Astrazeneca Aktie: Soriots Härtetest
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 17:24 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vierzehn Jahre lang konnte sich Pascal Soriot auf seinen Ruf als Mann mit dem goldenen Händchen verlassen. Unter seiner Führung hat sich der Aktienkurs von Astrazeneca mehr als vervierfacht, weit vor dem britischen Rivalen GSK und dem FTSE 100. Jetzt steht der erste ernsthafte Beleg dafür an, ob dieser Ruf noch trägt.
Am Montag legt Astrazeneca Zahlen zum zweiten Quartal vor. Die eigentliche Nachricht dürfte aber nicht in den Umsatzzeilen stecken, sondern in dem, was der Vorstand zu zwei laufenden Spätphasen-Studien sagt: SERENA-4 bei Brustkrebs und AVANZAR bei Lungenkrebs. Beide gelten als entscheidend dafür, ob die Forschungsmaschine des Konzerns noch rundläuft.
Ein Rückschlag mit Nachwirkungen
Anfang Juli hatte das Nervenmedikament Wainua in einer Phase-III-Studie zu einer Herzerkrankung überraschend versagt — der Wirkstoff ist eigentlich für die seltene neurologische Erkrankung ATTRv-PN zugelassen. Der Rückschlag löschte rund 20 Milliarden Dollar an Marktwert aus und drückte die Aktie deutlich unter das Niveau von GSK und des breiten Londoner Index. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 10 Prozent zu Buche.
HSBC-Analyst Rajesh Kumar reagierte mit einer Herabstufung von "Kaufen" auf "Halten". Er betonte, an der grundsätzlichen Forschungsstrategie des Konzerns nichts auszusetzen zu haben — dem aktuellen Einstiegszeitpunkt traue er aber nicht.
Die Sorge dahinter ist konkret: Sollten auch SERENA-4 und AVANZAR scheitern, wären es drei von drei wichtigen Studienergebnissen in diesem Jahr, die nicht halten, was sie versprachen. Ein Fondsmanager von Union Investment warnte, dass Investoren in diesem Fall anfangen würden, Studiendesign, Pipeline-Auswahl und die langfristigen Umsatzziele des Konzerns grundsätzlich zu hinterfragen — auch der Druck für Zukäufe könnte dann steigen. Besonders AVANZAR gilt als Weichenstellung, weil die Studie zugleich einen konzerneigenen Biomarker zur Patientenauswahl bestätigen soll, mit Signalwirkung für weitere Krebsstudien.
Nicht jeder sieht ein Muster
Andere Stimmen widersprechen der These vom beginnenden Formtief. Jefferies-Analyst Michael Leuchten verweist auf rund 200 Wirkstoffe in der Spätphasen-Pipeline, etwa das Atemwegsmedikament Tozorakimab, und bezeichnet den Kursrutsch als deutliche Überreaktion. TD Cowen mahnt ebenfalls zur Vorsicht, aus einem einzelnen gescheiterten Programm vorschnelle Schlüsse zu ziehen.
Unterfüttert wird diese optimistischere Lesart durch eine frische Nachricht aus der Onkologie: Der europäische Ausschuss für Humanarzneimittel hat die Kombination aus Enhertu und Pertuzumab zur Erstlinienbehandlung von HER2-positivem, metastasiertem Brustkrebs zur Zulassung empfohlen. In der zugrundeliegenden Studie senkte die Kombination — gemeinsam mit Partner Daiichi Sankyo entwickelt — das Risiko für Krankheitsprogression oder Tod um 44 Prozent gegenüber der bisherigen Standardtherapie. Das Ansprechen hielt im Median deutlich länger als drei Jahre an. Bestätigt die EU-Kommission die Empfehlung, wäre es die erste neue Erstlinientherapie in diesem Marktsegment seit über einem Jahrzehnt.
Bis 2030 will Astrazeneca den Jahresumsatz auf 80 Milliarden Dollar steigern, gestützt auf rund zwanzig neue Medikamente. Im vergangenen Jahr kam der Konzern auf etwa 59 Milliarden Dollar.
Am Montag um 8 Uhr wird sich zeigen, wie viel von diesem Ziel nach dem Wainua-Rückschlag noch trägt — und ob die Kommentare zu SERENA-4 und AVANZAR die Zweifel der vergangenen Wochen bestätigen oder zerstreuen.
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