US-Midterms: Ziblatt sieht nach Demokraten-Sieg „Stunde Null“
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 15:15 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSTrumps Spielraum im Kongress
- Daniel Ziblatt lehrt als Professor an der Harvard-Universität und forscht zur Entwicklung demokratischer Systeme.
- Trump behält trotz der Wahlniederlage sein Vetorecht in der Gesetzgebung.
- Ziblatt fordert weniger Einfluss großer Vermögen und eine Reform der Präsidentenwahl über das Wahlmännergremium.
Daniel Ziblatt sieht nach US-Midterms Chance für Reformen
Der Demokratieforscher Daniel Ziblatt sieht nach dem Erdrutschsieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA „eine Art Stunde Null“. Der Harvard-Professor sagte dem „Focus“, nun bestehe die Chance, etwas Besseres aufzubauen, warnte aber zugleich vor der Machtfülle von US-Präsident Donald Trump.
Vetorecht begrenzt Handlungsspielraum der Demokraten
Trump verfügt weiterhin über weitreichende Befugnisse, darunter sein Vetorecht in der Gesetzgebung. Dadurch kann der Präsident Beschlüsse des Kongresses blockieren, auch wenn die Demokraten nach den Midterms über größere parlamentarische Mehrheiten verfügen.
Schlag für den MAGA-Flügel
Ziblatt bewertet die Niederlage der Republikaner als schweren Schlag für den MAGA-Flügel innerhalb der Partei. Trumps Einfluss auf die Republikaner werde nach seiner Einschätzung nachlassen.
Dadurch könnten Demokraten und Republikaner in einzelnen Fragen gemeinsame Positionen gegen Trump durchsetzen. Als Beispiel nannte Ziblatt Themen im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg.
Wahlkreiszuschnitt stärkte Republikaner
Der Demokratieforscher hält die US-Demokratie für widerstandsfähiger als viele andere politische Systeme weltweit. Zugleich habe Trump die Wettbewerbsbedingungen zugunsten der Republikaner verschoben, unter anderem durch Wahlkreismanipulation.
Dass die Demokraten dennoch gewinnen konnten, führt Ziblatt auf die starke Ablehnung des Trumpismus durch die US-Bevölkerung zurück. Nun müsse sich zeigen, ob daraus dauerhafte politische Veränderungen entstehen.
Ziblatt fordert Änderungen am Wahlsystem
Der Harvard-Professor fordert Reformen, damit besonders wohlhabende Menschen nicht mehr übermäßig großen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen können. Außerdem kritisiert er, dass die US-Amerikaner ihren Präsidenten nicht direkt, sondern über ein Wahlmännergremium wählen.
Ziblatt veröffentlichte 2018 gemeinsam mit Steven Levitsky das Buch „Wie Demokratien sterben“. Das Werk wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt.
Der Ausgang der US-Zwischenwahlen verändert die politischen Mehrheitsverhältnisse im Kongress und setzt die Republikanische Partei unter erheblichen Anpassungsdruck. Für Präsident Donald Trump bedeutet ein Verlust der parlamentarischen Unterstützung vor allem, dass zentrale Vorhaben schwieriger durchzusetzen sind. Das präsidentielle Vetorecht bleibt jedoch ein wichtiges Gegengewicht und kann Gesetzesinitiativen der Demokraten blockieren.
Daniel Ziblatts Diagnose einer „Stunde Null“ zielt deshalb nicht auf einen vollständigen politischen Neuanfang, sondern auf ein mögliches Zeitfenster für institutionelle Reformen. Dazu gehören eine Begrenzung des Einflusses großer Vermögen, Änderungen am Wahlsystem und eine Neubewertung der Rolle des Electoral College. Solche Vorhaben wären politisch anspruchsvoll, weil sie die Interessen der etablierten Parteien und einzelner Bundesstaaten berühren.
Folgen für Trump und die Parteien
Die Wahlniederlage kann Trumps Stellung innerhalb der Republikaner schwächen, beendet seinen Einfluss aber nicht automatisch. Der MAGA-Flügel verfügt weiterhin über eine große Anhängerschaft, während die Demokraten ihre Mehrheit nutzen müssten, ohne die gesellschaftliche Polarisierung weiter zu verschärfen. Für die kommenden Monate wird daher entscheidend sein, ob parteiübergreifende Mehrheiten bei einzelnen Themen möglich werden.
Für Bürgerinnen und Bürger hängen davon unter anderem Haushaltsentscheidungen, außenpolitische Beschlüsse und die Kontrolle der Exekutive ab. Eine parlamentarische Mehrheit allein garantiert keine Reformen: Sie muss sich in stabilen Abstimmungen, einer funktionierenden Zusammenarbeit und konkreten Gesetzesänderungen bewähren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „Wahlen in den USA: Wie geht es nach den Midterms weiter? Vier Szenarien“ (03.11.2026)
Der Beitrag ordnet die möglichen Folgen der Zwischenwahlen anhand mehrerer Szenarien ein und stellt die Mehrheitsfrage im Repräsentantenhaus in den Mittelpunkt. Anders als die Einschätzung Ziblatts konzentriert sich der Artikel stärker auf die institutionellen und politischen nächsten Schritte.
n-tv: „Jeffries dürfte erster schwarzer Sprecher des Repräsentantenhauses werden“ (03.11.2026)
Der Bericht hebt die möglichen personellen Konsequenzen des Wahlausgangs hervor und nennt zusätzliche Gewinne der Demokraten. Damit ergänzt er die demokratietheoretische Einordnung um die konkrete Frage der künftigen Führung im Repräsentantenhaus.
Übereinstimmend steht die Verschiebung der Kräfteverhältnisse im Kongress im Zentrum. Unterschiede bestehen beim Schwerpunkt: Während Ziblatt Reformchancen und Trumps Parteieinfluss bewertet, beleuchten die anderen Beiträge vor allem Mehrheiten, Szenarien und Personalentscheidungen.
