Kurzarbeit auf Höhenflug: 133 Millionen Stunden verloren
28.04.2026 - 07:08:49 | boerse-global.deDie deutsche Wirtschaft kühlt sich weiter ab: Die Zahl der durch Kurzarbeit verlorenen Arbeitsstunden ist 2025 auf 133 Millionen gestiegen. Besonders die Industrie und das Baugewerbe leiden unter der schwächelnden Konjunktur. Gleichzeitig ringt die Politik um neue Entlastungen und Reformen – von der Teilkrankschreibung bis zur steuerfreien Prämie.
Industrie und Bau am stärksten betroffen
Die aktuellen Zahlen der Bundesregierung, die auf eine Anfrage der Linken zurückgehen, zeigen einen klaren Trend nach oben. 2024 waren es noch 124 Millionen Stunden, 2023 lag der Wert bei 106 Millionen. Zwar sind die Corona-Jahre mit über 1,6 Milliarden Stunden unerreicht – doch im Vergleich zum Vorkrisenniveau von 71 Millionen Stunden im Jahr 2019 hat sich die Zahl fast verdoppelt.
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Mit 70,2 Millionen Stunden entfällt mehr als die Hälfte der Ausfälle auf das verarbeitende Gewerbe. Das Baugewerbe folgt mit 40,7 Millionen Stunden auf Platz zwei. Das Kurzarbeitergeld sichert den Beschäftigten zwar 60 Prozent des Nettolohns – doch die steigende Inanspruchnahme sorgt für politischen Zündstoff. Linken-Politiker Cem Ince fordert nicht nur eine Erhöhung der Leistung, sondern auch ein Verbot von Boni und Dividenden für Unternehmen, die das staatliche Programm nutzen.
Die wirtschaftliche Abkühlung zeigt sich auch in den jüngsten Daten der Bundesbank vom 16. April 2026 zu den Finanzkonten des vierten Quartals 2025. Große Namen der Industrie ziehen die Reißleine: Manroland Sheetfed schließt zum 1. Juni 2026 endgültig die Tore – 748 Jobs fallen weg. Das Unternehmen verbuchte 2025 einen Verlust von über 43 Millionen Euro und führt den Markteinbruch in China sowie fehlende Investitionen als Gründe an. Auch das PCI-Werk in Hamm-Uentrop, Teil des Sika-Konzerns, macht bis Ende 2026 dicht. 105 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz.
Teilkrankschreibung sorgt für Streit
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will mit einem Reformpaket gegensteuern. Ihr Plan: die Teilkrankschreibung. Ärzte sollen künftig eine Arbeitsunfähigkeit zu 25, 50 oder 75 Prozent bescheinigen können. Die Reform sollte am 29. April 2026 im Kabinett beschlossen werden – und zwar mit Zustimmung von Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Bei Erkrankungen über vier Wochen ist eine Mischung aus regulärem Lohn für die gearbeiteten Stunden und Krankengeld für den Rest vorgesehen.
Doch der Widerstand ist massiv. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), nennt den Vorschlag absurd und warnt vor einem Bürokratie-Monster. Er plädiert stattdessen für Karenztage: Erst ab dem vierten Krankheitstag soll ein Attest nötig sein. Das würde nach seinen Berechnungen 300 Millionen Euro pro Jahr sparen.
1000 Euro Bonus und Tankrabatt: Die neue Entlastung
Am 24. April 2026 hat der Bundestag über ein weiteres Entlastungspaket beraten. Geplant ist eine steuerfreie Entlastungsprämie von 1000 Euro für Arbeitnehmer – auch für jene, die Grundsicherung beziehen und gleichzeitig arbeiten. Die von Union und SPD unterstützte Maßnahme kann bis zum 30. Juni 2027 ausgezahlt werden. Der Staat rechnet mit Steulaeausfällen von 2,8 Milliarden Euro.
Dazu kommt ein Tankrabatt von 17 Cent pro Liter für Mai und Juni 2026 – Kostenpunkt: 1,6 Milliarden Euro.
Betriebsratswahlen unter Druck
Die Konflikte zwischen Management und Belegschaften verschärfen sich. In Iserlohn wirft die IG Metall der Scheu-Dental GmbH vor, die Wahl eines Betriebsrats zu behindern. Der langjährige Mitarbeiter Olaf Loock wurde trotz Kündigungsschutzes suspendiert. Ein neuer Anlauf zur Wahl des Gremiums ist für den 30. April 2026 angesetzt – nachdem ein erster Versuch 2025 gescheitert war.
Auch die Rechte bestehender Betriebsräte wurden jüngst gestärkt. Das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein entschied am 25. September 2025: Betriebsräte haben weiterhin Anspruch auf Büropersonal – trotz Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Zwar gebe es KI-gestützte Spracherkennung, doch diese könne das menschliche Protokoll und die Organisation, besonders in sensiblen Bereichen wie der Rüstungsindustrie, nicht vollständig ersetzen. Im konkreten Fall wurden einem 13-köpfigen Gremium 27 Wochenstunden Schreibkraft zugestanden.
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Inklusion: Rewe macht Tempo – doch die Hürden bleiben
Trotz der Krise setzt die Rewe Group ein Zeichen für Inklusion. Der Konzern will die Zahl seiner Inklusionsabteilungen in der Region West bis Jahresende auf 32 verdoppeln. In Bönen hat der Markt Rewe Freidank nach der Schließung eines inklusiven Supermarkts Ende 2025 bereits sechs Menschen mit Behinderung eingestellt.
Doch der Weg aus den Werkstätten auf den ersten Arbeitsmarkt ist steinig. 2024 schafften in der Region des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) nur 0,35 Prozent der Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) den Sprung in reguläre Jobs. Experten verweisen auf das Budget für Arbeit – ein Instrument, das in Nordrhein-Westfalen Lohnkostenzuschüsse von bis zu 75 Prozent für Stellen über 603 Euro ermöglicht.
Elternzeit und Homeoffice: Rechte und Risiken
Das deutsche Arbeitsrecht bietet Familien viel Spielraum: 36 Monate Elternzeit pro Kind, davon 24 Monate zwischen dem dritten und achten Geburtstag des Kindes übertragbar. Pro Elternteil und Jahr gibt es 15 Tage Kinderkrankengeld, maximal 35 Tage insgesamt.
Doch die Praxis sieht oft anders aus. Soziologin Dr. Lott beobachtet, dass die Inanspruchnahme dieser Rechte im Berufsleben manchmal zum Nachteil gereicht. Juristen betonen: Ein gesetzlicher Anspruch auf Homeoffice existiert nicht. Wer aber in einem Betrieb mit mehr als 15 Mitarbeitern arbeitet, kann nach sechs Monaten Betriebszugehörigkeit grundsätzlich Teilzeit verlangen – sofern keine betrieblichen Gründe dagegensprechen.
Ausblick: Was kommt auf den Arbeitsmarkt zu?
Das Zusammentreffen von steigender Kurzarbeit und radikalen Werksschließungen deutet auf eine tiefgreifende Veränderung hin. Die Politik reagiert mit einem Mix aus kurzfristigen Hilfen – 1000-Euro-Bonus und Tankrabatt – und langfristigen Reformen wie der Teilkrankschreibung. Ob sich ein Konsens findet, ist fraglich: Der Widerstand von Ärzten und Gewerkschaften ist groß.
Der 1. Juni 2026 wird zum Stresstest: Dann schließt Manroland Sheetfed. Kann die Region die 748 Fachkräfte auffangen? Ein klares Signal für den Herbst setzt die Bundesagentur für Arbeit: Vom 8. bis 12. September 2026 findet die Woche der Chancengleichheit statt – mit Schwerpunkt auf Wiedereinstieg und Teilzeitausbildung.
Bis zum 30. Juni 2027 haben Unternehmen Zeit, die steuerfreie Prämie auszuzahlen. Und die Gerichte werden weiter über die Frage wachen, wie Digitalisierung und Mitbestimmung künftig zusammenpassen.
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