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Bullshit - Warum Demokratie ohne Dummheit gar nicht geht

Er ist allgegenwärtig im öffentlichen Leben, vor allem im Netz: Bullshit, Humbug, eitles Geschwätz - und jeder macht mit. Was macht Bullshit aus? Harry Frankfurt hat es aufgeschrieben. Sein zeitloser Klassiker der Dummheitsforschung ist aktueller denn je und belegt, dass Demokratie ohne Bullshit gar nicht geht.

Dass sich die Substanz von gelehrten Büchern nicht proportional zu den Seitenzahlen verhält, wissen wir spätestens seit Sebastian Haffners Schaffen. Dessen  "Anmerkungen zu Hitler" (1979) vereinte mehr Wissen und Geist über den verbrecherischen Diktator als so mancher tausendseitige anmerkungsgeschwängerte Buchschinken. Wenn es auch alles andere als keine vergleichbare Forschung gibt - diese Gleichung gilt auch für die nicht einmal 50-seitige konzentrierte Abhandlung des amerikanischen Philosophen Harry G. Frankfurt aus dem Jahr über das öffentlichste Problem unserer Zeit: die allgegenwärtige Kakophonie, das allgemeine Gewäsch, den offensichtlichen Unsinn im öffentlichen Raum. Mit Augustinus und Wittgenstein im hermeuneutischen Gepäck skizziert er mit leichter Feder das Wesen der sozialen Pest unserer Zeit und analysiert ihre Merkmale. Ein intellektuelles Vergnügen, lesbar in einer halben Stunde.

Was ist also eigentlich der Bullshit, zu dem wie, Frankfurt richtigerweise betont, jeder, also ich und du auch, sein Scherflein beiträgt.

Was Bullshit von der Lüge unterscheidet

Wichtig ist vor allem für Frankfurt, was Bullshit nicht ist: nämlich eine banale Lüge. Er zieht einen klaren Trennlinie zwischen der Lüge und dem Bullshit und bezieht sich dabei auf ihren unterschiedlichen Bezug zu der Wahrheit, von deren objektive Erkenntnismöglichkeit Frankfurt als Platoniker ausgeht. Für ihn muss jemand, der lügt, eine Achtung vor der Wahrheit haben, um seine Lüge vertuschen zu können. Wer dagegen bullshitet, ignoriert einfach die Wahrheit. „Er weist die Autorität der Wahrheit nicht ab und widersetzt sich ihr nicht, wie es der Lügner tut. Er beachtet sie einfach gar nicht.“ Der „Bullshitter“ plappert einfach vor sich hin, um vor sich selber aufrichtig dazustehen oder anderen zu gefallen, sprich: um sich wohlzufühlen. Ob dabei sein Gequassel wahr oder falsch ist, ist ihm dabei völlig egal. Er mogelt sich mit Halb- oder Unwahrheiten durch; wenn es gerade passt, auch mit Wahrheiten. Er biegt sich die Welt zurecht - und wenn die Wahrheit auch daran zugrundegeht. Aus diesem Grund ist Bullshit für Frankfurt „ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge“.

Warum es Bullshit immer mehr zu geben scheint und in der Demokratie notwendig ist

Ob es in der digitalen Gegenwart mehr Bullshit als früher, lässt Freitag vernünftigerweise offen. Aber umso demokratischer die Medien geworden sind und umso weniger Zutrittsbeschränkungen es in der digitalen Öffentlichkeit gibt, desto offensichtlicher wird Bullshit. Denn „Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen.“ Es liegt aber in der Natur der Demokratie, Bürger zu verpflichten und auch zuzutrauen, „Meinungen zu allen erdenklichen Themen zu entwickelnoder zumindest zu all jenen Fragen, die für die öffentlichen Angelegenheiten von Bedeutung sind.“ Gerade bei sich als besonders moralisch haltende Menschen, die Ereignisse und Zustände in allen Teilen der Erde beurteilen wollen, wird das „Fehlen jedes signifikanten Zusammenhangs zwischen den Meinungen eines Menschen und seiner Kenntnis der Realität“ gravierender. Demokratie muss und soll damit mit Bullshit umgehen können, ja sie baut in gewisser Weise definitionsweise auf Bullshit auf, weil in der Demokratie nicht die Wahrheit, sondern die Meinungsmehrheit herrscht. Das kann man natürlich auch als Bullshit bezeichnen. Aber Philosophen oder neuzeitlich: Experten auf den Königsthronen haben bisher noch keine menschliche Herrschaftsformen aufbauen können. Denn auch sie können Bullshit reden.

Denn auch sie können Bullshit reden.

@ ad-hoc-news.de | 17.04.16 22:47 Uhr