IBM Aktie: Wette auf verschobene Milliarden
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 21:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de
IBM kämpft sich nach dem schwärzesten Handelstag seines Börsenlebens zurück. Am 14. Juli 2026 brach die Aktie um 25 Prozent ein — der stärkste Tagesverlust seit über hundert Jahren. Nun versucht das Management, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, und behauptet: Die verlorenen Milliarden sind nicht weg, nur verschoben.
Aktuell notiert die Aktie bei 186,80 Euro, ein Plus von 2,78 Prozent zum Vortag. Das klingt nach Erholung, bleibt aber Zittern auf hohem Risiko. Erst gestern markierte das Papier mit 175,14 Euro ein neues 52-Wochen-Tief.
Der Auslöser: Ein Einbruch im Kerngeschäft
Die Quartalszahlen legten offen, wie stark IBMs traditionelles Geschäft unter Druck steht. Der Umsatz mit Mainframe-Systemen der IBM-Z-Reihe brach um 42 Prozent ein. Software für Transaktionsverarbeitung verlor 9 Prozent. Das Management musste die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr kappen.
Als Grund nennt CEO Arvind Krishna gestiegene Hardware-Preise. Halbleiter und Server verteuerten sich um 60 Prozent. Firmenkunden hätten daraufhin ihre Investitionsbudgets umgeschichtet — weg von Software, hin zu teurerer Hardware. Genau diese Verschiebung soll laut Krishna nur temporär sein.
Die entscheidende Frage: Kommt das Geld zurück?
Für die weitere Kursentwicklung zählt vor allem eines: Kann IBM die im zweiten Quartal verschobenen Firmenkunden-Deals bis Jahresende tatsächlich abschließen? Und das, ohne durch Preiszugeständnisse das Software-Budget der Kunden weiter auszuhöhlen.
Krishna macht hier eine konkrete Ansage. Rund ein Drittel der verzögerten Großaufträge sei bereits in den ersten drei Juli-Wochen abgeschlossen worden. Bis Jahresende erwartet das Management, 75 bis 80 Prozent der verschobenen Deals nachzuholen.
Bull-Case: Verschoben, nicht verloren
Die optimistische Lesart stützt sich auf mehrere Bausteine. IBM hält trotz der Turbulenzen am Ziel fest, den freien Cashflow um rund eine Milliarde Dollar zu steigern — nach einem Halbjahres-Cashflow von 4,8 Milliarden Dollar ein realistisches Polster.
Strategisch bleibt der Konzern auf Kurs. Eine verbindliche Vereinbarung zur Übernahme von HRL Laboratories von Boeing und GM soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Sie stärkt IBMs Doppelstrategie bei Quantencomputern, die auf supraleitende Qubits und Silizium-Spins setzt.
Auch im KI-Geschäft zeigt sich Substanz. Beratungsaufträge rund um generative KI machen mittlerweile 30 Prozent aller Consulting-Abschlüsse aus. Mit "Lightwell" startet IBM zudem eine Fünf-Milliarden-Dollar-Initiative mit 20.000 Ingenieuren, die KI-gestützte Code-Sanierung für Großkunden wie Bank of America und Goldman Sachs anbietet. Der RSI von 34,4 signalisiert eine nahezu überverkaufte Aktie — für wertorientierte Investoren ein Signal, das Kaufinteresse wecken könnte. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 231,11 Euro, deutlich über dem aktuellen Niveau.
Bear-Case: Juristisches Risiko und bröckelndes Vertrauen
Die Gegenseite der Wette wiegt schwer. Ein Umsatzeinbruch von 42 Prochte bei Mainframes lässt sich nicht allein mit Timing-Problemen erklären — er deutet auf strukturellen Druck im traditionellen Kerngeschäft hin. Die Software-Wachstumsprognose wurde von zweistelligen Raten auf 6 bis 8 Prozent gesenkt. Sollte sich die Hardware-Inflation fortsetzen, bleibt auch dieses Ziel gefährdet.
Hinzu kommt juristischer Gegenwind. Mehrere Kanzleien, darunter BFA Law, prüfen mögliche Verstöße gegen Wertpapierrecht. Im Zentrum steht der Vorwurf, IBM habe das Tempo neuer Geschäftsabschlüsse und die Aussichten für die IBM-Z-Produktlinie falsch dargestellt.
Die Marktzahlen spiegeln dieses Misstrauen. Seit Jahresbeginn steht die Aktie mit 28,13 Prozent im Minus, der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 233,83 Euro beträgt gut 20 Prozent. Sollten die "verschobenen" Deals im dritten Quartal ausbleiben, dürfte die Glaubwürdigkeit des Managements nachhaltig leiden.
Ausblick: Wettlauf gegen den Kalender
Bestätigt sich die Ein-Drittel-Zahl aus dem Juli in einem sichtbaren Umsatz-Nachholeffekt im dritten Quartal, könnte die Aktie ihre Erholung fortsetzen — mit dem 50-Tage-Durchschnitt von 228,61 Euro als nächster Marke. Bleiben weitere Verzögerungen oder eskalieren die juristischen Prüfungen zu einer Sammelklage, erscheint ein erneuter Test des 52-Wochen-Tiefs bei 175,14 Euro wahrscheinlich.
Zwei Termine dürften die Richtung vorgeben. Der offizielle Abschluss der HRL-Laboratories-Übernahme im dritten Quartal 2026 gilt als Signal für strategische Kontinuität. Den eigentlichen Lackmustest liefert aber der Quartalsbericht zum dritten Quartal: Nur wenn IBM dort belegt, mindestens 75 Prozent der verschobenen Aufträge gesichert zu haben, bleibt die Cashflow-Prognose des Managements glaubwürdig.
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