Spanien: Tausende demonstrieren gegen Wohnungsnot – Sánchez unter Druck
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 14:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Spanien haben am Samstag in mehr als 50 Städten Tausende Menschen gegen Wohnungsnot, hohe Mieten und unzureichenden Mieterschutz demonstriert.
Proteste in mehreren Großstädten
Nach Angaben des staatlichen Fernsehsenders RTVE fanden Kundgebungen unter anderem in Madrid, Barcelona und Valencia statt. Die Demonstrierenden forderten das Recht auf menschenwürdigen Wohnraum und besseren Schutz für Mieter.
Für den Tag waren landesweit Proteste in mehr als 50 Städten angekündigt. Die Sprecherin des Mieterverbands von Madrid, Valeria Racu, sagte: «Die Macht ist zurück auf der Straße.» Sie forderte zudem einen Generalstreik.
Miet-Dekrete im Parlament gescheitert
Am Freitag war die linke Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez mit zwei Dekreten gegen steigende Mieten und Zwangsräumungen am Widerstand konservativer und rechtspopulistischer Abgeordneter gescheitert. In den Tagen zuvor hatten Zehntausende Menschen nach der aufsehenerregenden Zwangsräumung einer 87-Jährigen in Madrid für das Recht auf Wohnen protestiert.
Mit dem Scheitern der Vorhaben ist die Regierung politisch unter Druck geraten. Sie kann seit dem Ende der Unterstützung durch die konservative katalanische Separatistenpartei Junts mit ihren sieben Abgeordneten kaum noch Gesetzesinitiativen durch das Parlament bringen.
Spekulationen über vorgezogene Wahlen
Deshalb wird über vorgezogene Parlamentswahlen spekuliert. Regulär wäre die nächste Wahl im kommenden Sommer.
El País berichtete unter Berufung auf das Umfeld von Sánchez, der Ministerpräsident wolle an diesem Wochenende das Ausmaß des Unmuts über das Scheitern der Dekrete und die landesweiten Proteste ausloten. Anschließend wolle er entscheiden, ob er Neuwahlen ansetze.
Wohnungsnot als landesweites Strukturproblem
Die Proteste treffen Spanien in einer Phase, in der Wohnen für viele Haushalte deutlich teurer geworden ist. Die durchschnittliche Miete hat sich innerhalb von zehn Jahren nahezu verdoppelt; zugleich fehlen nach einer Schätzung der spanischen Zentralbank landesweit mehr als 700.000 Wohnungen. Besonders angespannt ist die Lage in wirtschaftlich starken Städten und Tourismusregionen, wo Wohnraum zusätzlich durch Kurzzeitvermietungen und renditeorientierte Investitionen gebunden wird.
Die gescheiterten Dekrete zielten deshalb nicht nur auf einzelne Räumungsfälle. Vorgesehen waren unter anderem ein besserer Schutz besonders gefährdeter Mieter, strengere Regeln für Kurzzeitvermietungen, eine stärkere Regulierung befristeter Verträge und Anreize für den Bau sowie die Vermietung von Wohnraum. Mit der Ablehnung verlieren die bereits beschlossenen Regelungen ihre Gültigkeit.
Politische Folgen der Abstimmung
Für die Minderheitsregierung von Pedro Sánchez verschärft sich damit ein doppeltes Problem: Sie muss auf einen wachsenden sozialen Druck reagieren und zugleich im Parlament wechselnde Mehrheiten organisieren. Die sieben Abgeordneten von Junts können bei zentralen Vorhaben entscheidend sein. Der Konflikt zeigt, wie eng Wohnungs- und Regierungskrise inzwischen miteinander verbunden sind.
Für Mieter bedeutet das Scheitern zunächst, dass geplante Schutzmechanismen nicht greifen. Die Debatte über Neuwahlen erhöht den politischen Druck, ersetzt aber keine wohnungspolitische Lösung. Entscheidend bleiben der tatsächliche Neubau, der Schutz vor Verdrängung und der Umgang mit Wohnungen, die dem dauerhaften Mietmarkt entzogen sind.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „Spanisches Parlament lehnt Regierungs-Dekrete für Mieterschutz ab“ (02.10.2026)
Der Bericht bestätige das Scheitern der beiden Dekrete an den Stimmen der konservativen Volkspartei, von Vox und Junts. Anders als die dpa-Meldung erläutere er die geplanten Maßnahmen ausführlicher und ordne die nahezu verdoppelten Durchschnittsmieten sowie die Vorgeschichte der Proteste ein; offen bleibe, ob Sánchez tatsächlich Neuwahlen ansetze.
DER SPIEGEL: „Spanien: Pedro Sánchez kassiert Niederlage bei Abstimmung zur Wohnungsnot“ (02.10.2026)
Der Artikel berichte ebenfalls über die Niederlage und die Proteste, setze aber einen stärkeren Schwerpunkt auf die Größenordnung des Wohnungsmangels und die mögliche politische Konsequenz vorgezogener Wahlen. Er hebe zudem hervor, dass die Mieten binnen zehn Jahren nahezu doppelt so hoch seien; die konkrete Entscheidung über Neuwahlen bleibe demnach offen.
Beide Berichte bestätigten den Ausgang der Abstimmung und den Zusammenhang mit der Wohnungsnot. Unterschiede lägen vor allem bei der Gewichtung von Wohnungsmarkt, Protesten und Regierungskrise; eine Wahlentscheidung sei noch nicht getroffen.
