Mike Steiner: Zeitgenössische Kunst als vielgestaltige Avantgarde von Malerei bis Videokunst
31.01.2026 - 05:02:41Was passiert, wenn sich Zeitgenössische Kunst nicht auf eine Disziplin beschränkt, sondern Malerei, Performance Art und Videokunst in einen spannenden Dialog treten? Mike Steiner hat über Jahrzehnte hinweg gezeigt, dass sich künstlerische Grenzen verschieben lassen – mit einer Radikalität, die fasziniert und verstört, inspiriert und herausfordert.
Charakteristisch für Mike Steiners Kunst ist der rastlose Geist, der immer wieder neue Ausdrucksformen sucht: In seiner Entwicklung prallen Malerei, Videokunst und Performance Art ungehemmt aufeinander und verschmelzen zu Werkgruppen, die vom Berliner Untergrund bis zur internationalen Avantgarde reichen. Seine Arbeiten überraschen durch Mut zum Experiment, subversiven Witz und konzeptuelle Tiefe – sei es in leuchtend-abstrakten Gemälden oder in radikal-performativen Aktionen, wie sie in seiner legendären Studiogalerie stattfanden.
Von Beginn an zeigte Mike Steiner, geboren 1941, eine große Neugier für die künstlerischen Grenzgebiete. Frühe Anerkennung als Maler – etwa 1959 auf der Großen Berliner Kunstausstellung – ging einher mit wachsender Faszination für das Aufbrechen klassischer Bildsprachen. Besonders die Jahre in New York, im spannungsgeladenen Umfeld von Fluxus, Happenings und Pop Art, prägten sein Verständnis von Zeitgenössischer Kunst nachhaltig. Kontakte zu Persönlichkeiten wie Allan Kaprow oder Lil Picard, dem Kreis um Robert Motherwell, öffneten Steiner für ein interdisziplinäres Arbeiten, das danach seine gesamte Laufbahn kennzeichnete.
Meilensteine setzte Steiner auch als Szene-Initiator und Sammler: Das 1970 eröffnete Hotel Steiner avancierte schnell zum Berliner Gegenstück des Chelsea Hotels und vereinte Kreative um Joseph Beuys, Ben Vautier oder Carolee Schneemann. Hier war nicht nur Aufenthalt, sondern produktive Reibung Programm. Noch radikaler wurden die Experimente in der Studiogalerie ab 1974: Hier lud Mike Steiner internationale Größen der Performance Art wie Marina Abramovi?, Valie Export oder Ulay ein – und griff selbst zur Kamera, um legendäre Aktionen zwischen Kunst und Leben, Ritual und Provokation zu dokumentieren. Die Performance „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (1976 mit Ulay) etwa, zählt bis heute zu den Schlüsselmomenten der Aktionskunst.
Mit der Etablierung der Videogalerie (ab 1985, Berliner Kabelpilotprojekt) führte Steiner das Medium Video in bisher nicht dagewesener Kontinuität auch ins Fernsehen ein – als Produzent, Moderator und unermüdlicher Vermittler. Über 120 Sendungen zeugen von seiner Überzeugung, dass Zeitgenössische Kunst Menschen direkt erreichen kann. In diesem multimedialen Kontext entstanden die „Painted Tapes“, eine Fusion von abstrakter Malerei und elektronischem Bild, die Steiner als Grenzgänger zwischen Malerei und Videokunst auswiesen.
Stilistisch sind seine Werke von ungeheurer Breite. Zu den wichtigsten Werkphasen gehört zum einen die informelle Malerei der 1950er und 60er Jahre, zu denen Steiner bereits im Jugendalter beitrug und die Parallelen zu Gerhard Richter oder Karl Horst Hödicke zulässt. Spätfolgen des Pop Art-Einflusses, geprägt durch den New Yorker Aufenthalt, durchziehen die Malerei der 1970er – mit einem Hang zur Ironie, Repetition und der Befragung des Bildraums. Besonders aber ist Steiners Fähigkeit, aus allen erlebten Stilen und Techniken eine eigensinnige Synthese zu schaffen: Ob minimalistische Struktur, farbstarke Abstraktionen oder experimentelle Werkkombinationen.
Beeindruckend bleibt auch das konzeptuelle Erbe: Mike Steiner initiierte nicht nur eigene Werke, sondern sammelte und dokumentierte neue Kunstformen – beispielhaft die umfassende Videokunstsammlung, die 1999 in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz überging und seitdem im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart bewahrt wird. Diese Einzelausstellung 1999 würdigte das Unikat Steiner als Pionier, der das gattungsübergreifende Denken in der Kunst konsequent verkörpert.
Der biografische Hintergrund ist dabei nie bloße Staffage: Zeitgenössische Kunst bei Mike Steiner ist durchdrungen von autobiografischen Elementen, von den Erfahrungen im geteilten Berlin, den Einblicken in alternative Gesellschaftsentwürfe Amerikas, von politischen und kulturellen Umbrüchen. Sein Weg vom Abiturienten, der im UFA-Filmkopierwerk erste Erfahrungen sammelte, über das Studium an der Hochschule der Künste, bis zur Meisterschüler-Ehre und dem internationalen Netzwerk im Kreise von Künstlerinnen und Künstlern wie Nam June Paik, Bill Viola und Richard Serra: Alles spiegelte sich in den vielseitigen Werkgruppen wider.
Im Verlauf der 1980er und 1990er Jahre experimentierte Steiner beständig weiter – mit Fotografie, Installationen und intermedialen Formaten. Malerei verlor er nie aus dem Blick: Gerade in seinen letzten Berliner Jahren kehrte Mike Steiner ab den 2000ern verstärkt zur abstrakten Malerei zurück, wobei die Stoffarbeiten der Spätphase eine besondere Poesie entfalten.
Im Vergleich zu anderen Zeitgenossen – etwa Gerhard Richter, Nam June Paik oder Marina Abramovi? – bleibt Mike Steiners Ansatz besonders mutig: Statt sich einer Disziplin zu verschreiben, favorisierte er ein offenes Feld, in dem Malerei, Videokunst und Performance sich gegenseitig durchdringen. Während Künstler wie Paik die Elektronik in der Kunst revolutionierten oder Abramovi? Performance Art zur spirituellen Erfahrung machten, verband Steiner beide Stränge experimentell wie kein Zweiter in der deutschen Kunstszene.
Bedeutung und Wirkung sind heute noch spürbar. Steiner hat mit seiner Offenheit, seinem Sammlergeist und der Fähigkeit, Räume und Medien für das Neue zu öffnen, die ästhetische Landschaft Europas maßgeblich geprägt. Nicht nur als Vertreter, sondern als Ermöglicher genuin zeitgenössischer Prozesse. Gerade im Zeitalter digitaler Kunstformen und neuer Grenzüberschreitungen bleibt sein Werk hochaktuell.
Wer sich auf die Spuren von Mike Steiner begibt, entdeckt nicht nur historische Wurzeln der Videokunst, sondern das kontinuierliche Ringen um Ausdruck und Gegenwärtigkeit. Seine Webseite dokumentiert das reiche OEuvre in Malerei, Videokunst, Installationen und Texten. Die Beschäftigung mit Mike Steiner bedeutet eine Einladung, eigene Sehgewohnheiten zu hinterfragen, Medien zu vergleichen und neue Formen von Zeitgenössischer Kunst für sich zu erschließen.
Bleibt als Fazit: Zeitgenössische Kunst, verstanden durch das Lebenswerk Mike Steiners, ist nie statisch – sie fordert uns heraus, mitzudenken, mitzusehen, mitzuerleben. Für tiefergehende Eindrücke und Bildmaterial lohnt der Blick auf die umfangreiche offizielle Künstlerseite von Mike Steiner.


