Ashwagandha, EU-weite

Ashwagandha: EU-weite Verbote für beliebte Heilpflanze

21.04.2026 - 22:41:42 | boerse-global.de

Europäische Behörden verschärfen die Regulierung von Ashwagandha aufgrund schwerwiegender Risiken für Leber und Schilddrüse sowie gefährlicher Wechselwirkungen mit Medikamenten.

Ashwagandha: EU-weite Verbote für beliebte Heilpflanze - Foto: über boerse-global.de
Ashwagandha: EU-weite Verbote für beliebte Heilpflanze - Foto: über boerse-global.de

Nach einem Verbot in Dänemark plant nun auch die niederländische Regierung einen Bann – und deutsche Behörden warnen eindringlich vor den Risiken.

EU-Staaten ziehen die Notbremse

Die Regulierung von Ashwagandha in Europa wird immer strenger. Aktuelle Berichte bestätigen: Die Niederlande streben ein vollständiges Verbot der Pflanze in Nahrungsergänzungsmitteln an. Diese Entscheidung folgt einer Risikobewertung des nationalen Gesundheitsinstituts RIVM aus dem Jahr 2024. Dessen Fazit war eindeutig: Von Produkten mit der Heilpflanze wird abgeraten, nachdem Fälle von Vergiftungen sowie schädlichen Auswirkungen auf Leber und Schilddrüse beobachtet wurden.

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Den Anfang machte Dänemark im April 2023. Als erster EU-Mitgliedstaat zog das Land alle Produkte mit Ashwagandha vom Markt. Grundlage war eine Bewertung der Technischen Universität Dänemark, die zu dem Schluss kam: Ein risikofreier Verzehrsschwellenwert für Wurzel oder Extrakte der Pflanze lasse sich nicht bestimmen.

Auch in Deutschland hat sich die Lage verschärft. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfahl bereits im September 2024, dass besonders vulnerable Gruppen – Kinder, Schwangere, Stillende und Menschen mit Lebervorerkrankungen – die Einnahme komplett vermeiden sollten. Die Behörde betonte, die behaupteten positiven Effekte seien wissenschaftlich nicht in einem Maße belegt, das die potenziellen Risiken aufwiege. Ähnliche Warnungen gab es von französischen Gesundheitsbehörden.

Leber und Hormone im Fokus der Kritik

Was treibt die Regulierer zum Handeln? Immer mehr Fallberichte dokumentieren schwerwiegende Nebenwirkungen. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Hepatotoxizität, also eine arzneimittelbedingte Leberschädigung. Datenbanken wie LiverTox verzeichnen Fälle, in denen sich die Schädigung typischerweise zwei bis zwölf Wochen nach Beginn der Einnahme zeigt. Symptome sind oft Gelbsucht, Juckreiz und eine cholestatische Verletzung, bei der der Gallenfluss aus der Leber blockiert ist.

Ein weiteres großes Risikofeld sind die hormonellen Auswirkungen. Die Pflanze kann die Schilddrüsenaktivität deutlich steigern und so eine Thyreotoxikose auslösen – einen Überschuss an Schilddrüsenhormonen im Körper. Aktuelle Forschung zeigt: Dieser Effekt macht das Supplement besonders gefährlich für Menschen mit einer latenten Schilddrüsenüberfunktion oder für diejenigen, die bereits Schilddrüsenhormone einnehmen. Zudem raten Behörden aufgrund traditioneller Anwendungen als Abtreibungsmittel und unklarer Datenlage dringend von der Einnahme in der Schwangerschaft ab.

Gefährliche Wechselwirkungen mit Medikamenten

Das Risikoprofil wird durch zahlreiche Wechselwirkungen mit konventionellen Medikamenten noch komplexer. Die vielen bioaktiven Verbindungen in Ashwagandha können den Stoffwechsel von Arzneimitteln stören, die über das Leberenzymsystem Cytochrom P450 verarbeitet werden.

Forscher haben mehrere Hochrisiko-Interaktionen identifiziert:
* Antidiabetika: Ashwagandha kann den Blutzucker senken und in Kombination mit Insulin oder Metformin zu gefährlicher Unterzuckerung führen.
* Immunsuppressiva: Die vermeintlich immunstärkende Wirkung kann die Effektivität von Medikamenten nach Organtransplantationen oder bei Autoimmunerkrankungen herabsetzen. Fallberichte dokumentierten sogar Organtransplantat-Abstoßungen.
* Beruhigungsmittel: Die sedativen Eigenschaften der Pflanze können die Wirkung von Benzodiazepinen verstärken und zu übermäßiger Schläfrigkeit führen.
* Schilddrüsenhormone: Durch die Stimulation der Hormonproduktion kann Ashwagandha die Dosierung von Medikamenten wie Levothyroxin durcheinanderbringen.

Das Problem verschärft sich durch fehlende Standardisierung. Die Konzentration der Wirkstoffe variiert je nach Produkt und Pflanzenteil stark, was Vorhersagen für Ärzte nahezu unmöglich macht.

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Tradition trifft auf Vorsorgeprinzip

Die aktuelle Regulierung spiegelt einen grundlegenden Konflikt wider: die jahrtausendealte ayurvedische Tradition trifft auf das europäische Vorsorgeprinzip. Während Ashwagandha in Indien als allgemein sicheres "Rasayana" (Verjüngungsmittel) gilt, handeln europäische Behörden nach der Maxime: Bei potenziellem Gesundheitsrisiko und unklarer Datenlage ist eine restriktive Maßnahme geboten.

Die Industrie kritisiert diese Herangehensweise. Manche Hersteller argumentieren, ihre spezifischen, getesteten Formulierungen sollten nicht pauschal verboten werden. Doch die EU-Behörden scheinen entschlossen. Die Kommission hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bereits mit einer umfassenden Sicherheitsbewertung beauftragt. Das Ergebnis könnte in eine EU-weite harmonisierte Beschränkung oder ein Verbot münden.

Was kommt auf Verbraucher und Industrie zu?

Der Schritt der Niederlande und Dänemarks wird den gesamten europäischen Markt beeinflussen. Auch außerhalb der EU, etwa im Vereinigten Königreich, laufen Sicherheitsbewertungen. Für die Supplement-Industrie bedeutet diese Ära der Skepsis einen Wendepunkt: Höhere Herstellungsstandards, bessere Charakterisierung der Extrakte und robustere klinische Sicherheitsdaten werden zur Überlebensfrage.

Bis solche Nachweise vorliegen, bleibt der Rat der Gesundheitsbehörden eindeutig: Verbraucher, insbesondere ältere Menschen mit mehreren Vorerkrankungen, sollten die Einnahme von Ashwagandha unbedingt mit einem Arzt besprechen. Die Zeit, in der die Pflanze als harmloses Naturprodukt galt, scheint in Europa vorbei zu sein.

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