Abnehmspritzen: Ein Milliardenmarkt mit medizinischem Kern
03.11.2026 - 09:45:00Kaum eine Arzneimittelgruppe hat die Pharmabranche in den vergangenen Jahren so verändert wie die neuen Abnehmspritzen. Nach Angaben der Stiftung Warentest setzte Eli Lilly 2025 mit Mounjaro mehr als 20 Milliarden Euro um, der dänische Konkurrent Novo Nordisk mit Wegovy umgerechnet rund 10 Milliarden Euro. Wie hart um diesen Markt gerungen wird, zeigte sich am 21. Juli 2026: Novo Nordisk reichte in den USA Klage gegen Eli Lilly ein. Hintergrund waren aus Sicht von Novo Nordisk irreführende Werbeaussagen zu den verfügbaren Abnehmmedikamenten.
Hinter den Bilanzzahlen stehen allerdings Menschen, die eine medizinische Behandlung suchen. Die Abnehmspritze Mounjaro enthält den Wirkstoff Tirzepatid und ist in der EU unter anderem zur Gewichtsregulierung bei Erwachsenen zugelassen. Voraussetzung ist ein Body-Mass-Index (BMI) ab 30 oder ein BMI ab 27 bis unter 30, wenn zusätzlich mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung wie Bluthochdruck oder eine Fettstoffwechselstörung vorliegt. Das verschreibungspflichtige Präparat wird einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt.
Wer sich für eine solche Therapie interessiert, wendet sich heute nicht mehr ausschließlich an die Hausarztpraxis. Spezialisierte Anbieter wie The Body Clinic verbinden medizinisch begleitetes Abnehmen mit persönlicher Ernährungstherapie und längerfristiger Betreuung. Die medizinische Behandlung übernehmen eigenverantwortlich tätige Kooperationsärztinnen und Kooperationsärzte, vor Ort oder per Videosprechstunde. Ob eine medikamentöse Therapie im Einzelfall geeignet ist, wird individuell ärztlich beurteilt.
Was die Studien zeigen
Tirzepatid unterscheidet sich von reinen GLP-1-Rezeptoragonisten dadurch, dass es an zwei hormonellen Signalwegen ansetzt, den Rezeptoren für GIP und GLP-1. Beide sind unter anderem an der Regulation von Blutzucker, Appetit und Sättigung beteiligt.
Eine wichtige Grundlage für die Zulassung zur Gewichtsregulierung ist die SURMOUNT-1-Studie, die 2022 im „New England Journal of Medicine“ erschien. Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung, aber ohne Diabetes, erhielten 72 Wochen lang Tirzepatid oder ein Placebo, jeweils ergänzt durch Ernährungs- und Bewegungsmaßnahmen. Je nach Dosierung sank das Körpergewicht unter Tirzepatid im Mittel um 15,0 bis 20,9 Prozent, unter Placebo um etwa 3,1 Prozent.
In der direkten Vergleichsstudie SURMOUNT-5 mit 751 Teilnehmenden ohne Diabetes lag die durchschnittliche Gewichtsreduktion nach 72 Wochen unter Tirzepatid bei 20,2 Prozent und unter Semaglutid bei 13,7 Prozent. Untersucht wurden dabei bestimmte Dosierungen beider Wirkstoffe. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf sämtliche verfügbaren Dosierungen übertragen.
Solche Werte beschreiben Durchschnittsergebnisse ausgewählter Studiengruppen. Wie stark eine einzelne Person abnimmt, lässt sich daraus nicht zuverlässig vorhersagen. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen, insbesondere Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall oder Erbrechen. Diese treten laut Produktinformation besonders häufig während der schrittweisen Dosiserhöhung auf. Auch Gegenanzeigen und mögliche Wechselwirkungen müssen vor einer Verordnung berücksichtigt werden.
Gefragt, teuer und politisch umstritten
Für Patientinnen und Patienten in Deutschland ist vor allem die Kostenfrage entscheidend. Arzneimittel zur Gewichtsregulierung fallen unter den Leistungsausschluss nach Paragraf 34 des Fünften Sozialgesetzbuchs und werden häufig als sogenannte Lifestyle-Präparate bezeichnet. Bei einer Verordnung zur Gewichtsreduktion sind sie grundsätzlich von der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen, auch wenn sie ausdrücklich zur Behandlung von Adipositas zugelassen sind. Für andere zugelassene Anwendungsgebiete, beispielsweise die Behandlung von Typ-2-Diabetes, gelten andere Voraussetzungen. Die Therapie mit modernen Abnehmmedikamenten kann je nach Präparat und Dosierung mehrere Hundert Euro im Monat kosten.
Ob das so bleibt, ist offen. Die neue Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Sonja Optendrenk, zeigte sich im August 2026 grundsätzlich offen für eine Neubewertung der Kostenübernahme unter bestimmten Bedingungen. Der Gesetzgeber könnte das Gremium beauftragen, geeignete Patientengruppen, Behandlungsdauer und begleitende Maßnahmen festzulegen. Gleichzeitig spielen Fragen zur langfristigen Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit solcher Therapien eine wichtige Rolle. Eine konkrete gesetzliche Änderung ist bislang nicht beschlossen.
Die Dauer der Behandlung ist dabei ein zentraler Punkt, medizinisch wie wirtschaftlich. In der SURMOUNT-4-Studie nahmen Teilnehmende zunächst 36 Wochen lang Tirzepatid ein. Anschließend wurden sie entweder weiterbehandelt oder auf ein Placebo umgestellt. In den folgenden 52 Wochen stieg das Körpergewicht in der Placebogruppe durchschnittlich um 14,0 Prozent gegenüber dem Gewicht zum Zeitpunkt der Umstellung. Wer Tirzepatid weiter erhielt, verlor im selben Zeitraum im Mittel weitere 5,5 Prozent seines Körpergewichts.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine medikamentöse Gewichtsreduktion nicht automatisch dauerhaft bestehen bleibt. Nach dem Absetzen kann es zu einer erneuten Gewichtszunahme kommen. Entscheidungen über die Fortsetzung oder Beendigung einer Behandlung sollten deshalb gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt getroffen werden.
Realistische Erwartungen statt Hype
An der Börse werden Abnehmmedikamente vor allem als Wachstumsgeschichte betrachtet. Für den einzelnen Menschen sind sie dagegen eine medizinische Behandlungsoption unter mehreren. Möglicher Nutzen, Nebenwirkungen, persönliche Voraussetzungen und langfristige Kosten müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.
Tirzepatid ist zur Gewichtsregulierung ausdrücklich als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität zugelassen, nicht als Ersatz dafür. Auch eine mögliche medikamentöse Behandlung sollte deshalb in ein längerfristiges Konzept eingebettet sein, das individuelle Ernährungsgewohnheiten, Bewegung und gesundheitliche Begleitfaktoren berücksichtigt.
Ob eine medikamentöse Therapie infrage kommt, entscheidet letztlich die individuelle ärztliche Beurteilung, nicht die Schlagzeile über neue Umsatzrekorde oder Studienergebnisse. Wer sich umfassend informiert und realistische Erwartungen entwickelt, kann gemeinsam mit medizinischen Fachpersonen eine fundierte Entscheidung über geeignete Behandlungsmöglichkeiten treffen.
