Getlink, Eurotunnel

Getlink SE (Eurotunnel): Zwischen stabilen Cashflows, Energiewende-Fantasie und Bewertungsfrage

02.01.2026 - 07:21:31

Die Getlink-Aktie profitiert von robustem Verkehr durch den Eurotunnel und Wachstum im Stromkabel-Geschäft. Doch nach starker Kursrally stellt sich die Frage: Wie viel Potenzial bleibt noch?

Investoren blicken derzeit mit einer Mischung aus Zuversicht und Skepsis auf Getlink SE (Eurotunnel). Die Aktie des französisch-britischen Infrastrukturbetreibers hat sich in den vergangenen Monaten spürbar erholt, getragen von soliden Verkehrszahlen im Eurotunnel, einem wachsenden Beitrag der Stromsparte ElecLink und der anhaltenden Attraktivität defensiver Infrastrukturwerte. Gleichzeitig wirft die Bewertung Fragen auf – und die Analystenzunft ist sich nicht einig, ob das Papier bereits „fair bezahlt“ ist oder noch Luft nach oben hat.

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Zum jüngsten Handelsschluss notierte die Getlink-Aktie (ISIN FR0010533075) an der Euronext Paris bei rund 19,90 Euro. Nach Daten von Yahoo Finance und der Börse Paris lag der letzte Schlusskurs leicht im Minus gegenüber dem Vortag, nachdem die Aktie in den Tagen zuvor bereits einen soliden Anstieg verzeichnet hatte. Auf Fünf-Tage-Sicht ergibt sich damit ein moderates Plus, auf Sicht von drei Monaten steht ein klar zweistelliger Kurszuwachs zu Buche. Das 52?Wochen?Spannungsfeld zeigt die Dynamik: Zwischen dem Tief knapp unter 13 Euro und einem Hoch in der Nähe von 20 Euro hat die Aktie ordentlich Boden gutgemacht. Das Sentiment wirkt insgesamt verhalten optimistisch – eher leicht bullisch, aber ohne Übertreibung.

Die jüngsten Kursdaten, abgeglichen zwischen Yahoo Finance und Reuters, stammen vom späten europäischen Handelstag, als der Markt für französische Standardwerte bereits in die Schlussauktion ging. Damit sind es aktuell vor allem Rückschlüsse aus dem letzten Schlusskurs und den jüngsten Bewegungen, die den Ton setzen: eine Aktie, die sich konsequent von den Tiefstständen gelöst hat und nun im oberen Bereich ihrer 12?Monats?Spanne handelt.

Ein-Jahres-Rückblick: Das Investment-Szenario

Wer vor rund einem Jahr Vertrauen in Getlink SE (Eurotunnel) bewiesen und zum damaligen Schlusskurs von etwa 15,50 Euro je Aktie gekauft hat, darf sich heute über einen deutlichen Bewertungsaufschlag freuen. Ausgehend vom jüngsten Schlusskurs bei etwa 19,90 Euro ergibt sich ein Kursplus von grob 28 Prozent. Einschließlich der in diesem Zeitraum ausgeschütteten Dividende fällt die Gesamtperformance noch etwas höher aus.

Für Langfristaktionäre bestätigt sich damit die grundsätzliche Investmentthese: Infrastruktur mit monopolähnlicher Stellung, regulierten Rahmenbedingungen und relativ gut planbaren Cashflows zahlt sich aus – insbesondere in einem Umfeld anhaltender geopolitischer Unsicherheit und schwankender Konjunkturindikatoren. Während zyklische Industrie- und Konsumwerte im Jahresverlauf teilweise heftige Kurskapriolen erlebten, verlief die Reise für Getlink-Anleger wesentlich berechenbarer – mit dem angenehmen Nebeneffekt eines klar positivem Ein-Jahres-Ergebnisses.

Diese Entwicklung ist umso bemerkenswerter, als dass das Unternehmen weiterhin mit strukturellen Herausforderungen wie strengeren Umweltauflagen, konjunktureller Unsicherheit im Güterverkehr und der Nachwirkung des Brexit im Handel zwischen Kontinentaleuropa und Großbritannien umgehen muss. Dass die Aktie trotz dieser Rahmenbedingungen zulegen konnte, deutet darauf hin, dass der Markt die langfristige Ertragskraft des Geschäftsmodells höher bewertet als kurzfristige politische oder wirtschaftliche Störfaktoren.

Aktuelle Impulse und Nachrichten

In den vergangenen Tagen stand Getlink vor allem mit operativen Updates und Einschätzungen zu Verkehrszahlen im Fokus. Branchenportale und Finanzmedien berichteten, dass der Pkw- und Lkw-Verkehr durch den Eurotunnel weiterhin auf einem soliden Niveau liegt und sich über das Jahr hinweg erfreulich stabil gezeigt hat. Vor wenigen Tagen veröffentlichten mehrere Finanzportale aktualisierte Schätzungen zu den Jahresergebnissen, die von einem weiteren Anstieg von Umsatz und Ergebnis ausgehen. Besonders positiv wird in diesem Zusammenhang die zunehmend sichtbare Ertragskraft des Interkonnektors ElecLink bewertet, über den Strom zwischen Frankreich und Großbritannien transportiert wird.

ElecLink hat sich binnen kurzer Zeit von einem Projekt mit hohen Vorlaufinvestitionen zu einem operativen Ergebnislieferanten für den Konzern entwickelt. In Analysen wird hervorgehoben, dass die hohe Volatilität der Großhandelsstrompreise sowie der Bedarf an grenzüberschreitender Netzstabilisierung den Interkonnektor dauerhaft auslasten dürften. Anfang der Woche verwiesen Analysten in London und Paris darauf, dass der Energiesektor für Getlink zunehmend zu einer „zweiten Säule“ neben dem Tunnelbetrieb werden könnte – mit der Aussicht auf weitgehend unkorrelierte Einnahmen im Vergleich zum klassischen Verkehrsgeschäft.

Neue regulatorische Schreckensmeldungen blieben zuletzt aus, was an den Märkten als Beruhigungssignal gewertet wird. Zwar bleibt der Eurotunnel ein sicherheitssensibles und politisch exponiertes Infrastrukturprojekt, doch kurzfristig sehen Marktbeobachter keine akute Gefahr weiterer einschneidender Eingriffe durch Aufsichtsbehörden oder Regulierer. Stattdessen konzentriert sich der Blick auf Effizienzgewinne, Kostenkontrolle und die Erschließung zusätzlicher Erlösquellen im Umfeld der vorhandenen Infrastruktur.

Das Urteil der Analysten & Kursziele

Auf Analystenseite zeigt sich ein differenziertes Bild. In den vergangenen Wochen haben mehrere Häuser ihre Einschätzungen zu Getlink SE (Eurotunnel) aktualisiert. Nach Daten von Refinitiv, Bloomberg und Finanzportalen wie MarketScreener reicht die Spanne der aktuellen Empfehlungen von „Halten“ bis „Kaufen“. Das Konsensrating liegt dabei tendenziell im Bereich „Outperform“ beziehungsweise „Übergewichten“ – also leicht positiv, aber ohne überbordenden Enthusiasmus.

Einige große Adressen wie JPMorgan und Barclays liegen mit ihren Kurszielen im Bereich von rund 20 bis 22 Euro und sehen damit vergleichsweise begrenztes, aber noch vorhandenes Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Kurs. Sie argumentieren, dass die starke Kursentwicklung der letzten Quartale einen erheblichen Teil der erwarteten Verkehrszuwächse und ElecLink-Erträge bereits eingepreist habe. Die Deutsche Bank und französische Häuser wie Société Générale und Exane BNP Paribas zeigen sich laut jüngst veröffentlichten Kommentaren etwas optimistischer: Sie verweisen auf die Möglichkeit, dass der Markt die Nachhaltigkeit der Cashflows sowie weitere Effizienzsteigerungen im Tunnelbetrieb weiterhin unterschätze und sehen tendenziell etwas höhere Bewertungsspielräume.

Zugleich mahnen mehrere Analysten zur Vorsicht mit Blick auf das Bewertungsniveau. Das Verhältnis von Unternehmenswert zu EBITDA wird von einigen Kommentatoren bereits am oberen Ende der historischen Bandbreite verortet. Vor allem US-Häuser betonen, dass ein solcher Bewertungsaufschlag nur gerechtfertigt sei, wenn Getlink die prognostizierten Ergebnissteigerungen auch tatsächlich liefere und zugleich keine größeren regulatorischen oder politischen Rückschläge eintreten. Aus Sicht konservativer Investoren ist die Aktie daher eher ein Kandidat für das strategische Depot – weniger für kurzfristige Spekulationen.

Bemerkenswert ist zudem, dass sich die Spanne der Kursziele relativ eng um den aktuellen Kurs gruppiert. Ausreißer nach oben mit ausgesprochen aggressiven „Kaufen“-Voten sind selten geworden, was auf ein reiferes Kursniveau schließen lässt. Gleichwohl gilt die Dividendenperspektive als zusätzliches Argument: Mehrere Analysten gehen von einer fortgesetzten, leicht steigenden Ausschüttung aus, was die Gesamtrendite für langfristig orientierte Anleger zusätzlich stützen dürfte.

Ausblick und Strategie

Für die kommenden Monate zeichnen sich für Getlink SE (Eurotunnel) mehrere entscheidende Stellschrauben ab. Auf der operativen Seite wird der Markt genau verfolgen, ob sich der Güterverkehr zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien weiter stabilisiert oder aufgrund schwächerer Konjunkturdaten wieder unter Druck gerät. Ein anhaltend robuster Lkw-Transport durch den Tunnel wäre ein wichtiges Signal für die Ertragsqualität, zumal höhere Energie- und Personalkosten das Unternehmen weiterhin fordern.

Strategisch steht Getlink vor der Aufgabe, den Erfolg von ElecLink zu verstetigen und die Rolle als „Infrastrukturplattform“ auszubauen. In Unternehmenspräsentationen betont das Management regelmäßig, dass der Eurotunnel nicht nur ein Verkehrskorridor, sondern auch eine Energiedrehscheibe zwischen Frankreich und Großbritannien sein soll. Mögliche zusätzliche Investitionen in Netz- und Energiemarktprojekte – etwa im Bereich Flexibilitätsdienste oder weiterer Kapazitätsauktionsmodelle – könnten mittelfristig neue Ertragssäulen schaffen, verlangen aber zugleich hohe Anfangsinvestitionen und eine verlässliche Regulierung.

Für Aktionäre bleibt die strategische Frage daher, wie viel Wachstumsfantasie sie dem Geschäftsmodell zutrauen. Auf der einen Seite steht ein etabliertes, weitgehend ausgereiztes Verkehrsinfrastrukturprojekt mit begrenzten organischen Expansionschancen. Auf der anderen Seite eröffnet die Energiewende, der wachsende Bedarf an grenzüberschreitender Netzkapazität und die Rolle Europas im Stromhandel neue Chancen, bestehende Assets besser zu monetarisieren. Gelingt es Getlink, hier eine starke Position einzunehmen, könnte das Bewertungsniveau eher am oberen Ende der aktuellen Analystenspanne liegen – oder diese sogar übertreffen.

Anleger sollten zugleich die Risikofaktoren nicht aus den Augen verlieren: Politische Spannungen im Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien, mögliche Änderungen regulatorischer Rahmenbedingungen, Sicherheitsanforderungen rund um den Tunnel sowie konjunkturelle Dellen im Handel könnten jederzeit für Volatilität sorgen. Hinzu kommt das Zinsumfeld: Steigen die langfristigen Zinsen wieder deutlicher an, könnten Infrastrukturwerte mit ihren planbaren, aber oft stark diskontierungsabhängigen Cashflows an relativer Attraktivität verlieren.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine differenzierte Strategie sinnvoll. Für bereits investierte Anleger spricht viel dafür, die Position mit Blick auf die solide Marktstellung und die Dividendenperspektive weiter zu halten, zugleich aber Kursziele und Risikobudgets klar zu definieren. Neuengagements hingegen sollten abwägen, ob kurzfristige Rücksetzer – etwa nach schwächeren Verkehrszahlen oder konjunkturellen Sorgen – nicht bessere Einstiegsgelegenheiten bieten als das aktuelle Kursniveau nahe der 52?Wochen?Höchststände.

Unterm Strich bleibt Getlink SE (Eurotunnel) ein spannender Infrastrukturwert an der Schnittstelle von Transport und Energie – mit einem bewährten Kerngeschäft, einer wachsenden Stromsparte und einer Bewertung, die Disziplin verlangt. Wer die politischen und regulatorischen Risiken akzeptiert und einen mehrjährigen Anlagehorizont mitbringt, findet in der Aktie weiterhin ein interessantes, wenn auch nicht mehr unterschätztes Papier im europäischen Infrastruktur-Universum.

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