Arbeitsschutz, Zwiespalt

Arbeitsschutz im Zwiespalt: Neue Pflichten, sinkende Priorität

25.03.2026 - 16:31:18 | boerse-global.de

Neue Gesetze verschärfen den psychischen Arbeitsschutz, während eine Studie zeigt, dass Beschäftigte das Thema zunehmend als weniger wichtig erachten. Unternehmen stehen vor einem Dilemma zwischen rechtlichen Vorgaben und wirtschaftlichem Druck.

Arbeitsschutz im Zwiespalt: Neue Pflichten, sinkende Priorität - Foto: über boerse-global.de

Die Regeln für den psychischen Arbeitsschutz wurden diese Woche massiv verschärft. Gleichzeitig stufen immer weniger Beschäftigte das Thema als wichtig ein. Unternehmen stehen vor einem Dilemma.

Neue Pflicht: Psychische Folgen von Gefahrstoffen bewerten

Seit dieser Woche gilt die verschärfte Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS 524). Sie zwingt Unternehmen in Bereichen wie Sanierung oder Rückbau erstmals, die psychischen Folgen der Arbeit mit gefährlichen Substanzen zu bewerten. Es reicht nicht mehr, nur physische Schutzmaßnahmen zu dokumentieren.

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Arbeitgeber müssen nun nachweisen, dass sie Ängste oder Langzeitfolgen systematisch erfassen und angehen. Dafür sind oft externe Sachverständige nötig. Das bekannte risikobasierte Ampel-Modell wird damit indirekt auch auf die Psyche übertragen.

Das Randstad-Paradox: Jobsicherheit schlägt Mental Health

Passend zur strengeren Gesetzeslage zeigt eine neue Studie einen überraschenden Trend. Laut dem Randstad Arbeitsbarometer ist die Unterstützung mentaler Gesundheit durch den Arbeitgeber nur noch für 45 Prozent der Beschäftigten wichtig. Vor zwei Jahren waren es noch 85 Prozent.

Analysten führen den Einbruch auf wirtschaftliche Unsicherheit zurück. Jobsicherheit steht mit 71 Prozent nun an erster Stelle. Ein Trugschluss? Fast jeder zweite Arbeitnehmer scheut sich, Probleme offen anzusprechen. Gleichzeitig bleibt eine toxische Atmosphäre ein Haupt-Kündigungsgrund.

Psychologen werden Teil der Sicherheitsteams

Ein weiterer Meilenstein in diesem Jahr: Die überarbeitete DGUV Vorschrift 2 setzt sich voll durch. Sie öffnet die sicherheitstechnische Fachkunde explizit für Arbeitspsychologen.

Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Sifa) arbeiten nun verstärkt in interdisziplinären Teams. Das ermöglicht eine präzisere Ermittlung von Belastungen wie Zeitdruck oder mangelnder Unterstützung. Staatliche Aufsichtsbehörden arbeiten nach einheitlichen Standards und erhöhen so den Druck auf die Unternehmen.

Daten belegen: Das Problem verschwindet nicht

Die sinkende Priorität in den Köpfen täuscht. Krankenkassendaten zeigen einen klaren Handlungsbedarf. Ein Drittel der Beschäftigten kann nach der Arbeit nicht abschalten, 42 Prozent fühlen sich ausgebrannt.

Psychische Diagnosen gehören zu den Top-3-Gründen für Krankschreibungen. Die durchschnittliche Falldauer liegt bei rund 33 Tagen – deutlich über anderen Erkrankungen. Die volkswirtschaftlichen Kosten beziffert die BAuA auf über 20 Milliarden Euro jährlich.

Wirtschaftlicher Druck als Präventions-Bremse

Die Entwicklung offenbart ein tiefes Dilemma: Während der Gesetzgeber die Instrumente schärft, drückt die Konjunktur mentale Gesundheit in der betrieblichen Prioritätenliste nach unten. Experten warnen vor einer "Präventionslücke".

Die Belastungen durch Digitalisierung und Fachkräftemangel steigen. Gleichzeitig wächst die Angst, Probleme anzusprechen. Die Gefährdungsbeurteilung wird heute weniger als Wohlfühl-Tool, sondern als Instrument zur Prozessoptimierung genutzt. Kann sie beides leisten?

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Ausblick: Digitalisierung und europäischer Druck

Für das laufende Jahr zeichnen sich zwei Trends ab: die weitere Digitalisierung der Gefährdungsbeurteilung mit KI-Tools und eine neue EU-Kampagne für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.

Unternehmen sollten sich auf schärfere Kontrollen einstellen. Die Verknüpfung von physischem und psychischem Schutz wird zum Standard. Wer hier frühzeitig auf ehrliche Kultur und interdisziplinäre Teams setzt, könnte im Kampf um Fachkräfte punkten.

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