Boris Pistorius, Rüstungskooperation

Pistorius reist in die USA: Erstes deutsches F-35-Kampfflugzeug wird übergeben

Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 10:44 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Verteidigungsminister Boris Pistorius setzt bei einer mehrtägigen USA-Reise auf engere militärische und industrielle Zusammenarbeit mit Washington – von Patriot-Raketen bis zur Übergabe des ersten deutschen F-35 in Texas. Dabei geht es auch um die künftige Rolle der Bundeswehr in UN-Einsätzen.

Boris Pistorius und Pete Hegseth - Bild: Kay Nietfeld/dpa
Boris Pistorius und Pete Hegseth - Bild: Kay Nietfeld/dpa

Verteidigungsminister Boris Pistorius reist zu einer mehrtägigen sicherheitspolitischen Mission in die USA, bei der die militärische Zusammenarbeit und gemeinsame Rüstungsprojekte im Mittelpunkt stehen.

Gespräche mit US-Minister Hegseth in Washington

Zum Auftakt ist am Dienstag ein Treffen mit seinem US-Amtskollegen Pete Hegseth in Washington geplant. Pistorius will die Rüstungskooperation mit den Vereinigten Staaten ausbauen und verweist dabei auf die Zusammenarbeit beim Tarnkappenjet F-35 sowie die geplante Fertigung von Lenkflugkörpern für das Luftverteidigungssystem Patriot in Deutschland. Er betont, Deutschland verfüge über eine leistungsfähige industrielle Basis, qualifizierte Fachkräfte und technologische Spitzenkompetenz und könne damit zusätzliche Produktionskapazitäten schaffen.

Stärkere Rolle Deutschlands in Nato-Verteidigung

Nach Darstellung des Ministers sollen die Stärken beider Länder enger zusammengeführt werden, um Systeme für Abschreckung und Verteidigung schneller und in größerer Zahl bereitzustellen. Dies solle die Einsatzbereitschaft Deutschlands, der USA und des gesamten Bündnisses verbessern. Die Bundesregierung plant zudem den Erwerb von Marschflugkörpern des Typs Tomahawk in den USA, wozu im Juli am Rande des Nato-Gipfels in Ankara bereits eine grundsätzliche Einigung erzielt wurde.

Veränderte Tonlage aus Washington gegenüber Berlin

Ein weiteres Thema der Gespräche ist die künftige Truppenpräsenz der US-Streitkräfte in Europa. Deutschland hat der Nato als Ersatz für bisher garantierte Fähigkeiten des US-Militärs Schiffe, Kampfflugzeuge und unbemannte Waffensysteme angeboten und drängt auf einen Zeitplan für die Übernahme von Aufgaben. Pistorius hatte Hegseth zuletzt im Sommer 2025 in Washington besucht, war im Mai dieses Jahres jedoch ohne Treffen mit ihm in Nordamerika unterwegs, um in Kanada für eine U-Boot-Kooperation zu werben.

US-Lob für deutschen Kurswechsel

Der spätere Zeitpunkt des jetzigen Treffens fällt in eine Phase, in der sich die amerikanische Tonlage gegenüber Deutschland deutlich geändert hat. US-Präsident Donald Trump und seine Minister hatten die Bundesregierung lange scharf kritisiert und ihr wie anderen europäischen Staaten vorgeworfen, zu wenig für die eigene Verteidigung zu tun. Inzwischen verweisen Vertreter der US-Regierung auf den Kurswechsel: Im August lobte US-Staatssekretär Elbridge Colby Deutschland im Nato-Hauptquartier als Modell für andere Verbündete und sprach von einer „außergewöhnlichen tektonischen Verschiebung“ und einem „historischen Wandel“.

Von Demilitarisierung zur Wiederbewaffnung

Colby sieht Deutschland von einer weitgehenden Demilitarisierung zu einer schnellen Wiederbewaffnung übergegangen. Nach seiner Darstellung ist die Bundesrepublik inzwischen sehr kooperativ und führt ergebnisorientierte Diskussionen über gemeinsame Rüstungsproduktion und weitere Formen der Zusammenarbeit. Diese Einschätzungen rahmen die Reise von Pistorius in ein Bild enger werdender transatlantischer Sicherheitsbeziehungen.

UN-Gespräche in New York zu Blauhelmen und Libanon

Von Washington aus reist Pistorius weiter nach New York. Dort stehen Gespräche mit Vertretern der Vereinten Nationen auf dem Programm, darunter mit Generalsekretär António Guterres. Thema ist die Zukunft von Blauhelm-Einsätzen insgesamt sowie das weitere internationale Engagement im Libanon, wo die Bundeswehr bislang am UN-Mission Unifil beteiligt ist. Der seit fast fünf Jahrzehnten bestehende Einsatz soll zum 31. Dezember 2026 enden und dann innerhalb eines Jahres abgewickelt werden, wie der Sicherheitsrat im vergangenen Jahr einstimmig beschlossen hat.

F-35-Übergabe in Texas als Abschluss der Reise

Den Abschluss der USA-Reise bildet ein Besuch bei Lockheed Martin im texanischen Fort Worth am Freitag. Dort übergibt der US-Flugzeugbauer den ersten von Deutschland bestellten F-35-Tarnkappenjet offiziell. Die Maschinen sollen die überalterte Tornado-Flotte der Luftwaffe ablösen. Im Rahmen des milliardenschweren Modernisierungsprogramms hat das Verteidigungsministerium 35 dieser Kampfflugzeuge bestellt, die zunächst in den USA verbleiben und dort zur Ausbildung deutscher Piloten genutzt werden.

F-35 als Baustein nuklearer Abschreckung

Die F-35 gilt als derzeit modernstes Kampfflugzeug der Welt und wird auch im Rahmen der nuklearen Teilhabe Deutschlands in der Nato beschafft, einem Abschreckungskonzept, bei dem Verbündete Zugriff auf US-Atombomben haben. Ihre besondere Form und Außenbeschichtung machen die Maschine für gegnerisches Radar schwerer auffindbar. Pistorius bezeichnete die F-35 als Kampfflugzeug der fünften Generation, das Tarneigenschaften mit modernster Vernetzung verbinde und damit zu einem zentralen Baustein der Luftverteidigung der Zukunft werde, auch im Zusammenspiel mit unbemannten Systemen.

Nachfolge des gescheiterten FCAS-Projekts

Zuletzt wurde darüber spekuliert, ob Deutschland nach dem Ende des gemeinsam mit Frankreich und Spanien geplanten Luftkampfsystems FCAS weitere F-35 in den USA bestellen könnte. Rund ein Dutzend europäischer Verbündeter nutzt die F-35 bereits oder hat sich für den Kauf entschieden, darunter Großbritannien, Polen, die Niederlande und Rumänien. Lockheed Martin rechnet damit, dass bis 2025 etwa 700 dieser Tarnkappenjets in Europa im Einsatz sein werden.

Deutsch-amerikanische Rüstungsachse gewinnt an Gewicht

Die Reise von Boris Pistorius in die USA markiert eine weitere Verdichtung der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit zwischen Berlin und Washington. Im Mittelpunkt stehen Projekte wie der Erwerb des Tarnkappenjets F-35, die geplante Produktion von Patriot-Lenkflugkörpern in Deutschland und der beabsichtigte Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern. Diese Vorhaben fügen sich in den Kurs, die Bundeswehr nach Jahren geringer Investitionen zügig zu modernisieren und zugleich in transatlantische Lieferketten einzubetten.

Mit der stärkeren industriellen Verzahnung entsteht eine neue Qualität der Abhängigkeit und gegenseitigen Bindung: Deutschland sichert sich Zugang zu Hochtechnologie, die USA erweitern ihre Produktionsbasis und festigen die Rolle Europas als vorgeschobene Verteidigungslinie der Nato. Die Aussagen aus Washington, Deutschland sei von einer weitgehenden Demilitarisierung zu einer schnellen Wiederbewaffnung übergegangen, spiegeln diesen Wandel. Für deutsche Leser bedeutet das, dass Rüstungskooperationen zunehmend zu einem zentralen Pfeiler der Außen- und Sicherheitspolitik werden.

UN-Blauhelmmandate und Rolle der Bundeswehr

Der Teil der Reise nach New York unterstreicht, dass militärische Aufrüstung und internationale Verantwortung zusammengedacht werden. Die anstehende Beendigung des seit fast fünf Jahrzehnten laufenden Unifil-Einsatzes im Libanon zeigt, wie sich klassische Blauhelm-Missionen verändern. Für Deutschland geht es darum, wie sich die Bundeswehr künftig in UN-Operationen einbringt, während sie gleichzeitig ihre Fähigkeiten für Bündnisverteidigung ausbaut.

F-35-Übergabe als sichtbares Symbol des Kurswechsels

Die offizielle Übergabe des ersten deutschen F-35 in Fort Worth ist ein sichtbares Zeichen des sicherheitspolitischen Kurswechsels. Das Flugzeug steht nicht nur für technologische Modernisierung, sondern auch für die fortgesetzte nukleare Teilhabe innerhalb der Nato. Gleichzeitig werden Debatten über Kosten, Abhängigkeiten von US-Systemen und die langfristige strategische Ausrichtung der deutschen Luftstreitkräfte anhalten. Für die Öffentlichkeit in Deutschland zeigt die Reise, wie eng sicherheitspolitische Entscheidungen inzwischen mit internationalen Partnerschaften und komplexen Rüstungsprojekten verknüpft sind.

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