Westbalkan: Merz warnt in Montenegro vor Machtkampf
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 15:29 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMontenegros Beitrittsziel bis 2028
- Friedrich Merz sprach beim Gipfel in Budva über die Zukunft der sechs Westbalkanstaaten.
- Montenegro will die EU-Verhandlungen bis Ende 2026 abschließen.
- Ministerpräsident Milojko Spajic strebt den EU-Beitritt seines Landes für 2028 an.
Merz wirbt in Budva für schnellen EU-Kurs
Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei einem Gipfeltreffen in Montenegro vor einem Machtkampf zwischen der Europäischen Union, China und Russland um den westlichen Balkan gewarnt. In Budva forderte er die Länder der Region auf, entschlossen auf einen EU-Beitritt hinzuarbeiten.
Sechs Staaten warten auf die EU
Albanien, Bosnien-Herzegowina, das Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien warten zum größten Teil seit vielen Jahren auf eine Aufnahme in die Europäische Union. Merz betonte, nur eine gemeinsame europäische Perspektive könne die notwendige Stabilität für die Region schaffen.
Mit Blick auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine verwies der Kanzler auf die Dringlichkeit einer stärkeren europäischen Bindung. China versucht unterdessen, mit Krediten für Autobahnen, Eisenbahnstrecken und Tunnel Einfluss zu gewinnen.
Russland und China bauen Einfluss aus
Serbien unterhält enge Beziehungen zu Russland und trägt als einziges Westbalkan-Land die EU-Sanktionen gegen Moskau nicht mit. In Bosnien-Herzegowina vertieft Milorad Dodik mit russischer Unterstützung die Spannungen im serbischen Landesteil Republika Srpska.
Merz reiste damit zum zweiten Mal innerhalb von fünf Monaten nach Montenegro. Der Gipfel findet im Rahmen des Berlin-Prozesses statt, den die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel 2014 zur Förderung der EU-Annäherung der sechs Staaten initiierte.
Montenegro setzt sich ein konkretes Ziel
Montenegros Ministerpräsident Milojko Spajic erwartet, dass sein Land die EU-Beitrittsverhandlungen bis Ende 2026 beendet und 2028 das 28. Mitglied der Union wird. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos bezeichnete Montenegro als Spitzenreiter des Beitrittsprozesses.
Deutschland und Frankreich hatten im Juni vorgeschlagen, erste Integrationsschritte bereits vor einer Vollmitgliedschaft zu ermöglichen. Dazu könnten nach erfüllten Kriterien ein privilegierter Zugang zum EU-Binnenmarkt oder Beobachter in EU-Institutionen gehören.
Der Westbalkan ist für die Europäische Union zugleich Erweiterungsraum und geopolitisches Einflussfeld. Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien warten seit Jahren auf Fortschritte; die lange Dauer des Prozesses schwächt die Glaubwürdigkeit europäischer Zusagen und erleichtert es externen Akteuren, wirtschaftliche und politische Bindungen auszubauen.
Montenegro nimmt innerhalb der sechs Staaten eine Sonderrolle ein. Das Land gilt als am weitesten fortgeschritten und hofft auf den Abschluss der Beitrittsverhandlungen bis Ende 2026 sowie auf eine Mitgliedschaft im Jahr 2028. Für die EU wäre ein Fortschritt Montenegros ein konkretes Signal, dass der Beitrittsprozess trotz seiner politischen und institutionellen Hürden vorankommen kann.
Einfluss und Reformdruck
China nutzt Infrastrukturfinanzierungen als Instrument wirtschaftlicher Präsenz, während Russland insbesondere über politische, gesellschaftliche und energetische Verbindungen Einfluss ausübt. Die Unterschiede zwischen den sechs Kandidaten bleiben jedoch groß: Serbiens Verhältnis zu Moskau, der Konflikt zwischen Serbien und Kosovo, ethnische Spannungen in Bosnien-Herzegowina sowie offene Reformfragen erschweren einen einheitlichen Zeitplan.
Die von Deutschland und Frankreich unterstützte Idee, einzelne Integrationsschritte bereits vor einer Vollmitgliedschaft zu ermöglichen, soll Reformen belohnen und die Bindung an die EU stärken. Für die Bevölkerung der Region hätte ein glaubwürdiger Prozess praktische Bedeutung bei Handel, Investitionen und Mobilität. Zugleich müsste die EU darauf achten, dass Zwischenstufen nicht als Ersatz für eine echte Beitrittsperspektive wahrgenommen werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ZDFheute: „Merz in Montenegro: Kanzler macht Druck für EU-Erweiterung“ (22.10.2026)
Der Beitrag bestätigt Merz’ Einsatz für eine schnellere EU-Annäherung und ordnet Montenegro als aussichtsreichsten Kandidaten ein. Anders als die dpa-Meldung hebt er stärker die geopolitische Konkurrenz mit Russland, China und den USA sowie die unterschiedlichen Hürden der sechs Staaten hervor.
Die Darstellung verbindet den Gipfel mit der Frage, ob Montenegro 2028 EU-Mitglied werden könnte. Offen bleibt dabei, ob die politischen Reformen und die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten diesen Zeitplan ermöglichen.
Gemeinsam ist der Berichterstattung der Fokus auf Merz’ Unterstützung für eine engere EU-Bindung des Westbalkans. Unterschiede liegen vor allem bei der Gewichtung der geopolitischen Konkurrenz und der konkreten Beitrittsperspektive Montenegros.
