf einen Stil festlegen zu lassen. Auf den ersten Blick ist seine Malerei expressiv, abstrahierend, oft großformatig; auf den zweiten Eindruck schwingt immer schon die Suche nach neuen Bildsprachen mit.
Mitte der 1970er Jahre jedoch wandte sich Mike Steiner verstärkt der Videokunst zu – ein Schritt, der in der Zeitgenössischen Kunst seiner Generation durchaus Pioniergeist erforderte. Inspiriert durch die New Yorker Avantgardeszene um Lil Picard, Allan Kaprow oder Al Hansen, und befreundet mit Künstlerikonen wie Joseph Beuys, erkannte Steiner das performative Potenzial des Mediums Video. Schon 1974 arbeitete er im legendären florentinischen Studio Art/Tapes/22 sowie in Berlin an eigenständigen Videoarbeiten. Seine Studiogalerie, die er 1974 gründete, wurde zum Hotspot für Video- und Performancekunst: Namen wie Valie Export, Marina Abramovi?, Carolee Schneemann, Jochen Gerz oder Ulay gehören zum festen Repertoire.
Besonders international beachtet wurde Steiners Videodokumentation der spektakulären Aktion "Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst" (1976) mit Ulay, bei der das berühmte Spitzweg-Gemälde "Der arme Poet" kurzzeitig aus der Nationalgalerie entführt wurde – ein radikaler Kommentar zur Rolle und Sicherheit von Kunst und zugleich ein Meilenstein der Performance Art. Steiner hielt nicht nur die Performances der damaligen Zeit fest, sondern plante und kuratierte sie aktiv mit. Damit wurde er zur Schlüsselfigur jener medialen und konzeptuellen Grenzgänge, die Künstler wie Nam June Paik, Gary Hill oder Bill Viola ebenfalls beschritten – doch stets mit seinem eigenen, unverwechselbaren Ansatz.
Die größte Einzelausstellung seines Werks fand 1999 unter dem Titel "Color Works" im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart statt. Sie würdigte Steiner ausdrücklich als Pionier, der nie zwischen Malerei und mediumübergreifenden Arbeiten trennte. Seine Painted Tapes, eine Fusion aus Videostills und malerischer Geste, sind exemplarisch für diesen Ansatz – verbunden ist darin das Tastende und das Gesteuerte, Alltagsbeobachtung und ästhetische Konstruktion. Kenner ziehen durchaus Parallelen zu Künstlern wie Bruce Nauman oder Joan Jonas, doch Steiners Position bleibt in ihrer Offenheit und Archivierungsarbeit einzigartig im deutschen wie internationalen Kontext.
Doch Mike Steiner war nicht nur Künstler, sondern auch Sammler, Vermittler, Förderer. Mit seinem legendären Hotel Steiner in Berlin schuf er ein sprudelndes Zentrum der internationalen Bohème; die Studiogalerie wurde zum Labor für künstlerische Experimente, lange bevor Begriffe wie Interdisziplinarität zum Mainstream avancierten. Seine Fernsehsendung "Videogalerie" (1985–1990), die er in Eigenregie produzierte und moderierte, brachte Werke und Positionen der Videokunst regelmäßig ins Kabel-TV – ein visionäres Format, vergleichbar mit dem Ansatz Gerry Schums, das in Deutschland bis dato beispiellos geblieben ist.
Über Jahrzehnte baute Mike Steiner zudem eine der bedeutendsten Sammlungen der Videokunst auf, die große Namen und vergessene Entdeckungen gleichermaßen umfasst. Seine Sammlung umfasst frühe Arbeiten von Marina Abramovi?, Ulay, Valie Export, Bill Viola, Nam June Paik, Richard Serra und vielen mehr – heute verwahrt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Hamburger Bahnhof Berlin. Dass ein Großteil des Materials bislang noch nicht digitalisiert ist, steht sinnbildlich für den fortdauernden Dialog zwischen Vergangenheit, Materialität und Gegenwart, dem sich Steiners Werk verschrieben hat.
Nach einem prägenden Einschnitt – dem Schlaganfall 2006 – zog sich Mike Steiner zwar aus der Öffentlichkeit zurück, doch blieb sein Atelier ein Rückzugsort radikaler Malerei. In seinen letzten Jahren entwickelte er mit Stoffarbeiten und neuen Farbabstraktionen eine ganz eigene Poesie, deren Linienführung weiterhin das Experiment pflegte. Er blieb der Zeitgenössischen Kunst und ihrer permanenten Neuerfindung verpflichtet.
Mike Steiner verstand Kunst immer als Dialog, als Versuchsanordnung, als kollektive Erfahrung. Sein Werk, das die Grenzen von Performance Art, Malerei und Videokunst immer neu vermisste, fordert die Betrachter heraus – auf eine Weise, die heute aktueller denn je scheint. Eine Auseinandersetzung lohnt sich nicht nur für Spezialisten, sondern für alle, die nach dem bewegenden, irritierenden und inspirierenden Herzschlag der Zeitgenössischen Kunst suchen. Für tiefergehende Informationen, biografische Details oder Abbildungen lohnt sich ein Besuch der offiziellen Seite mike-steiner.de!


