Legal & General Group plc Aktie: 9%-Rendite lockt, aber Dividendensicherheit wackelt
14.03.2026 - 11:29:47 | ad-hoc-news.deDie Legal & General Group plc Aktie (ISIN: GB0005603997) ist am Freitag um 6% gefallen, nachdem der britische Versicherer und Vermögensverwalter seine Jahresergebnisse vorgelegt hat. Seither hat sich die Talfahrt verschärft – insgesamt notiert die Aktie rund 10% unter ihrem Niveau vor dem 11. März. Das Ergebnis: eine Dividendenrendite von über 9%, die höchste im gesamten FTSE 100 Index. Für einkommensorientierte Anleger wirkt das verlockend. Doch hinter dieser glänzenden Zahl lauert ein ernstes Problem, das DACH-Investoren ernst nehmen sollten.
Stand: 14.03.2026
Von Felix Krämer, Finanzredakteur für britische Nebenwerte und Dividendenstrategie – spezialisiert auf Chancen und Risiken von High-Yield-Aktien im FTSE 100 für deutschsprachige Portfolios.
Starke Rendite, schwache Zahlen: Was beim Gewinn schiefging
Die Enttäuschung war subtil, aber für den Markt reichte sie aus. Der Core Operating Profit stieg um 6% auf £1,62 Milliarden – ein Plus, das auf den ersten Blick solide wirkt. Doch Analysten hatten £1,65 Milliarden eingeplant. Diese kleine Verfehlung von etwa 1,8% reichte aus, um das Vertrauen zu erschüttern. Das Kernproblem: Wachstum bleibt die Achillesferse von Legal & General, auch wenn die Gewinne wieder steigen.
Besonders bemerkenswert ist der Vergleich mit dem direkten Konkurrenten Aviva. Während die LGEN-Aktie über zwölf Monate flach notiert und über fünf Jahre um 17% gefallen ist, legte Aviva im gleichen Zeitraum um 68% zu. Aviva-CEO Amanda Blanc gelang es, das Unternehmen zu verschlanken und die Rentabilität zu verbessern – und Investoren belohnten das. Bei Legal & General dagegen zog sich Geschäftsjahre 2022 und 2023 die Gewinne zurück. Erst jetzt normalisiert sich die Situation wieder. Der Aktienmarkt aber belohnt nicht jeden Aufwärtsschritt gleich.
Das Management versuchte, positive Signale zu senden. Mit dem Ankauf von £1,2 Milliarden Aktien kündigte Legal & General seinen größten je durchgeführten Aktienrückkauf an. Zwischen 2025 und 2027 sollen Aktionäre insgesamt über £5 Milliarden durch Rückkäufe und Dividenden zurückbekommen. Logisch: Weniger Aktien im Umlauf stützen den Gewinn je Aktie (EPS). Doch die Börse reagierte mit Skepsis – der Rückkauf konnte den Kurs nicht stabilisieren.
Das kritische Signal: Dividende nicht durch Gewinne gedeckt
Hier liegt die eigentliche Bombe. Die Volljahresdividende betrug 21,79 Pence pro Aktie – das klingt großzügig. Doch der Core Earnings Per Share lag bei nur 20,93 Pence. Das bedeutet: Die Dividende ist nicht einmal durch die laufenden Gewinne gedeckt, geschweige denn doppelt gedeckt, wie es institutionelle Anleger idealerweise sehen möchten.
Im Klartext zahlt Legal & General derzeit mehr aus, als es verdient. Das ist nur dann nachhaltig, wenn das Unternehmen seine Gewinne schnell steigert oder wenn es aus Rücklagen oder Cashflow-Überschüssen zehrt. Beide Optionen haben Grenzen. Für Einkommensanleger ist das ein rotes Warnsignal: Falls sich die Geschäftslage nicht deutlich verbessert oder die Solvency-Quote unter Druck gerät, könnte eine Dividendenkürzung folgen – was das Grundinvestment für High-Yield-Strategien untergraben würde.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Solvency II Coverage Ratio von 232% auf 210% rutschte. Das ist noch immer solide (die Regulierung verlangt mindestens 100%), aber die Trendrichtung ist ungünstig. Höhere Volatilität an den Märkten oder unerwartete Rückversicherungsschäden könnten hier zusätzlichen Druck aufbauen.
Das Geschäftsmodell: Versicherung, Pensionsrisiken, echte Assets
Wer Legal & General verstehen will, muss sein diversifiziertes Portfolio sehen. Das Unternehmen ist kein reiner Versicherer – es ist ein hybrider Player mit vier tragenden Säulen.
Erstens: traditionelle Versicherung, vor allem in den Segmenten Lebensversicherung und Allgemeine Versicherung (General Insurance). Das ist stabiles, aber wenig wachstumsorientiertes Geschäft. Zweitens: Pensionsrisikotransfer (PRT). Hier hilft Legal & General Großunternehmen, ihre Rentenverpflichtungen aus der Bilanz zu nehmen – ein Geschäft mit starken Tailwinds in Großbritannien und zunehmend auch in den USA. Drittens: Investment Management, mit £1,2 Billionen Assets under Management (AUM). Hier verdient das Unternehmen über Gebühren. Viertens: Real Assets, insbesondere Infrastruktur, Immobilien und erneuerbare Energien. Dieses Segment wächst und passt zum globalen Trend der Nachfrage nach stabilen, langfristigen Renditen.
Das Geschäftsmodell ist defensiv und ertragsorientiert – ideal für Versorger-ähnliche Anleger. Doch genau das ist auch das Problem: ohne Wachstum bleibt die Rendite, die ein Investor verdient, an der Kapitalallokation hängen. Und dort gibt es wenig Licht.
Warum auch DACH-Anleger aufhorchen sollten
Auf den ersten Blick ist Legal & General ein britisches Unternehmen mit Listing an der London Stock Exchange – warum sollte ein deutschsprachiger Investor das beachten? Die Antwort liegt in drei Punkten.
Erstens: Diversifikation in Fremdwährung. Eurozone-Investoren, die in Euro bilanzieren, gewinnen durch GBP-Positionen an Währungsdiversität. Eine 9%-Rendite in Pfund ist in stabilen Zeiten interessant, besonders wenn die EZB weiterhin zögerlich bleibt. Allerdings ist Währungsvolatilität ein unterschätzter Risikofaktor.
Zweitens: Pension Risk Transfer ist ein globales Thema. Deutsche, österreichische und Schweizer Großkonzerne rücken ebenfalls ihre Pensionsverpflichtungen schrittweise auf. Legal & General hat Expertise und Kapitalstärke, um solche Mandate zu stemmen. Das Geschäft könnte auch für europäische Kunden wachsen – ein indirekter Katalysator für die Aktie.
Drittens: Real Assets und Infrastruktur. In Deutschland wächst das Interesse an langfristigen, inflationsgedeckelten Infrastrukturinvestitionen. Legal & General ist einer der großen europäischen Spieler in diesem Feld. Wer auf diesen Sektor setzt, sitzt de facto mit am Tisch eines führenden Managers – und partizipiert an den Gebührenflüssen.
Marktsentiment und charttechnisches Bild
Charttechnisch ist Legal & General ein Desaster. Der 10-Jahreschart zeigt Gipfel und Täler, die sich zu nichts aufaddieren. Die Aktie notiert heute auf Niveaus, die zuletzt vor einem Jahrzehnt gesehen wurden. Das bedeutet: Langfristanleger, die zu Höchstständen vor 2014-2015 eingestiegen sind, sitzen immer noch im Minus.
Das aktuelle Sentiment ist angespannt. Zwar zeigen technische Indikatoren kurzfristig bullische Signale, die vom Oversold-Zustand herrühren – eine Bounce-Chance also. Doch der fundamentale Katalog ist dünn. Die Gewinnkraft ist nicht überzeugend, die Dividende steht auf unstabiler Basis, und das Management hat wenig Glaubwürdigkeit mit Wachstumsversprechungen aufgebaut.
Hinzu kommt: Der Iran-Konflikt und die resultierenden Unsicherheiten an den Märkten belasten Finanzwerte zusätzlich. Zwar kann man sagen, dass dieser externe Schock nicht Legal & Generals Schuld ist – aber er zeigt auch, wie wenig Puffer die Aktie derzeit hat. Ein defensiver Wert, der defensive Fundamentals hat, ist unterbewertet. Legal & General hat defensive Fundamentals (stabile AUM, Gebührenflüsse, Versicherungsprämien) – aber ein Aktienkurs, der wie ein Turnaround-Play aussieht.
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Risiken: Was schiefgehen könnte
Das größte Risiko ist eine Dividendenkürzung. Das Management hat zwar öffentlich erklärt, dass ein so großer Aktienrückkauf (£1,2 Mrd.) nur erfolgen würde, wenn eine Kürzung nicht bevorstünde – das ist eine Art implizite Garantie. Doch die Gewinnabdeckung ist so dünn, dass eine Überraschung nicht auszuschließen ist. Wenn Quoten steigen, wenn Katastrophenschäden eintreten oder wenn die Solvency-Quote unter Druck gerät, könnte die Dividende schneller sinken als gedacht.
Zweitens: Währungsrisiko. GBP-Volatilität kann UK-Pensionsrückversicherer treffen, aber auch europäische Investoren. Ein stärkerer Euro würde britische Erträge in EUR-Begriffen zusammenschrumpfen lassen.
Drittens: Regulatorische Änderungen. Die britische PRA und FCA könnten höhere Kapitalquoten für Versicherer fordern oder strikte neue Solvency-II-Anforderungen einführen. Das würde die Gewinnkraft belasten.
Viertens: Wettbewerb. Im Asset-Management-Geschäft steigt der Druck auf Gebühren. Passive Indexing-Produkte fressen am aktiven Management. Legal & General muss hier Marktanteile verteidigen oder verliert Gebührenvolumen.
Katalysatoren für eine Erholung
Auf der positiven Seite gibt es einige Szenarien, die die Aktie stützen könnten. Erstens: deutlicher Gewinnauswuchs im nächsten Jahr. Wenn die Inflation sinkt, wenn Schadenerfahrung normalisiert und wenn der Pensionsrisikotransfer-Markt boomt, könnte der operative Gewinn schneller wachsen als 6% pro Jahr. Das würde die Dividendenabdeckung sanieren.
Zweitens: Neue strategische Partnerschaften oder Zukäufe im Real Assets Segment. Wenn Legal & General hier wächst und höhere Gebühren kassiert, könnte das zum echten Wachstumstreiber werden.
Drittens: Markterholung. Ein Rückgang der geopolitischen Spannungen und eine Stabilisierung der Märkte würde vielen FTSE-100-Aktien helfen – Legal & General eingeschlossen.
Fazit: Rendite für Geduldige – oder Wertfalle?
Die 9%-Rendite der Legal & General Group plc Aktie (ISIN: GB0005603997) ist real, aber teuer erkauft. Sie ist da, weil der Markt misstraut und die Aktie gefallen ist. Die Frage lautet: Ist das Misstrauen berechtigt?
Für kurzfristige Einkommensanleger, die bereit sind, Dividendenkürzungsrisiken zu akzeptieren, könnte die Aktie einen Platz im Portfolio verdienen – mit einer Positionsgröße allerdings, die dem Risiko angemessen ist. Für langfristige DACH-Investoren, die auf solides Wachstum setzen, ist Legal & General derzeit weniger attraktiv. Der Konzern muss beweisen, dass er wirklich wieder in die Gänge kommt – und nicht nur kurzfristig Zahlen präsentiert, die Analysten knapp verfehlen.
Der Vergleich mit Aviva ist instruktiv: Auch Aviva war am Boden, aber ein neues Management mit klarer Strategie machte den Unterschied. Bei Legal & General fehlt dieser Impetus bislang. Solange das der Fall ist, bleibt die hohe Rendite ein Köder – nicht notwendigerweise ein Kauf.
Disclaimer: Keine Anlageberatung. Aktien sind volatile Finanzinstrumente.
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