Eberswalder, Wurstwerke

Eberswalder Wurstwerke schließt: Sozialplan unter heftiger Kritik

20.01.2026 - 23:00:12

Über 500 Jobs fallen weg, nachdem der Fleischriese Tönnies die traditionsreiche Fabrik in Britz zum Februar 2026 schließt. Gewerkschaft und Politik werfen dem Konzern Ausnutzung einer Gesetzeslücke und Marktbereinigung vor.

Die Schließung der Eberswalder Wurstwerke in Britz ist besiegelt. Für die mehr als 500 betroffenen Mitarbeiter gibt es nun einen Sozialplan – doch der stößt auf massive Kritik. Die Gewerkschaft NGG spricht von unzureichenden Abfindungen, die weit unter Branchenstandard lägen. Der Konzern Tönnies, der das Werk über seine Tochter Zur Mühlen Group erst 2023 übernahm, begründet den Schritt mit einem schwierigen Marktumfeld und zu hohen Investitionskosten.

Im Zentrum des Konflikts steht eine Besonderheit im deutschen Arbeitsrecht. Da mit der Übernahme im Juni 2023 eine neue Gesellschaft gegründet wurde, greift für vier Jahre eine Ausnahmeregelung. Unternehmen sind in dieser Zeit nicht verpflichtet, einen umfassenden Sozialplan aufzustellen. Die NGG wirft Tönnies vor, diese Lücke gezielt ausgenutzt zu haben, um den Betriebsrat unter Druck zu setzen.

Das Ergebnis seien Abfindungen, die nur einen Bruchteil der üblichen Summen ausmachten. Berichten zufolge erhalten Mitarbeiter teils nur ein Viertel eines Monatsbruttos per Dienstjahr. „Das ist eine Schande für einen Konzern dieser Größe“, kommentiert Uwe Ledwig, NGG-Bezirksleiter Ost.

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Vorwurf der strategischen Marktbereinigung

Die Gewerkschaft geht noch weiter. Sie vermutet hinter der Schließung eine strategische Entscheidung zur Marktbereinigung. Tönnies habe bei der Übernahme Investitionszusagen gemacht und eine sichere Zukunft versprochen, so Ledwig. Stattdessen sei der Standort in den letzten Jahren heruntergewirtschaftet worden, um nun einen Mitbewerber vom Markt zu nehmen und dessen Absatz zu übernehmen. Die NGG spricht von einem „Totengräber“ für den traditionsreichen Produktionsstandort.

Die politischen Reaktionen sind scharf. Lokal- und Bundespolitiker kritisieren das Vorgehen des Konzerns. Einige sehen Parallelen zu den umstrittenen Treuhand-Privatisierungen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Es gibt Forderungen, die rechtliche Lücke im Betriebsverfassungsgesetz zu überprüfen, die es Unternehmen ermöglicht, ihre sozialen Verpflichtungen gegenüber einer langjährigen Belegschaft zu minimieren.

Ende einer Ära, Fortbestand einer Marke

Für die Region Barnim nordöstlich von Berlin bedeutet die Schließung das Ende einer Ära. 1977 gegründet, war das Werk in den 1980er Jahren mit über 3.000 Beschäftigten der größte Fleischverarbeitungsbetrieb Europas. Die Produktion in Britz wird am 28. Februar 2026 eingestellt.

Die Marke „Eberswalder“ jedoch bleibt erhalten. Die beliebten Würstchen, darunter auch der Sponsor-Wurst für den 1. FC Union Berlin, werden laut Tönnies an anderen Standorten des Konzerns in Ostdeutschland nach den Originalrezepturen weiter produziert. Für die ehemaligen Mitarbeiter hingegen bleibt die Zukunft ungewiss. Die Region steht vor der Herausforderung, Hunderte von Arbeitslosen in einer strukturschwächeren Gegend wieder in Lohn und Brot zu bringen. Der Fall dürfte die Debatte über Unternehmensverantwortung und Arbeitnehmerschutz bei Betriebsschließungen neu entfachen.

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