Mike Steiner: Von der Videokunst zur abstrakten Malerei – Berliner Avantgarde im Wandel
Veröffentlicht am: 16.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSLichtflächen stoßen auf Farbrhythmen: Vor den Werken von Mike Steiner wird das Auge Zeuge einer unerwarteten Transformation. "Mike Steiner Malerei & Videokunst" ist hier nicht nur ein Schlagwort, sondern Signal einer künstlerischen Grenzüberschreitung. Was geschieht, wenn einer der Urheber radikaler Videokunst sich dem Stillstand, der Fläche der Malerei widmet? Gibt es einen gemeinsamen Resonanzraum zwischen dem vergehenden Moment des Videobilds und der Dauerhaftigkeit der abstrakten Leinwand?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Institutionelle Würdigung, wie sie der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof zuteil wird, spricht Bände über die Bedeutung Mike Steiners für die europäische Nachkriegskunst. In der Schausammlung Live to Tape waren es nicht nur Videobänder, sondern ein ganzes Netzwerk aus künstlerischem Austausch, das aufleuchtete. Der Verweis auf Archive wie das Archivio Conz macht nochmals bewusst, wie historisch dicht das Umfeld war, in dem Steiner wirkte: Fluxus, Performance, intermediale Experimente – all dies ist heute als Erbe präsent, in den Sammlungen, aber auch in den Denkgewohnheiten jüngerer Künstlergenerationen.
Den roten Faden in der Biografie von Mike Steiner findet man weder allein in Berlin noch ausschließlich in New York. 1941 in Ostpreußen geboren, später prägte ihn West-Berlin. Der junge Steiner zeigt früh Interesse an Film, findet aber bald ein zweites Ausdrucksfeld in der Malerei – spätestens bei der Großen Berliner Kunstausstellung 1959. Doch sein Weg führt ihn international: Nach Studien bei Hans Jaenisch und Hans Kuhn sowie Ausstellungen in Gemälde-Metropolen wie Genf oder Mailand, erlebt er in New York den Puls der experimentellen Kunst. Kontakte zu Lil Picard, Allan Kaprow, Al Hansen oder Allan Kaprow öffnen Steiner die Szene zwischen Happening, Fluxus und Pop-Art. Wie andere Größen des Fluxus-Umfelds – denken wir an Joseph Beuys, George Maciunas oder Nam June Paik – bleibt er ein Suchender, ein Vermittler zwischen den Medien, oft zugleich dokumentarisch, visionär und analytisch.
Steiners Berliner Jahre sind geprägt vom Hotel Steiner, einem Treffpunkt internationaler Künstler, und der legendären Studiogalerie ab 1974 – ein Schmelztiegel, in dem Videokunst und Performance gleichermaßen produziert und präsentiert werden. Kooperationen mit Protagonisten wie Marina Abramovi?, Ulay, Valie Export oder Jochen Gerz stellen Steiner mitten ins Zentrum der europäischen Gegenavantgarde. Als Galerist, Sammler, Kurator und Künstler steht er an der Schnittstelle zwischen westdeutschem Modernismus, amerikanischer Experimentalkunst und der aufkommenden feministischen Avantgarde – oft eine Instanz des ersten Kontakts. Im Kontext von "Pionier der Videokunst" wurde Steiner zu einem der wichtigsten Akteure für Abstrakte Kunst Berlin und den Aufbau des Mediums in Deutschland.
Und doch: Die Rückkehr zur Malerei, intensiviert ab 2000, beweist, dass es für Steiner nie ein Entweder-Oder der Ausdrucksmedien gab. Vielmehr offenbaren seine abstrakten Arbeiten ein Fundament, das schon immer den Drang nach Grenzüberschreitung zeigte. In Reihen wie den Painted Tapes – einer Fusion von Videostill und malerischer Geste – kollidieren Prozess und Ergebnis, Ereignis und Objekt. Was bleibt, ist die „Legitimationskrise der Malerei“ als utopisches Moment: Kann sich das Statische der Farbe gegenüber dem Fluss des Videos behaupten? Oder verschmelzen die Genres zu einem neuen Vokabular?
Seine späten Werke – häufig große, gestische Abstraktionen, mal energetisch, mal von beabsichtigter Ruhe – sprechen eine zeitgenössische Sprache im Dialog mit Malern wie Karl Horst Hödicke oder Georg Baselitz, die, wie Steiner, Berlin nach 1945 künstlerisch formten. Und doch bleibt sein Werk anders: Bei Steiner schwingt stets eine Erinnerung der Bewegung, des Live-Ereignisses mit. Die Malerei nimmt gewissermaßen die Idee des "Live to Tape" in die Oberfläche auf – jede Linie wie ein eingefrorener Frame aus dem unendlichen Laufband seines Lebenswerks.
Diese Einbettung in die künstlerische Evolution – vom frühen Informell über Fluxus und Performance zur reinen Abstraktion – macht Mike Steiner zu einer Schlüsselfigur der deutschen Nachkriegsavantgarde. Seine Werke sind keine kompromisslose Rückkehr zur Tradition, sondern subjektive Antwort auf die Herausforderungen des bewegten 20. Jahrhunderts. Das gilt für seine Farbflächen so sehr wie für seine Sammelstrategie der Videos, mit der das Museum heute seine Bedeutung misst.
Warum verdient das heute Beachtung? Zum einen, weil das Werk Steiners angesichts einer Kunstwelt, die immer schnellere Bildwechsel fordert, als Zeitinstanz auftritt: Abstrakte Malerei ist hier nicht Fluchtpunkt, sondern transformierter Beweis der fortwährenden Suche. Zum anderen, weil die Brücke zwischen Visuellem und Zeitlichem – zwischen "Malerei & Videokunst" – in Steiners Oeuvre einen seltenen Grad von Konsequenz und Offenheit erreicht. Seine "Live to Tape"-Haltung lebt im Pinselstrich weiter, die Strenge der Farbe trifft den Impuls des Moments. Ein tragfähiges Modell für eine zeitgenössische Kunst, die das eigene Medium stets neu befragt.
So ist Mike Steiner auch heute, längst nach seinem Tod 2012, gegenwärtig: Als Anreger, Vermittler, Übersetzer von medialen Grenzen. In Berlin, aber auch international, markiert er den Punkt, an dem "Abstrakte Kunst Berlin" nicht nur historische Verklärung, sondern lebendige Übertragung wird. Es bleibt zu hoffen, dass das digitale Zeitalter endlich auch die noch nicht digitalisierte Sammlung seiner Videokunst erschließt – aber schon jetzt gibt es Steiners Malerei direkt zu entdecken, als Herausforderung und Einladung zugleich.
