Mike Steiner: Zeitgenössische Kunst zwischen Malerei, Performance und Videokunst
29.12.2025 - 18:15:07Wie verschieben sich die Grenzen dessen, was als Malerei gedacht war, wenn der Künstler zur Kamera greift oder ein ganzes Hotel zum Laboratorium aktueller Zeitgenössischer Kunst verwandelt? Wer durch die facettenreichen Werkgruppen von Mike Steiner navigiert, spürt rasch: Hier begegnen sich Performance Art, Videokunst und Malerei in einer bis heute einzigartigen Konstellation. Die Kunst von Mike Steiner ist Bewegung, Störung, Inszenierung und Reflexion in einem – sie zwingt den Betrachter zur Auseinandersetzung, ruft Irritation hervor und erprobt immer wieder neue Wege zwischen Bild, Raum und Handlung.
Die Vielseitigkeit des Berliner Künstlers führte ihn von informeller Malerei früh zu internationaler Beachtung: Bereits als 17-Jähriger präsentierte Mike Steiner Arbeiten auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Weitere Stationen markieren die 1960er-Jahre zwischen West-Berlin und New York, wo er, inspiriert von Lil Picard und Allan Kaprow, nicht nur den Puls der Avantgarde aufnahm, sondern die Verbindung von Malerei und Fluxus förmlich verkörperte. Begegnungen mit Protagonisten wie Joseph Beuys, Marina Abramovi? oder Valie Export prägten sein Verständnis von Kunst als Prozess – ein Ansatz, der Steiner in die Liga profilierter Fluxus- und Performance-Künstler um Nam June Paik, Ulay oder Carolee Schneemann katapultierte.
Sein Künstlerhotel Steiner in Berlin, oft als europäisches Pendant zum sagenumwobenen Chelsea Hotel in New York beschrieben, wurde zum Dreh- und Angelpunkt der zeitgenössischen Szene. Nicht selten war das Frühstück erst nachmittags, dafür aber die Debatten umso intensiver, wie Künstlerkollegin Lil Picard es einst beschrieb. Im Geist von Joseph Beuys und Allan Kaprow entwickelte sich Steiner zum Motor für kulturübergreifende Zusammenarbeit, nutzte Räume für experimentelle Präsentationen und öffnete in seiner Studiogalerie der Videokunst Tür und Tor.
Steiners Einstieg in die Videokunst datiert auf die frühen 1970er-Jahre. Für die damalige Szene – die im Rheinland von Nam June Paik oder, international gesehen, von Bill Viola und Gary Hill geprägt wurde – war sein Berliner Engagement revolutionär. Er schuf mit der Studiogalerie (ab 1974) einen Produktions- und Präsentationsort, der Performance Art und Videokunst zusammenführte. Künstlerinnen wie Marina Abramovi?, Jochen Gerz oder Valie Export fanden hier eine Bühne für Grenzüberschreitungen, und Mike Steiner selbst wirkte vielfach als Produzent, Organisator und Kameramann – man denke an durchschlagende Aktionen wie „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976, zusammen mit Ulay), wo ein berühmtes Gemälde provokativ entwendet und in Kreuzberg zwischengelagert wurde. Der performative Eingriff wurde dokumentiert und damit selbst ein Teil der Kunstgeschichte.
Exakt diese Intermedialität, die unerschrockene Vermischung von Malerei, Inszenierung, Aktion und medialer Reflexion, bleibt Steiners Markenzeichen. Mit den sogenannten „Painted Tapes“, einer Verbindung aus gemalten Elementen und Videobildern, lotete er ab den 1980er-Jahren die Übergänge zwischen analogen und digitalen Ausdrucksformen aus. Werke wie „Mojave Plan“ und „Penumbras 3“ markieren den Versuch, die Kontinuität der Malerei elektronisch fortzuschreiben – wie es auch in parallelen Strömungen um Künstler wie Bruce Nauman oder Richard Serra zu beobachten war.
Zugleich verstand sich Mike Steiner immer als Vermittler und Grenzgänger. So prägte er mit dem TV-Format „Videogalerie“ (1985–1990) nicht nur das mediale Bewusstsein für neue Kunstformen, sondern erfand das Genre der kuratierten Videokunst im Fernsehen mit über 120 Sendungen praktisch neu. Dass seine Videosammlung ab 1999 als Schenkung an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den Hamburger Bahnhof überging, ist ein Glücksfall für die deutsche Kunstlandschaft. In einer großen Retrospektive im Jahr 1999 („Mike Steiner – Color Works“) zeigte der Hamburger Bahnhof eindrucksvoll, wie Steiner Malerei und Video bis zuletzt produktiv verdichtete.
Doch auch nach der Auflösung der Studiogalerie 1981 blieb Mike Steiner kompromisslos der Kunst verpflichtet. In den 2000er-Jahren wandte er sich verstärkt der abstrakten Malerei zu, hielt dabei seine Lust am Experiment – auch mit Stoffarbeiten – lebendig. Bis zuletzt arbeitete er in seinem Atelier in Berlin, auch nachdem ihn ein Schlaganfall 2006 gesundheitlich einschränkte. Noch heute gelten seine documentierten Arbeiten, Installationen und Performance-Komplizenschaften als Schlüsselwerke der Zeitgenössischen Kunst, wie sie von Kennern wie Eugen Blume gewürdigt werden.
Im Vergleich zu anderen Pionieren wie Joseph Beuys, Marina Abramovi? oder Nam June Paik liegt Mike Steiners Stärke darin, individuelle Erkundungen beharrlich in kollektive Kunsterfahrungen zu überführen. Wer die Faszination seiner Werke erleben möchte, kommt an seiner einflussreichen Sammlung und an der Ausstellungshistorie – allen voran am Hamburger Bahnhof 1999 – ebenso wenig vorbei wie an seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die Durchlässigkeit künstlerischer Medien und Methoden.
Für weiterführende Informationen und Bilder empfiehlt sich ausdrücklich ein Besuch der offiziellen Webseite von Mike Steiner. Umfangreiche Werkzyklen, Archivalien und Hintergründe werden hier öffentlich zugänglich gemacht und bieten ein tiefes Eintauchen in die Welt eines der einflussreichsten deutschen Künstler der Gegenwartskunst.
Zur offiziellen Künstlerseite von Mike Steiner – alle Werke, Dokumente & Ausstellungsinfos


