Ukraine: SBU entlässt zwei Mitarbeiter wegen Callcenter-Ermittlungen
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 17:02 Uhr | dpa, AD HOC NEWSErmittlungen erreichen mehrere Staatsbehörden
- Ukrainische Ermittler ordnen mindestens ein Dutzend Verdächtige einer kriminellen Organisation zu.
- Der SBU entließ am Mittwoch zwei ungenannte ranghohe Mitarbeiter.
- Die Ermittler zeigten gefälschte 200-Euro-Banknoten und erhoben weitere schwere Vorwürfe.
Ukraine ermittelt gegen Netzwerk mit Staatsbediensteten
Ukrainische Korruptionsermittler verdächtigen ranghohe Polizisten und einen Geheimdienstler, Schmiergelder aus einem kriminellen Netzwerk angenommen zu haben. Die mutmaßlichen Zahlungen sollen den Betrieb betrügerischer Callcenter sowie weitere illegale Geschäfte geschützt haben.
Ermittler zeigen Falschgeld und Gewaltvorwürfe
Nach Angaben der Ermittler floss das Geld an Geheimdienstler, Staatsanwälte und Polizisten. Im Gegenzug sollten sie Callcenter, Drogenhandel sowie die Herstellung von Zigaretten und Falschgeld decken.
In einem Video war die Herstellung gefälschter 200-Euro-Banknoten zu sehen, die Falschgeldtests bestanden haben sollen. Der Organisation werden mindestens ein Dutzend Mitglieder zugerechnet; außerdem geht es um den Verdacht auf Angriffe, Entführungen und schwere Körperverletzungen.
Zwei SBU-Mitarbeiter entlassen
Der geschäftsführende SBU-Chef Olexander Poklad entließ am Mittwoch zwei nicht namentlich genannte ranghohe Mitarbeiter, die in den Ermittlungen aufgetaucht sein sollen. Nach Darstellung des NABU bedrohte einer von ihnen Ermittler bei einer Hausdurchsuchung mit einer Waffe.
Ermittlungen führten zu Rücktritt
NABU und SAP hatten bereits Anfang September erste Erkenntnisse mit Spuren zur ukrainischen Staatsanwaltschaft veröffentlicht. Daraufhin trat Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko zurück und floh nach Österreich.
In der Ukraine gab es Medienberichten zufolge Anfang des Jahres mehr als 2.000 illegale Callcenter. Schätzungen zufolge arbeiten dort mehr als 60.000 Menschen in diesem Bereich; die monatlichen Umsätze werden auf bis zu 900 Millionen Euro geschätzt.
Illegale Anrufe zielen auch auf die EU
Die Täter ergaunerten Geld vor allem aus Russland und der Ukraine, konzentrierten sich aber zunehmend auf Länder der Europäischen Union wie Deutschland. Mitte September verschärfte die Ukraine ihre Gesetzgebung gegen betrügerische Anrufe.
Der Fall berührt zwei in der Ukraine besonders sensible Bereiche: die Bekämpfung organisierter Kriminalität und die Kontrolle staatlicher Macht. Illegale Callcenter arbeiten häufig arbeitsteilig, nutzen geschulte Gesprächsführer und verschleiern Zahlungsströme über mehrere Länder. Wenn Ermittler zugleich Schutz durch Polizisten, Staatsanwälte oder Geheimdienstmitarbeiter vermuten, geht es deshalb nicht nur um einzelne Betrugsdelikte, sondern um die mögliche Vereinnahmung staatlicher Institutionen.
Korruptionsbekämpfung unter Kriegsbedingungen
Die ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAP haben in den vergangenen Monaten wiederholt Verfahren gegen einflussreiche Amtsträger vorangetrieben. Der Rücktritt des Generalstaatsanwalts Ruslan Krawtschenko und seine Ausreise nach Österreich zeigen, dass die Ermittlungen politische und institutionelle Folgen bereits ausgelöst haben. Die Entlassung zweier ranghoher SBU-Mitarbeiter erweitert den Kreis der betroffenen Sicherheitsbehörden.
Für die Ukraine ist der Vorgang auch im Verhältnis zu europäischen Partnern bedeutsam. Betrügerische Callcenter zielen zunehmend auf Opfer in EU-Staaten, während Geldflüsse und mutmaßliche Helfer grenzüberschreitend ermittelt werden müssen. Entscheidend wird sein, ob die Behörden die Vorwürfe gegen die mutmaßlichen Schutzgeber gerichtsfest belegen, weitere Beteiligte identifizieren und die betroffenen Institutionen dauerhaft gegen Einflussnahme abschirmen können.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „+++ 02:45 Ukraine: Zwei hochrangige Beamte des Inlandsgeheimdienstes SBU wegen Korruption entlassen +++“ (03.11.2026)Der Beitrag ordne die Entlassung der beiden SBU-Mitarbeiter in die Antikorruptionsermittlung ein. Als Schwerpunkt nenne er die mutmaßlichen Zahlungen hochrangiger Vertreter aus Geheimdienst, Staatsanwaltschaft und Polizei, damit illegale Callcenter unbehelligt blieben.
Bayerischer Rundfunk: „Ukraine geht weiter gegen Korruption vor“ (04.11.2026)
Der Bericht stelle den Vorgang als Teil weiterer ukrainischer Korruptionsermittlungen dar. Er bestätige die Beteiligung hochrangiger Vertreter von Geheimdienst, Generalstaatsanwaltschaft und Nationalpolizei, setze den Schwerpunkt aber stärker auf die institutionelle Dimension.
Beide Beiträge verbänden die Entlassungen mit dem Verdacht auf staatlichen Schutz für illegale Callcenter. Offen bleibe auch dort, wie weit das Netzwerk reicht und welche weiteren Verfahren daraus folgen.
