Mike Steiner Malerei & Videokunst: Von der bewegten Linie zur abstrahierten Fläche
Veröffentlicht am: 18.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSEin grüner Streifen, der abrupt an der Kante verharrt; eine matte Fläche, die pulsiert wie ein Standbild aus einem alten Magnetband. Mike Steiner Malerei & Videokunst überschreiten seit Jahrzehnten die Grenzen, die andere als unüberwindbar betrachten. Wo endet das bewegte Bild, wo beginnt Malerei? Oder umgekehrt gefragt: Wie viel videohafte Spannung kann eine abstrakte Leinwand tragen?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Dass Mike Steiners Werke heute wieder im Kontext der Malerei diskutiert werden, ist keineswegs Rückschritt, sondern pointierte Weiterführung seines Lebenswerkes. Der Hamburger Bahnhof zeigte dies prägnant in der Ausstellung "Live to Tape", wo Steiners Sammlung mit künstlerischem Scharfblick zur Schnittstelle zwischen Medien avancierte. Ein großes Verdienst bleibt: Seine Videokunst und Abstrakten Werke werden nicht als getrennte Sphären ausgestellt, sondern als einander durchdringende Denk- und Arbeitsweisen. Das Zeitbild der siebziger und achtziger Jahre – dokumentiert in Videobändern, Performances, Sammlungen – steht gleichberechtigt neben dem Farbklang der Malerei.
Archive wie das Archivio Conz bewahren nicht nur Dokumente, sondern auch Erinnerungsspuren jener intensiven Dialoge, die Steiner mit Zeitgenossen wie Valie Export, Marina Abramovi? oder Allan Kaprow führte. Gerade in der Rückschau wird klar, wie zentral dem Künstler die Idee des Netzwerks und der Überlieferung war. Ohne dieses Selbstbewusstsein der Dokumentation – sei es als Videotape oder Leinwand – stünde Steiners Werk vermutlich heute weniger präsent im kulturellen Gedächtnis.
Mike Steiner (1941–2012) personifiziert wie kaum ein anderer Akteur den Wandel Berlins von den informellen Malerei-Experimenten der 1960er zur internationalen Avantgarde. Früh stellte er auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus, gründete mit dem Hotel Steiner und der Studiogalerie vitalisierende Orte der Kunstszene. Kontakte zu Joseph Beuys, George Maciunas, Al Hansen und Allan Kaprow – zentrale Figuren des Fluxus – strukturierten Steiners Position zwischen Aktion, Malerei und Video.
„Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ lautete nicht umsonst der Titel einer legendären Performance mit Ulay, bei der der künstlerische Gestus zur öffentlichen Irritation wurde. Die dokumentarische Genauigkeit seiner Videoarbeiten und die sensible Geste der Sammlertätigkeit machen Steiner zum Pionier der Videokunst und zur Schlüsselfigur experimenteller Netzwerke. Ihn mit Nam June Paik oder Jochen Gerz zu nennen, ist nicht Hybris, sondern angemessen.
Unübersehbar ist aber Steiners Drehung zurück zur Malerei in den 2000er Jahren. Seine aktuellen Leinwände, in der Ausstellung bei Artbutler zugänglich gemacht, verzichten auf Pathos, verzichten auf narrative Anspielungen. Sie zelebrieren Farbe als autonome Energie. Es sind Kompositionen, die wie die frühe amerikanische Abstraktion eines Motherwell oder die Berliner "Neuen Wilden" auf Reduktion und Intensität setzen. Doch das Vibrieren der Flächen ist immer auch Erinnerung an das Standbild, das im Magnetband-Zwischenraum hervorgespielt wurde.
Steiners Abstrakte Kunst Berlin – das zeigt der aktuelle Werkblock – ist in der Zeitgenossenschaft situiert und doch randständig. Der Maler bricht das vordergründig Malerische immer neu durch Medienbewusstsein, als hätte er jahrelang nur darauf gewartet, die durch Video und Performance geschärften ästhetischen Mittel auf die Leinwand zu übertragen. Kein Zufall, dass auch in Ausstellungsformaten wie "Live to Tape" das serielle Moment, die Reihung, die Schleife zentrale Prinzipien bleiben.
Gerade im heutigen Rückblick wirkt Mike Steiners Ansatz beispielhaft, vielleicht sogar visionär. Während sich Gegenwartskunst oft in einem vermeintlichen Medienpluralismus erschöpft, bestand Steiners radikale Modernität darin, den Übergang – das Verwandeln von einer künstlerischen Sprache in eine andere – selbst zum Thema zu machen. Die gefilmte Performance, das gemalte Band, das archivierte Video – sie alle sprechen die Sprache eines Künstlers, der nie das Forschen aufgegeben hat.
Warum sollte das im Jahr 2024 relevant sein? Mike Steiner Malerei & Videokunst verhandelt Fragen, die das zeitgenössische Werk ebenso prägen wie die Kunst der Vergangenheit: Wie vermisst man Präsenz, wie arbeitet man mit dem Unsichtbaren zwischen Medium und Material? Wer im aktuellen Showroom seine Malerei betrachtet, sieht Farbflächen als Fragmente eines umfassenden Lebenswerks, das nie die radikale Verbundenheit zwischen Bild und Bewegung aufgegeben hat.
