Britannica und Merriam-Webster verklagen OpenAI
19.03.2026 - 00:00:21 | boerse-global.deDie Klage der renommierten Nachschlagewerke könnte die KI-Industrie vor eine existenzielle Daten-Frage stellen.
Encyclopedia Britannica und Merriam-Webster haben Klage gegen OpenAI eingereicht. Die Vorwürfe: massiver Urheberrechtsverstoß und Markenrechtsverletzung durch das unerlaubte Abschöpfen von Inhalten für das KI-Training. Die am Freitag vor einem New Yorker Bundesgericht eingereichte Klage markiert eine neue Eskalationsstufe im Streit zwischen Inhaltsproduzenten und KI-Entwicklern.
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Kern der Vorwürfe: Systematisches Abschöpfen
Das Unternehmen hinter ChatGPT soll fast 100.000 urheberrechtlich geschützte Artikel und Definitionen ohne Erlaubnis, Lizenzvereinbarung oder Vergütung genutzt haben. Die Klageschrift wirft OpenAI vor, diese proprietären Daten nicht nur für das Training von Modellen wie GPT-4 verwendet zu haben. Der Chatbot reproduziere teils wortgetreue Auszüge, wenn er Nutzeranfragen beantworte.
Besonders brisant: Das System nutzt laut Klage sogenannte Retrieval-Augmented Generation. Diese Architektur erlaubt es der KI, in Echtzeit Informationen direkt von den Websites der Verlage abzurufen. Für Britannica und Merriam-Webster bedeutet das eine direkte Gefährdung ihres Geschäftsmodells. Web-Traffic wird abgezogen, was die wichtigen Abonnement- und Werbeeinnahmen schmälert, die ihre redaktionelle Arbeit finanzieren.
Gefahr für die Marke durch KI-Halluzinationen
Neben dem Urheberrecht stehen auch schwere Markenrechtsverletzungen im Raum. Die Kläger zeigen sich alarmiert über sogenannte KI-Halluzinationen – also faktisch falsche oder unsinnige Aussagen, die ChatGPT generiert. Problematisch wird es, wenn das System diese erfundenen Aussagen fälschlicherweise den renommierten Nachschlagewerken zuschreibt.
Für Verlage, die seit Jahrhunderten für Genauigkeit und Autorität stehen, ist das eine existenzielle Bedrohung. Ihre Inhalte, die weltweit schätzungsweise 150 Millionen Schülern in 150 Ländern dienen, erfordern immense redaktionelle Investitionen. Die unautorisierte Vermischung mit KI-generierten Fehlern und die falsche Zuschreibung verwässern laut Klage den Markenwert und verunsichern die Nutzer.
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Der Streit um "Fair Use"
Die zentrale rechtliche Frage dreht sich um die Auslegung des Fair-Use-Prinzips im US-Urheberrecht. OpenAI verteidigt seine Methoden öffentlich: Man nutze öffentlich zugängliche Internetdaten und stütze sich auf etablierte Fair-Use-Grundsätze. Die KI-Modelle würden Innovation befördern und bestehendes Material in völlig neue Ausgaben transformieren.
Die Kläger weisen diese Argumentation entschieden zurück. Die Nutzung ihrer Inhalte sei nicht "transformativ", da sie keinen neuen Ausdruck, keine neue Bedeutung oder Botschaft hinzufüge. Stattdessen verpacke der Chatbot ihr geistiges Eigentum lediglich neu für Konsumenten – und untergrabe so den Markt für die Originalwerke, ohne deren Produktionskosten oder redaktionelle Last zu tragen.
Forderungen und ein Musterverfahren
Britannica und Merriam-Webster fordern unbestimmte Schadensersatz- und Gewinnausgleichszahlungen. Noch bedeutender für die gesamte Tech-Branche ist ihr Antrag auf eine einstweilige Verfügung: OpenAI soll dauerhaft von der Nutzung ihrer Inhalte ausgeschlossen und die mutmaßliche fortlaufende Rechtsverletzung gestoppt werden.
Für den Referenzverlag ist es nicht der erste Vorstoß. Bereits im September 2025 reichte Britannica eine parallele Klage gegen die KI-Suchmaschine Perplexity ein. Die Klage gegen OpenAI reiht sich nun in eine massive Sammelklage im Bezirk New York ein. Das KI-Unternehmen, das nach einer großen Finanzierungsrunde auf etwa 840 Milliarden Euro geschätzt wird, verteidigt sich dort gegen Dutzende Verlage.
Ein Präzedenzfall für strukturierte Daten
Experten sehen in diesem Fall eine neue Qualität. Anders als bei Klagen von Tageszeitungen oder Autoren geht es hier um hochstrukturierte, faktengeprüfte Referenzdaten. Ausgerechnet Wörterbücher und Enzyklopädien liefern jene qualitativ hochwertigen, kuratierten Informationen, die große Sprachmodelle überhaupt erst zuverlässig und nützlich machen.
In den USA sind mittlerweile über 90 Urheberrechtsklagen gegen KI-Firmen anhängig. Während Medienkonglomerate wie News Corp bereits lukrative Lizenzvereinbarungen mit Tech-Firmen geschlossen haben, halten andere die angebotenen Konditionen für unangemessen. Das Ergebnis dieser Sammelklagen könnte die wirtschaftliche Grundlage der KI-Industrie fundamental verändern – hin zu strikten Lizenzmodellen oder stark eingeschränkten Datenquellen.
Was kommt auf die KI-Branche zu?
Die Vorverfahren in New York werden von der gesamten Branche genau beobachtet. Eine grundsätzliche Klärung der Fair-Use-Frage wird jedoch nicht vor Sommer 2026 erwartet. Die KI-Unternehmen operieren also weiter in rechtlicher Grauzone.
Fällt das Urteil zugunsten der Verlage aus, könnte das einen Präzedenzfall schaffen: KI-Entwickler müssten Bildungs- und Referenzmaterialien systematisch lizenzieren. Ein Sieg der Tech-Firmen hingegen könnte das Abschöpfen öffentlicher Daten weiter beschleunigen. Digitale Verlage müssten dann wohl noch strengere technische Barrieren und Paywalls errichten, um ihr geistiges Eigentum im Zeitalter der generativen KI zu schützen.
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