Klinikum, Dortmund

Klinikum Dortmund testet Bodycams gegen Gewalt in der Notaufnahme

20.03.2026 - 00:00:34 | boerse-global.de

Ein bundesweites Pilotprojekt in Dortmund testet Bodycams zum Schutz von Klinikpersonal. Erste Ergebnisse deuten auf eine deeskalierende Wirkung hin, doch Experten warnen vor Risiken für das Arzt-Patienten-Verhältnis.

Klinikum Dortmund testet Bodycams gegen Gewalt in der Notaufnahme - Foto: über boerse-global.de
Klinikum Dortmund testet Bodycams gegen Gewalt in der Notaufnahme - Foto: über boerse-global.de

Ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt zeigt erste Erfolge: Sichtbare Kameras an der Uniform deeskalieren aggressive Patienten. Doch Experten warnen vor Vertrauensverlust.

Das Klinikum Dortmund hat als erstes Krankenhaus in Deutschland seine Notaufnahmen mit Bodycams ausgestattet. Seit Mitte Januar 2026 läuft ein dreimonatiger Test, um das Personal vor verbalen und körperlichen Übergriffen zu schützen. Erste Ergebnisse, die das Haus heute vorstellte, deuten auf eine beruhigende Wirkung hin. Der Vorstoß markiert einen radikalen Schritt im Kampf für mehr Arbeitssicherheit im Gesundheitswesen – und stößt auf kontroverse Debatten.

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Pilotprojekt: Kamera als letztes Mittel

Insgesamt 24 Kameras sind in den vier Notaufnahmen des Klinikums im Einsatz. Die Teilnahme für Ärzte und Pflegekräfte ist freiwillig. Die Geräte bleiben im Normalbetrieb ausgeschaltet. Erst wenn eine Situation mit einem Patienten oder Angehörigen zu eskalieren droht, dürfen die Mitarbeiter die Aufzeichnung starten. Dies müssen sie jedoch vorher deutlich ankündigen. „Allein die Androhung, die Kamera einzuschalten, hat in mehreren Fällen bereits gereicht, um aggressive Personen zu beruhigen“, berichtet Thorsten Stohmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme.

Ein strikter Nutzungsvorbehalt schützt die Privatsphäre der Patienten: Während medizinischer Behandlungen, Untersuchungen oder vertraulicher Gespräche sind die Kameras tabu. Sie kommen vor allem im Empfangs- und Triagieberich zum Einsatz. Ein integrierter Notrufknopf alarmiert bei Gefahr sofort den Sicherheitsdienst.

Positive Zwischenbilanz nach neun Wochen

Die vorläufige Auswertung nach zwei Dritteln der Testphase fällt positiv aus. „Die Kameras wirken als psychologische Barriere und erhöhen das subjektive Sicherheitsgefühl des Personals erheblich“, sagt Christian Eggers, Pflegedirektor der Notaufnahme Nord. Hintergrund des Experiments ist ein dramatischer Anstieg von Gewaltvorfällen. „Nur ein kleiner Teil der Patienten ist aggressiv, aber dieser Teil macht den Arbeitsalltag für unsere Mitarbeiter unberechenbar und gefährlich“, erklärt Arbeitsdirektor Michael Kötzing.

Datenschutz mit strengen Auflagen

Die Einführung der Überwachungstechnik in einem sensiblen Umfeld erforderte eine komplexe rechtliche Absicherung. Das Klinikum entwickelte das Konzept in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat und unter strenger Beachtung der DSGVO.

Die Aufnahmen sind hochgradig geschützt und verschlüsselt. Das tragende Personal kann sie weder einsehen noch verändern. Nur eine autorisierte Gruppe darf das Material sichten – und auch nur dann, wenn ein konkreter Vorfall offiziell gemeldet wurde. Erfolgt keine Meldung, löscht sich das Material nach kurzer Zeit automatisch. So soll die Beweiskraft für mögliche Strafverfahren gewahrt werden, ohne die Datenschutzgrundsätze zu verletzen.

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Experten skeptisch: Gefahr für das Arzt-Patienten-Verhältnis

Trotz der ermutigenden Zwischenbilanz sehen Kriminologen die Entwicklung kritisch. Stefan Kersting von der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW warnt vor einem Trugschluss: Studien zu Bodycams bei der Polizei hätten gezeigt, dass beamtete Kräfte mit Kamera manchmal sogar häufiger angegriffen wurden. „Eine Kamera löst keine Konflikte, sie dokumentiert sie nur. In Einzelfällen kann sie die Aggression sogar steigern“, so Kersting.

Soziologen befürchten zudem einen tiefen Vertrauensbruch. Die sichtbare Kamera signalisiere grundlegendes Misstrauen und könne die essenzielle Beziehung zwischen Patient und Behandler nachhaltig stören. Kritiker fragen: Verfallen Mitarbeiter in eine distanzierte, administrative Sprache, sobald die Aufzeichnung läuft, anstatt einfühlsam zu reagieren?

Systemkrise im Gesundheitswesen

Der Dortmunder Vorstoß spiegelt eine systemische Krise wider. Gewalt gegen Rettungs- und Krankenhauspersonal hat in Deutschland ein alarmierendes Ausmaß angenommen. Notaufnahmen mit langen Wartezeiten, Überlastung und oft alkoholisierten Patienten sind die Hauptschauplätze. Bislang setzten Kliniken auf Deeskalationstrainings, bauliche Schutzmaßnahmen und Sicherheitsdienste. Die Bodycams signalisieren, dass diese Mittel nicht mehr ausreichen.

Wird die Kamera zum Standard?

Andere große Klinikverbände beobachten das Pilotprojekt aufmerksam. Läuft der Test bis Mitte April 2026 ohne größere rechtliche oder operative Probleme erfolgreich zu Ende, könnten Bodycams bald auch anderswo zum Einsatz kommen. Das würde einen neuen Markt für datenschutzkonforme Medizintechnik eröffnen.

Zugleich steht die Politik unter Druck, bundeseinheitliche Richtlinien für den Einsatz von Kameras in Kliniken zu erarbeiten. Sollte das Dortmunder Modell nachhaltig die Gewalt reduzieren, ohne die Behandlung zu beeinträchtigen, dürfte es in den kommenden Jahren Schule machen – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Die Frage bleibt: Ist mehr Sicherheit für das Personal den Preis eines gestörten Vertrauensverhältnisses wert?

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