Serbien-Wahl: Studentenliste gewinnt absolute Mehrheit
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 10:23 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSerbiens neue Parlamentsmehrheit
- Die Studentenliste errang laut Cesid 139 der 250 Mandate.
- Vucics SNS muss mit 104 Sitzen in die Opposition wechseln.
- Sieben Mandate gingen an Kleinparteien ethnischer Minderheiten.
Studentenliste gewinnt Serbiens Parlamentswahl
Die neue oppositionelle Studentenliste hat die vorgezogene Parlamentswahl in Serbien überraschend klar gewonnen und damit einen Machtwechsel eingeleitet. Langzeitmachthaber Aleksandar Vucic räumte seine Niederlage ein, während die Frage nach dem künftigen Regierungschef offenblieb.
Absolute Mehrheit für die Opposition
Nach vorläufigen Angaben der Wahlkommission erhielt die Studentenliste gut 53 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Vucics Serbische Fortschrittspartei SNS kam auf gut 39 Prozent; die Wahlbeteiligung erreichte 69 Prozent.
Nach Bekanntwerden der Ergebnisse feierten Zehntausende in Belgrad und anderen Städten. In der Hauptstadt fuhren Autokorsos hupend durch die Straßen, während auf dem Slavija-Platz Feuerwerk und Jubel die Wahlnacht bestimmten.
Bewegung entstand nach Unglück in Novi Sad
Die Studentenbewegung war nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 entstanden. Bei dem Unglück starben 16 Menschen; anschließende Proteste gegen Korruption und politische Verantwortung mobilisierten breite Teile der Bevölkerung.
Die Liste verzichtet auf klassische Führungsgremien und trifft Entscheidungen in basisdemokratischen Versammlungen. Auf ihr kandidierten vor allem Lehrkräfte, Ärzte und Künstler; ihr Elf-Punkte-Programm verspricht die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung von Korruption und Kriminalität.
Vucic bleibt Oppositionsführer
Eine Projektion des Wahlforschungsinstituts Cesid sah die Studentenliste bei 139 der 250 Mandate. Vucics SNS sollte demnach 104 Sitze erhalten, sieben weitere Mandate entfielen auf Kleinparteien ethnischer Minderheiten.
Spitzenkandidat Ilija Srdanovic gilt trotz des Wahlsiegs nicht automatisch als Anwärter auf das Ministerpräsidentenamt. Der 56 Jahre alte Kardiologe aus Novi Sad führte die Liste an, doch die Bewegung hat sich in Personalfragen für eine künftige Regierung bislang nicht festgelegt.
Vucic war Ende September als Staatspräsident zurückgetreten, um nach einem Wahlsieg seiner Partei Regierungschef zu werden. Nach der Niederlage bleibt ihm nun die Rolle des Oppositionsführers.
Neuer Kurs gegenüber EU und Russland offen
Serbien ist seit 2012 EU-Beitrittskandidat und verhandelt seit 2014 über einen Beitritt. Unter Vucic stagnierte der Prozess zuletzt unter anderem wegen Rückschritten bei Demokratie und Medienfreiheit sowie wegen seiner engen Kontakte zu Moskau.
Vertreter der EU gratulierten der Studentenliste und stellten Unterstützung für Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und demokratischen Institutionen in Aussicht. Die künftige Außenpolitik Serbiens bleibt dennoch offen, weil sich die Bewegung dazu bisher nur zurückhaltend geäußert hat.
Der Wahlsieg der Studentenliste beendet die politische Dominanz Aleksandar Vucics, die Serbien seit 2012 geprägt hat. Entscheidend ist dabei nicht nur der Wechsel der Parlamentsmehrheit, sondern auch die Herkunft der neuen Kraft: Sie entstand aus gesellschaftlichen Protesten gegen Korruption, institutionelle Schwächen und den Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad.
Mit der absoluten Mehrheit verfügt die Bewegung voraussichtlich über ausreichend Spielraum für eine Regierungsbildung. Offen bleibt jedoch, wie eine basisdemokratisch organisierte Liste ihre elf programmatischen Punkte in stabile staatliche Strukturen übersetzen will. Die ungeklärte Ministerpräsidentenfrage und die geringe Erfahrung vieler Beteiligter dürften die ersten politischen Herausforderungen bestimmen.
Europäische Perspektive
Für die Europäische Union eröffnet der Machtwechsel die Möglichkeit, den festgefahrenen Beitrittsprozess neu zu beleben. Serbien ist seit 2012 Beitrittskandidat und verhandelt seit 2014 über eine Aufnahme. Fortschritte hingen zuletzt vor allem an Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit und Korruptionsbekämpfung.
Außenpolitisch bleibt der Kurs offen. Die Studentenliste hat sich bislang nur zurückhaltend positioniert, während Serbien unter Vucic enge Beziehungen zu Russland und China pflegte und die EU-Sanktionen gegen Russland nicht übernahm. Für die Bevölkerung wird deshalb neben der Regierungsbildung auch entscheidend sein, ob der angekündigte demokratische Neubeginn zu besseren Institutionen und konkreten Verbesserungen im Alltag führt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: „Serbiens Machtpolitiker unterliegt: Studentenbewegung siegt“ (26.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den klaren Wahlsieg der Studentenliste und hebt die erwartete Sitzverteilung hervor. Im Mittelpunkt steht damit stärker als in der dpa-Meldung die parlamentarische Mehrheitsbildung.
Der Deutschlandfunk bestätige den Wahlsieg und ordne ihn zusätzlich mit einer kritischen Einschätzung der bisherigen politischen Entwicklung ein. Damit liege der Schwerpunkt stärker auf der Verantwortung westlicher Staaten und der demokratischen Bilanz Vucics.
Übereinstimmung bestehe beim Machtwechsel und beim Sieg der Studentenbewegung. Unterschiede gebe es vor allem bei Sitzprognosen und politischer Einordnung; offen bleibe insbesondere, wer die künftige Regierung führen werde.
