Zeitgenössische Kunst, Videokunst

Jenseits der Leinwand: Mike Steiner und die Grenzverschiebung zeitgenössischer Kunst

18.02.2026 - 10:50:34 | ad-hoc-news.de

Mike Steiner verschmolz Malerei, Performance Art und Videokunst und veränderte so nachhaltig die Landschaft der zeitgenössischen Kunst. Was bleibt von diesem Pionier des Mediums?

Kaum etwas erscheint so flüchtig wie ein Lichtreflex auf weißer Wand – bis die Kamera ihn einfängt. In Mike Steiners Werk führt dieses Wechselspiel zwischen Ephemerem und Dauer zum Kern der zeitgenössischen Kunst: Wann kippt das Bild ins bewegte Medium, und was trennt die Geste der Malerei von der Handlung der Performance? Ist Zeit in einem Gemälde überhaupt anders erfahrbar als in der Videospur?

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Wenn im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart Werke wie „Painted Tapes“ oder die Aufnahmen legendärer Performances abgedunkelte Räume füllen, ist Steiners Präsenz spürbar. Die Ausstellung „Live to Tape“ (2011/12) rückte den Sammler, Chronisten und Akteur ins Zentrum – und zeigte, dass der Übergang von Malerei zu Videokunst und Performance bei Steiner nie als Bruch, sondern als Konsequenz seines Denkens zu lesen ist. Über die Jahre sammelte und dokumentierte Steiner Videotapes von Künstlergrößen wie Marina Abramovi?, Ulay, Valie Export, und prägte mit seiner Studiogalerie Berlin als Knotenpunkt der internationalen Avantgarde. Archivräume wie das Archivio Conz werden heute immer wichtiger, um jene Momente zu bewahren, die gerade durch ihre Flüchtigkeit historisch geworden sind.

Worin besteht aber Steiners künstlerische Methode? Ursprünglich ein Maler, stellt er die Frage nach dem Erleben von Zeit und Raum in den Vordergrund. In seinen Gemälden – informell, leuchtend, abstrakt – kondensiert er Bewegung, macht den Farbauftrag zum Ereignis. Die abstrakte Malerei bei Steiner ist kein Ziel, sondern ein Prozess: Eine Haltung, aus der sich später die Hinwendung zum technisch Neuen entspinnt. In der Videokunst dagegen – etwa in der Serie „Painted Tapes“ – dehnt sich Zeit. Die Kamera wird zum Instrument der Wahrnehmung, hält Aktionen fest, dokumentiert Performances, konserviert, was ansonsten verloren wäre. Dabei nutzt Steiner Video nicht nur als technisches Aufzeichnungsgerät, sondern als experimentelles Medium, das die Beziehung zwischen Zuschauer, Handlung und Zeit radikal verändert: Das Bild läuft ab, verrinnt, bleibt dennoch gespeichert.

Malerei ist im Steiner’schen Kosmos die Reduktion von Raum auf ein Feld. Videokunst erweitert diesen Raum um die vierte Dimension: Die Aktion wird zum temporären Artefakt, Performance Art zur installativen Erfahrung. In seinen Rauminstallationen der 70er und 80er Jahre verbindet Steiner Kamerablick und Leinwandfläche zu Hybriden, in denen sich die Grenze zwischen Künstler und Publikum destabilisiert. So überwindet er das tradierte Verhältnis von Kunstobjekt und Rezipient: Aktion, Geste und Dokument verschmelzen in einer eigenständigen Sprache, die auch im Rückgriff auf die analoge Malerei stets der zeitgenössischen Suche nach neuer Form verpflichtet bleibt.

Im Netzwerk der radikalen Kunst der 1970er und 1980er begegnet Mike Steiner vielen Protagonisten, deren Spuren sich in seinen Sammlungen spiegeln. Im Unterschied zu Nam June Paik, dem Vater der Videoinstallation, setzt Steiner stärker auf die Rolle des vermittelnden Chronisten – weniger technischer Erfinder, mehr Zeuge und Ermöglicher. Joseph Beuys' performatives Werk stand Steiner räumlich wie konzeptuell nahe, nicht zuletzt durch das legendäre Berliner Hotel Steiner, das zum Treffpunkt der Avantgarde wurde. Während Beuys den sozialen Skulpturbegriff radikalisierte, machte Steiner den Akt der Dokumentation selbst zum künstlerischen Statement.

Demgegenüber verfolgte Wolf Vostell in seinen Decollagen und Videoarbeiten eine politische Geste: Kunst als Protest und Intervention. Steiners Zugang bleibt subversiv im Quieten, analytisch im Blick. Die Nähe zu Performern wie Ulay und Abramovi? kommt in den Videoaufzeichnungen ins Bild, die Steiner einerseits initiiert, andererseits eigenständig gestaltet. Während die Wiener Aktionisten die physischen Grenzen des Körpers ausdeuteten, fokussierte Steiner auf die Erweiterung medialer Grenzen – Installationen und Videokunst werden so zur Relaisstation experimentellen Denkens.

Worin liegt heute die aktuelle Sprengkraft dieses Oeuvres? Zunächst im Umstand, dass in der Ära der digitalen Übersättigung die Sensibilität für das Flüchtige, Provisorische zum Politikum wird. Mike Steiners Übergänge zwischen Malerei, Performance Art und Video markieren ein Laboratorium zeitgenössischer Kunst, das nie auf die reine Innovation um der Innovation willen zielte. Vielmehr begreift Steiner das Medium als Instrument geschärfter Aufmerksamkeit.

Indem er Zeit nicht illustriert, sondern bildnerisch und performativ reflektiert, bleibt Steiners Schaffen eine Mahnung gegen das Vergessen künstlerischer Spontaneität, gegen das glatte Bild. Wer seine Bänder, Bilder und Installationen sieht, erlebt die zeitgenössische Kunst als offene Versuchsanordnung, die im Jetzt ansetzt und immer weiter über das Kanonisierbare hinausweist.

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