Alphabet Aktie: Wette auf die TPU-Zukunft
Veröffentlicht am: 26.07.2026 um 08:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Alphabet steckt mitten in einem riskanten Umbau. Der Konzern hat seine Investitionspläne für 2026 auf 195 bis 205 Milliarden Dollar hochgeschraubt, um die KI-Infrastruktur massiv auszubauen. Die Börse reagierte nervös: Die Aktie verlor in den vergangenen sieben Handelstagen 7,19 Prozent, auf Monatssicht steht ein Minus von 7,39 Prozent.
Gleichzeitig hat Alphabet im zweiten Quartal 2026 erstmals Umsätze aus dem direkten Verkauf eigener TPU-Systeme verbucht. Diese Tensor Processing Units sind speziell entwickelte KI-Chips, die Google bislang nur intern nutzte. Der Schritt verschiebt die Debatte unter Investoren: Es geht nicht mehr nur um das Ausmaß der Ausgaben, sondern um Tempo und Höhe der künftigen Erträge.
Die entscheidende Frage
Kann Alphabet sein TPU-Ökosystem schnell genug zu einer margenstarken Einnahmequelle ausbauen? Die gigantischen Infrastrukturkosten laufen bereits, die Abschreibungen darauf werden in den kommenden Jahren steigen. Ob das Unternehmen diesen Wettlauf gewinnt, dürfte den Kursverlauf der nächsten Quartale bestimmen.
Bullisches Szenario: Cloud und Chips ziehen an
Die optimistische Sicht stützt sich auf zwei Entwicklungen. Erstens wächst das Cloud-Geschäft rasant: Die Google-Cloud-Umsätze legten im zweiten Quartal um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar zu, gestützt von einem Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar. Zweitens hat Alphabet mit dem TPU-Direktverkauf eine neue, klar differenzierte Einnahmequelle erschlossen.
Die Analysten von Barclays sehen darin am 24. Juli mehr als ein Nebengeschäft. Ihr Bericht beschreibt das TPU-as-a-Service-Modell, das zunächst den KI-Anbieter Anthropic beliefert, als potenziellen Umsatzbringer von bis zu 250 Milliarden Dollar bis 2028. Barclays rechnet zudem mit einem Anstieg der Konsens-Bruttogewinnschätzungen um 15 Prozent, sollte sich das Modell durchsetzen.
Charttechnisch liegt der Freitagsschlusskurs von 281,30 Euro nur knapp über dem 200-Tage-Durchschnitt von 280,61 Euro. Der 14-Tage-RSI von 32,5 signalisiert eine Aktie nahe der überverkauften Zone – für Optimisten ein möglicher Einstiegspunkt, zumal das durchschnittliche Kursziel der Analysten bei 381,11 Euro liegt und damit ein Aufwärtspotenzial von rund 35 Prozent andeutet.
Bärisches Szenario: Der Cash-Burn eskaliert
Die Kehrseite der Investitionsoffensive: Alphabet verzeichnete im zweiten Quartal mit Investitionsausgaben von 44,9 Milliarden Dollar erstmals seit 2004 einen negativen freien Cashflow – minus 5,9 Milliarden Dollar. Um die Expansion zu stemmen, nahm der Konzern im selben Quartal rund 70 Milliarden Dollar über Aktien, Vorzugsaktien und Anleihen auf.
Die Folge: Die langfristigen Schulden verdoppelten sich auf 98,2 Milliarden Dollar, der quartalsweise Zinsaufwand verfünffachte sich auf 1,28 Milliarden Dollar. Noch gravierender liest sich der jüngste Quartalsbericht der US-Börsenaufsicht: Alphabet weist darin künftige Kaufverpflichtungen und vertragliche Verbindlichkeiten von 811 Milliarden Dollar aus, davon werden 200,7 Milliarden Dollar bereits in den nächsten zwölf Monaten fällig – für Server, Netzwerktechnik und Energie.
Sollte die Nachfrage nach generativer KI langsamer wachsen als erwartet, könnten diese Fixkosten schwer auf die Marge drücken. Auch die Verzögerung beim nächsten Sprachmodell Gemini 3.5 Pro nährt Zweifel, ob Alphabet sein technologisches Tempo halten kann. Skeptiker fürchten eine länger anhaltende Neubewertung der Aktie nach unten.
Ausblick: Zwei Marken im Blick
Solange die Aktie über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 280,61 Euro notiert, spricht die Charttechnik für eine Stabilisierung – mit Erholungspotenzial bis zum 100-Tage-Durchschnitt bei 299,91 Euro. Fällt dieser Support jedoch nachhaltig, rückt der Bereich um das 52-Wochen-Tief von 163,44 Euro als nächste strukturelle Haltemarke in den Blick.
In der kommenden Handelswoche dürften Investoren genau beobachten, wie andere Hyperscaler ihre eigenen Investitionspläne kommentieren. Bestätigen sie den Trend steigender Kapitalintensität, könnte das eine branchenweite Neubewertung von KI-Infrastrukturwetten weiter befeuern. Für Alphabet selbst zählt vor allem eine Kennzahl: wie schnell sich der Cloud-Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar in den kommenden Quartalen tatsächlich in verbuchte Umsätze verwandelt. Parallel dazu wird jedes Update zum Trainingsfortschritt des nächsten Modells Gemini 4 als Signal gewertet, ob der Konzern seinen technologischen Vorsprung verteidigen kann.
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