Marvell, Minus

Marvell: 25 Prozent Minus in 30 Tagen trotz 150%-Rally

Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 09:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Marvell-Aktie verliert trotz stabilem Kerngeschäft massiv an Wert, da Anleger die KI-Wachstumsstory des Herausforderers im Custom-Chip-Markt skeptisch beurteilen.

Marvell Technology: KI-Chip-Hoffnung unter Broadcoms Schatten
Abstrakte Nahaufnahme eines Halbleiter-Wafers in einem professionellen, technologischen Umfeld. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Marvell Technology liefert gerade eines der extremsten Beispiele dafür, wie eng eine Wette werden kann, bevor der Markt unbequeme Fragen stellt. Die Aktie schloss am Donnerstag bei 182,48 Euro, ein Minus von 1,31 Prozent. Klingt nach Routine. Ist es nicht.

Zwei Zeithorizonte, ein Kurs

Zoomt man raus, wirkt das Bild spektakulär: plus 150,35 Prozent seit Jahresbeginn, plus 189,70 Prozent binnen zwölf Monaten. Zoomt man rein, zeigt sich ein völlig anderes Bild.

In den vergangenen 30 Tagen hat die Aktie 25,14 Prozent verloren. Sie liegt damit 37,15 Prozent unter ihrem Jahreshoch von 290,35 Euro, erreicht Anfang Juni. Die vergangene Woche brachte immerhin eine Erholung von 10,66 Prozent.

Das ist kein Rauschen. Der Markt bewertet gerade in Echtzeit eine einzige These neu: Marvell ist nicht mehr nur Chiplieferant. Der Konzern will der Design-Partner werden, an den sich Hyperscaler wenden, wenn sie aufhören, Nvidia-GPUs zu mieten, und stattdessen eigene Chips bauen wollen.

Im Schatten von Broadcom

Jedes Gespräch über Marvell führt inzwischen zu Broadcom, dem dominanten Platzhirsch bei kundenspezifischen KI-Chips. Broadcom meldete für das zweite Quartal des Geschäftsjahres 2026 einen Umsatz von 22,19 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 47,9 Prozent zum Vorjahr. Marvell kam im ersten Quartal seines Geschäftsjahres 2027 auf 2,418 Milliarden US-Dollar.

Die Größenordnung spricht für sich. Einer Analyse zufolge hält Broadcom rund 70 Prozent Marktanteil bei kundenspezifischen KI-ASICs und erzielt in seinen milliardenschweren Hyperscaler-Programmen bereinigte EBITDA-Margen von fast 68 Prozent. Eine andere Schätzung sieht Marvell bei rund 15 Prozent Marktanteil, Broadcom bei 55 bis 60 Prozent — mit der Erwartung, dass Broadcom bis 2027 auf etwa 60 Prozent kommt.

Marvells Gegenerzählung: Der Konzern sei der fokussiertere, schneller wachsende Herausforderer in seinem eigenen Segment. Das Rechenzentrumsgeschäft erwirtschaftete zuletzt 1,83 Milliarden Dollar, ein Plus von 27 Prozent, und machte 76 Prozent des Gesamtumsatzes aus. CEO Matt Murphy verwies auf Nachfrage über mehrere Produktlinien hinweg — von 800G- und 1,6T-Scale-out-Optik über 51,2T-Ethernet-Switches bis zu kundenspezifischen XPU-Lösungen. Genau dieses Wachstumstempo befeuert die Bewertungsdebatte gegenüber dem viel größeren Broadcom.

Das Altgeschäft stabilisiert sich

Bemerkenswert am aktuellen Kursrückgang: Er hängt nicht mit einem Einbruch im Nicht-KI-Geschäft zusammen. Im Gegenteil. Der Bereich Kommunikation und sonstige Endmärkte hat sich weitgehend von Lagerkorrekturen bei Kunden erholt. Im jüngsten Quartal trug dieses Segment 585,1 Millionen Dollar bei, ein Plus von 29 Prozent zum Vorjahr.

Das bedeutet: Der aktuelle Rücksetzer hat wenig mit einer fundamentalen Verschlechterung im klassischen Portfolio zu tun. Vielmehr bewertet der Markt gerade neu, wie schnell und wie sicher die KI-Chip-Rampe tatsächlich läuft. Investoren stellen das Multiple für künftigen Custom-Silicon-Umsatz infrage — nicht die aktuelle Basis des Geschäfts.

Chart und Fundamentaldaten im Gleichschritt

Das Kursbild spiegelt genau diese Spannung. Marvell notiert 13,90 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 211,93 Euro, aber 57,76 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 115,67 Euro. Das zeigt eine Aktie, die sich über Monate fundamental neu bewertet hat und dann in ein scharfes Luftloch gefallen ist.

Der RSI von 42,6 deutet darauf hin, dass der Verkaufsdruck nachgelassen hat, ohne bereits in klaren Optimismus umzuschlagen. Eine annualisierte 30-Tage-Volatilität von fast 94 Prozent bestätigt: Das bleibt vorerst eher eine Trader-Aktie als ein ruhiges Langfrist-Investment.

Das größere Bild

Marvells Geschichte steht für etwas Größeres im gesamten KI-Infrastruktur-Trade. Der Markt belohnt nicht mehr pauschal "Exposure zu KI". Er will wissen, wessen Custom-Chip-Programme konkret vom Design-Gewinn zum ausgelieferten Umsatz werden — und in welchem Zeitrahmen.

Für Marvell kommt diese Antwort bislang Hyperscaler für Hyperscaler, in kleinen Schritten. Genau das erklärt, warum eine Aktie, die im Jahresverlauf um 150 Prozent zulegt, innerhalb eines Monats trotzdem ein Viertel ihres Werts verlieren kann — während das Nicht-KI-Geschäft im Hintergrund leise stabil bleibt. Welche Prämie der Markt für Marvells schmalere, aber schneller wachsende Custom-Silicon-Wette künftig zu zahlen bereit ist, bleibt die offene Rechnung hinter dieser Bewertung.

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