Gewerbesteuer: IW fordert radikale Reform für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit
19.03.2026 - 00:00:21 | boerse-global.de
Deutschlands einzigartige Gewerbesteuer wird zum Standortnachteil. Eine neue Studie fordert ihre Abschaffung – und sieht darin die Lösung für Kommunen und Unternehmen.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat mit einer Studie vom 10. März 2026 eine grundlegende Debatte neu entfacht. Die Ökonomen fordern die komplette Abschaffung der Gewerbesteuer. Sie sehen in dem kommunalen Steuerinstrument eine wachsende Belastung für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Angesichts klammender Kommunenkassen und hoher Unternehmenskosten gewinnt die Forderung nach einer Systemreform aktuell massiv an Schwung.
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Der deutsche Sonderweg mit Folgen
Die Gewerbesteuer ist ein deutscher „Sonderweg“. Kein anderes OECD-Land erhebt eine vergleichbare regionale Steuer zusätzlich zur Körperschaft- und Einkommensteuer. Diese Doppelstruktur treibt die nominale Gesamtsteuerlast für deutsche Unternehmen in vielen Regionen auf rund 30 Prozent. Der internationale OECD-Durchschnitt liegt dagegen bei nur etwa 24 Prozent.
Diese Diskrepanz macht Deutschland zum Hochsteuerland. Sie schreckt ausländische Direktinvestitionen ab und veranlasst inländische Firmen, über Verlagerungen nachzudenken. Eine aktuelle umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bestätigt: Die Steuerlast bleibt ein Hauptkriterium bei Standortentscheidungen. Der durchschnittliche Hebesatz kletterte bundesweit auf 438 Prozent. Für Unternehmen bedeutet dies: Weniger finanzielle Spielräume für dringend benötigte Investitionen in Innovation.
Teufelskreis für die Kommunen
Die Ursache für steigende Hebesätze liegt in der strukturellen Unterfinanzierung der Kommunen. Die Gewerbesteuer ist ihre wichtigste flexible Einnahmequelle. Doch diese Autonomie hat einen Teufelskreis geschaffen. Das Statistische Bundesamt prognostizierte für 2025 ein kommunales Defizit von 28,1 Milliarden Euro. Viele Städte und Gemeinden drehen daher an der Steuerschraube, um ihre Haushalte kurzfristig zu sanieren.
Ökonomen warnen: Diese Strategie zerstört auf lange Sicht die eigene Wirtschaftsbasis. Hochbelastete Kommunen, besonders in Regionen wie Nordrhein-Westfalen, riskieren, die Unternehmen zu vertreiben, auf die sie angewiesen sind. Zudem sind die Gewerbesteuereinnahmen volatil und ungleich verteilt. Da die Steuer an Unternehmensgewinne gekoppelt ist, führen Konjunktureinbrüche zu sofortigen, massiven Einnahmeausfällen. In Krisen sind die Kommunen dann auf Bund und Länder angewiesen.
Der IW-Reformvorschlag: Abschaffung und Neustart
Um diesen Negativkreislauf zu durchbrechen, schlägt das IW ein radikales Reformmodell vor: die vollständige abschaffung der klassischen Gewerbesteuer. Die Finanzlücke für die Kommunen soll durch zwei Maßnahmen geschlossen werden:
1. Eine höhere Beteiligung der Kommunen an der allgemeinen Körperschaft- und Einkommensteuer.
2. Ein neues Recht der Kommunen, spezifische Zuschläge auf diese Gemeindesteuern zu erheben.
Laut Berechnungen der Forscher würde diese Umstellung die kommunalen Haushalte nicht nur stabilisieren, sondern ihnen sogar einen Nettomehraufkommen von 26,9 Milliarden Euro bescheren. Das würde die Defizite von 2025 mehr als ausgleichen. Ein weiterer Vorteil: Die extremen Einnahmeschwankungen würden sinken, da Körperschaft- und Einkommensteuer weniger anfällig für konjunkturelle Schocks sind.
Bürokratiemonster Gewerbesteuer
Neben der finanziellen Belastung steht die Gewerbesteuer für immensen bürokratischen Aufwand. Die Berechnung der Steuermesszahl weicht erheblich von der regulären Gewinnermittlung ab. Zahlreiche Hinzurechnungen und Kürzungen – etwa für Finanzierungskosten oder Mietaufwendungen – sind nötig.
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Steuerexperten kritisieren, dass dies zu einer Art Substanzbesteuerung führen kann. Unternehmen müssen hohe Gewerbesteuern zahlen, selbst in Jahren mit minimalen operativen Gewinnen. Dieser komplexe Parallelrechenweg verursacht hohe Compliance-Kosten für die Wirtschaft und bindet erhebliche Ressourcen in der Finanzverwaltung. Eine Integration der kommunalen Finanzierung in das allgemeine Körperschaftsteuersystem wäre ein großer Schritt zur Entbürokratisierung.
Wettbewerbsdruck aus Europa wächst
Die Debatte um die Gewerbesteuer offenbart ein grundsätzliches Dilemma des deutschen Wirtschaftsmodells. Während die Bundesregierung Wachstum und Klimaneutralität fördern will, wirken lokale Steuerpolitiken oft gegenteilig, indem sie Kapital aus der Privatwirtschaft abziehen.
Der internationale Vergleich zeigt: Länder wie Frankreich und Großbritannien haben ihre Körperschaftsteuersätze in den letzten Jahren aktiv gesenkt, um internationales Kapital anzulocken. Bleibt Deutschland auf seinem aktuellen Kurs, wird die Wettbewerbslücke weiter wachsen. Das vorgeschlagene Zuschlagsmodell für Kommunen orientiert sich an erfolgreichen Vorbildern aus anderen Ländern. Es ermöglicht kommunale Finanzautonomie, ohne kapitalintensive Industrien zu bestrafen.
Politische Hürden bleiben hoch
Der Druck auf die Politik, das Gewerbesteuerproblem anzugehen, wird 2026 weiter zunehmen. Die wirtschaftlichen Argumente für eine Reform sind erdrückend, die politische Umsetzung bleibt jedoch eine Herkulesaufgabe. Jede grundlegende Änderung der Kommunalfinanzierung erfordert einen komplexen verfassungsrechtlichen Konsens zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Kurzfristig müssen sich Unternehmen auf weiterhin hohe und regional unterschiedliche Steuerlasten einstellen. Finanzschwache Städte werden ihre Hebesätze wohl halten oder sogar erhöhen. Doch die im März 2026 vorgelegten konkreten Vorschläge liefern einen machbaren Fahrplan. Sollte die wirtschaftliche Stagnation anhalten, könnte die Bundesregierung gezwungen sein, die längst überfällige Systemreform einzuleiten – um einen Abwanderung von Industriestandorten zu verhindern.
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