ITM Power Aktie: Chronos-Entscheidung für 1-Gigawatt-Linie
07.06.2026 - 04:45:02 | boerse-global.de
ITM Power geht mit schwerem Gepäck in die neue Börsenwoche. Der Kurs brach am Freitag um 14,45 Prozent auf 1,68 Euro ein, über sieben Handelstage summiert sich das Minus auf 26,75 Prozent. Ausgerechnet jetzt stehen mehrere Entscheidungen an, die den Wasserstoff-Case härten oder weiter beschädigen können.
Der Kontrast bleibt groß. Seit Jahresanfang liegt die Aktie noch 131,01 Prozent vorn, über zwölf Monate sogar 130,70 Prozent. Vom jüngsten Hoch bei 2,58 Euro hat sich der Kurs aber bereits deutlich entfernt.
Sektor kippt, Goldman bleibt skeptisch
Goldman Sachs hält an der Verkaufsempfehlung fest. Das Kursziel wurde nur leicht von 55 auf 63 Pence angehoben und liegt damit weiter klar unter dem aktuellen Börsenniveau. Die Botschaft der Bank ist eindeutig: ITM Power bleibt aus ihrer Sicht fundamental zu teuer und dürfte den Weg in die Profitabilität nicht schnell genug schaffen.
Der Druck kam nicht nur aus der Aktie selbst. Ballard Power Systems verlor am selben Tag 19 Prozent, Plug Power rund 12 Prozent. Bei Clean Power Hydrogen verschärfte ein irreparabel beschädigter Pilot-Elektrolyseur die Zweifel an Technologie- und Umsetzungsrisiken im Wasserstoffsektor.
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Hinzu kam ein technischer Faktor. Nach der Aufnahme in den MSCI UK Small Cap Index hatten sich Hedgefonds und Arbitrageure positioniert. Mit dem wirksam gewordenen Indexwechsel wurden diese Positionen offenbar zügig abgebaut.
Chronos wird zum Belastungstest
Der wichtigste operative Hebel ist die finale Investitionsentscheidung für das Chronos-Programm. Die neue Elektrolyseur-Einheit soll 2,5 Megawatt leisten, 10 Prozent energieeffizienter arbeiten und die Investitionskosten um 40 Prozent senken. Auch der Platzbedarf soll sich halbieren.
Bei einer positiven Entscheidung könnte ITM Power eine vollautomatisierte Produktionslinie mit 1 Gigawatt Kapazität in Sheffield aufbauen. Die kommerzielle Produktion ist für 2028 angepeilt. Das dürfte spannend werden, weil hier nicht nur Technologieversprechen, sondern industrielle Skalierung auf dem Prüfstand stehen.
Die Finanzierung ist bereits ein starkes Argument der Befürworter. Great British Energy stellte 40 Millionen Pfund bereit, das britische Energieministerium legte einen Zuschuss von 46,5 Millionen Pfund nach. Beide Bausteine zielen auf die geplante 1-Gigawatt-Produktionslinie in Großbritannien.
Jefferies bleibt trotz Kaufempfehlung vorsichtig bei der Bewertung. Im Negativszenario sieht die Bank ein Abwärtsrisiko von 52 Prozent, im positiven Fall ein Potenzial von 37 Prozent. Das Verhältnis zeigt, wie eng der Spielraum nach der Rally geworden ist.
Der zweite Katalysator ist die britische Hydrogen Allocation Round HAR2. Das Programm umfasst bis zu 875 Megawatt, aktuell stehen 27 Projekte auf der Liste. ITM Power ist bereits bevorzugter Lieferant für zwei Projekte, beide hängen aber an finalen Investitionsentscheidungen der Entwickler.
Auch Unipers Killingholme-Projekt kann für ITM Power wichtig werden. Das Vorhaben umfasst 120 Megawatt; der FEED-Vertrag wurde im Juni 2025 unterzeichnet, die Baugenehmigung folgte im März 2026. Die finale Investitionsentscheidung wird noch im laufenden Jahr erwartet.
ITM Power steht für die erste Phase als Lieferant von sechs Poseidon-Modulen bereit, jeweils mit 20 Megawatt Leistung. Die Inbetriebnahme ist für 2029 geplant. Eine spätere Erweiterung über 200 Megawatt ist möglich.
Analysten liegen weit auseinander
Die Analystenspanne ist ungewöhnlich breit. Sie zeigt, dass der Markt weniger über den technologischen Anspruch als über Tempo, Bewertung und Cashflow streitet.
- Goldman Sachs: „Sell“, Kursziel von 55 auf 63 Pence angehoben.
- Jefferies: „Buy“, Kursziel von 115 auf 200 Pence erhöht.
- Berenberg: „Buy“, Kursziel von 100 auf 110 Pence erhöht.
- UBS: „Neutral“, Kursziel 60 Pence.
Der Kern der Debatte bleibt die Monetarisierung. Jefferies rechnet im laufenden Geschäftsjahr mit 41 Millionen Pfund Umsatz. In den beiden Folgejahren sollen daraus 56 Millionen und 71 Millionen Pfund werden.
Den EBITDA-Breakeven erwartet Jefferies erst 2028. Das ist der Punkt, an dem Förderzusagen, Partnerschaften und Auftragsoptionen in belastbare Ergebnisbeiträge übersetzt werden müssen.
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Privatanleger greifen dennoch zu. Auf einer britischen Handelsplattform entfielen in einer jüngeren Morgensitzung 63 Prozent der ITM-Power-Orders auf Käufe. Der Rücksetzer wird also nicht nur verkauft, sondern auch aktiv zum Einstieg genutzt.
Fortschritt ja, Verluste bleiben
Operativ gibt es Fortschritte. ITM Power hat die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2026 auf 40 bis 43 Millionen Pfund angehoben. Das signalisiert mehr Sichtbarkeit im Geschäft, löst aber den Profitabilitätskonflikt noch nicht.
Der Auftragsbestand liegt bei 152 Millionen Pfund. Davon gelten 71 Prozent als profitabel. Genau diese Qualität im Orderbuch ist wichtig, weil Wachstum ohne Margen im Wasserstoffsektor kaum noch belohnt wird.
Der EBITDA-Verlust im ersten Halbjahr verringerte sich auf 11,9 Millionen Pfund nach 16,8 Millionen Pfund im Vorjahr. Für das Gesamtjahr stellt der Vorstand einen EBITDA-Verlust von 27 bis 29 Millionen Pfund in Aussicht.
Die Liquidität bleibt der stärkste Puffer. Mit rund 200 Millionen Pfund Nettocash besitzt ITM Power mehr als drei Jahre finanziellen Spielraum auf Basis des bestehenden Auftragsbestands. Das verschafft Zeit, ersetzt aber keine Aufträge mit sichtbaren Margen.
Technisch liegt die erste Marke nun beim 50-Tage-Durchschnitt von 1,56 Euro. Bis zu den nächsten Ergebnissen im September liefern vor allem Chronos, HAR2 und Killingholme die Taktgeber: Förderlogik und Partnerschaften zählen erst, wenn daraus belastbare Aufträge werden. Hält diese Zone, bleibt die Rally technisch intakt; ein Bruch darunter würde den Bewertungsstreit verschärfen.
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