Bayer Aktie: Asundexian vor FDA-Entscheidung
26.06.2026 - 08:53:16 | boerse-global.de
Der Kurssprung ist verbucht. Binnen sieben Tagen legte die Bayer-Aktie 23 Prozent zu — getragen von einem Supreme-Court-Urteil, das den Konzern von Zehntausenden Glyphosat-Klagen befreit. Das ist strukturell bedeutsam. Aber es ist kein Wachstumstreiber.
Das Glyphosat-Kapitel schließt sich
Der US Supreme Court entschied mit 7:2, dass Verbraucher Bayer nicht wegen fehlender Krebswarnungen auf Roundup-Produkten verklagen können — sofern Bundesbehörden einen solchen Hinweis für unnötig befunden haben. Bayer hatte bisher mehr als zehn Milliarden Dollar für Roundup-Streitigkeiten aufgewendet. Für 2026 standen noch rund fünf Milliarden Euro an Rechtsauszahlungen in den Büchern. Dieser Posten entfällt nun weitgehend.
Das ist eine echte Bilanzentlastung. Kein Wunder, dass Anleger reagiert haben.
Allerdings erkauft das Urteil nur Zeit. Die eigentliche Frage lautet: Kann Bayer aus eigener Forschungskraft heraus wieder ein Pharmaunternehmen mit Wachstumsperspektive werden?
Die Xarelto-Lücke und wer sie füllen soll
Das strukturelle Problem sitzt tiefer. Xarelto-Patente laufen ab — die Einnahmen brachen 2025 um ein Drittel auf 2,6 Milliarden Dollar ein. Diese Lücke soll Asundexian füllen, ein oraler Faktor-XIa-Inhibitor zur Schlaganfallprävention.
Regulatorisch hat der Wirkstoff Boden gewonnen. Die FDA akzeptierte im Mai 2026 den Zulassungsantrag und gewährte Priority-Review-Status — gestützt auf die pivotale Phase-III-Studie OCEANIC-STROKE. China gewährte ebenfalls Priority Review. Seit Juni prüft die EMA den Antrag; es wäre die erste europäische Einreichung eines FXIa-Inhibitors überhaupt.
Der adressierbare Markt ist substanziell. Schlaganfälle sind die zweithäufigste Todesursache in Europa, rund zehn Millionen Menschen leben dort mit ihren Folgen. Bayer ist im Rennen regulatorisch vorn — Bristol Myers Squibb und Johnson & Johnson entwickeln mit Milvexian einen direkten Konkurrenten, haben aber noch keinen vergleichbaren Zulassungsstand.
KI als Wette auf das nächste Jahrzehnt
Parallel zur laufenden Zulassungsoffensive baut Bayer die frühe Forschungspipeline anders auf. Ende Juni vereinbarte der Konzern eine Kooperation mit Iambic Therapeutics, einem Biotechnologieunternehmen, das Medikamente mithilfe von KI entwickelt. Die Partnerschaft zielt auf niedermolekulare Therapien gegen schwer zugängliche Zielstrukturen.
Traditionelle Wirkstoffentwicklung dauert zehn bis fünfzehn Jahre und kostet rund 2,6 Milliarden Dollar — mehr als 90 Prozent der Kandidaten scheitern in klinischen Studien. Der KI-Ansatz soll Optimierungszeiträume verkürzen und Bayers Pipeline für das nächste Jahrzehnt stärken.
Hinzu kommt in der Onkologie der investigative WRN-Inhibitor VVD-214 aus der Vividion-Zusammenarbeit. Er zielt auf Tumoren mit MSI-H- oder dMMR-Profil und soll Patienten mit fortgeschrittenem Kolorektalkrebs helfen, die kaum noch Behandlungsoptionen haben. Zell- und Gentherapien sollen ab Anfang der 2030er Jahre neue Wachstumsfelder erschließen.
Überkauft — und jetzt?
Technisch ist die Aktie in heißem Terrain. Bei einem Schlusskurs von 46,54 Euro liegt der RSI bei 80,5 — ein klares Überkauft-Signal. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt 27,55 Prozent. Das 52-Wochen-Hoch von 49,93 Euro liegt noch 6,79 Prozent entfernt.
Die Kursbewegung der vergangenen Woche spiegelt primär das Glyphosat-Urteil wider. Auf diesem Niveau kann der Kurs nur dann gehalten oder ausgebaut werden, wenn die Pipeline liefert.
Das ist der eigentliche Bayer-Thesis-Test. Nicht ob Washington den Konzern von alten Lasten befreit — das ist geschehen. Sondern ob Leverkusen mit Asundexian, KI-gestützter Forschung und Präzisionsonkologie tatsächlich wieder ein Pharmaunternehmen mit Wachstumsperspektive wird. Die FDA-Entscheidung zu Asundexian wird das erste belastbare Signal liefern.
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