Israel-Wahl: Netanjahu und Eisenkot kämpfen um 120 Sitze
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 04:53 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Knesset und die Regierungsbildung
- Rund 7,3 Millionen Menschen sollen die 120 Abgeordneten der Knesset bestimmen.
- Die Wahllokale sind in Israel überwiegend von 6.00 bis 21.00 Uhr MEZ geöffnet.
- Bei einem Scheitern der Regierungsbildung könnte Netanjahu eine Übergangsregierung führen.
Israel stimmt über politische Zukunft ab
Millionen Israelis wählen heute ein neues Parlament, wobei sich das rechtsreligiöse Regierungslager um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und das liberalere Oppositionslager ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern. Rund 7,3 Millionen Menschen sind aufgerufen, die 120 Abgeordneten der Knesset zu bestimmen.
Die Wahl ist die erste seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, das den Gaza-Krieg auslöste und Israel international stark unter Druck setzte.
Wahl zwischen Netanjahu und Eisenkot
Viele Menschen in Tel Aviv verbinden die Abstimmung mit der politischen und gesellschaftlichen Ausrichtung des Landes. Bei einem Massenprotest am Wochenende gingen Zehntausende gegen Netanjahus Koalition auf die Straße.
Netanjahus wichtigster Herausforderer ist der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot von der Mitte-Partei Jaschar. Er wirft dem Regierungschef unter anderem Angstmache vor und kritisiert dessen Umgang mit der Sicherheitslage.
Iran-Konflikt bleibt Wahlkampfthema
In den vergangenen Jahren belasteten die Kriege mit der libanesischen Hisbollah und dem Iran die Region. Mehrere US-Berichte besagten zuletzt, Netanjahu habe noch vor der Wahl auf einen weiteren gemeinsamen Angriff mit den USA auf den Iran gedrängt; US-Präsident Donald Trump habe dies abgelehnt.
Israels Führung dementierte Berichte über Streit zwischen Netanjahu und Generalstabschef Ejal Zamir. Netanjahu warnte zugleich vor einer möglichen iranischen Atombombe und veröffentlichte eine drastische Darstellung einer nuklearen Explosion über Tel Aviv.
Justiz und Wehrpflicht spalten Israel
Ein von der Regierung vorangetriebener Umbau der Justiz hat die Gesellschaft tief gespalten. Hinzu kommt der Streit über die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe, deren Befreiung von vielen Reservisten und anderen Teilen der Bevölkerung kritisiert wird.
Auch der Konflikt mit den Palästinensern prägte den Wahlkampf. Nach einem tödlichen Angriff bewaffneter Palästinenser auf israelische Soldaten begann die Armee einen Einsatz in Hebron, bei dem Hunderte Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben wurden.
Mehrheit in der Knesset ungewiss
Umfragen zufolge könnten sowohl Netanjahus Lager als auch seine Gegner die für eine Regierungsbildung nötige Mehrheit verfehlen. Möglich wären deshalb eine Koalition gegnerischer Parteien oder eine Minderheitsregierung.
Scheitert die Regierungsbildung, könnte Netanjahu zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben.
Die Wahl ist die erste landesweite Abstimmung seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. Der Krieg prägt den Alltag und die Sicherheitsdebatte, zugleich konzentriert sich der innenpolitische Streit stark auf Netanjahus Verantwortung für das Versagen vor dem Angriff, den Umgang mit der Justiz und die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer.
Die Wahlordnung macht die Regierungsbildung besonders entscheidend: Die Israelis stimmen für Parteilisten, die Knesset hat 120 Sitze, und für eine stabile Mehrheit sind 61 Mandate erforderlich. Da weder das Regierungslager noch die Opposition laut den vor der Wahl veröffentlichten Umfragen sicher auf diese Zahl kommt, könnten Koalitionsverhandlungen langwierig werden.
Wehrpflicht und politische Lager
Die Befreiung ultraorthodoxer Männer vom Militärdienst belastet die Regierungskoalition und sorgt bei vielen Reservisten für Unmut. Der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot will diese Ausnahmen beenden, während Netanjahu auf Parteien angewiesen ist, die sie verteidigen. Das Thema kann damit über die Zusammensetzung der nächsten Regierung hinaus auch die Belastung der Armee beeinflussen.
In der Palästinenserfrage liegen die großen jüdischen Parteien näher beieinander, als es der Gegensatz zwischen Regierung und Opposition vermuten lässt. Ein Regierungswechsel könnte dennoch den Umgang mit der Gewalt im Westjordanland verändern. Scheitert eine Koalition, bliebe Netanjahu zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: „Israels Wahlen: Mehr als ein Kampf gegen Iran und Hamas“ (26.10.2026)
Der Beitrag ordne die Wahl als Abstimmung über Netanjahus politische Verantwortung, die Wehrpflicht und den Justizumbau ein. Anders als die dpa-Meldung betone er, dass Gaza, Libanon und Iran im Wahlkampf vieler jüdischer Israelis weniger im Mittelpunkt stünden als innenpolitische Streitfragen.
n-tv: „Werde immer die Wahrheit sagen: Netanjahu-Herausforderer verteilt Seitenhiebe vor der Wahl“ (26.10.2026)
Der Artikel habe Eisenkots Wahlkampfappell und Netanjahus Angriffe auf seinen Herausforderer geschildert. Er habe außerdem die Unterstützung des US-Präsidenten für Netanjahu sowie den Streit über den Iran und die Untersuchung des Hamas-Angriffs hervorgehoben.
Beide Beiträge hätten das knappe Rennen und die innenpolitische Tragweite bestätigt. Unterschiede lägen vor allem beim Schwerpunkt: Euronews habe strukturelle Wahlthemen und gesellschaftliche Konflikte betrachtet, n-tv den direkten Schlagabtausch der Spitzenkandidaten und die internationale Unterstützung für Netanjahu.
