Papst Leo XIV. warnt in Metz vor Zukunftsangst und Abschottung
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 15:49 Uhr | dpa, AD HOC NEWSPapst Leo XIV. hat Europas Jugend am letzten Tag seines Frankreich-Besuchs in Metz aufgerufen, sich von Krisen und Konflikten nicht entmutigen zu lassen.
Warnung vor einer «Abwärtsspirale»
«Habt keine Angst vor der Zukunft!», mahnte das Oberhaupt der katholischen Kirche in einer Grundsatzrede zu Europa. Zugleich beklagte er, der Umgangston zwischen Staaten und Menschen werde immer barbarischer. «Das gegebene Wort wird missachtet. Stattdessen rühmt man sich der Lüge und der Täuschung», sagte Leo, ohne Politiker oder Länder zu nennen.
Im Beisein des französischen Staatschefs Emmanuel Macron forderte der Papst Europa auf, einer «Abwärtsspirale» mit eigenen Anstrengungen entgegenzutreten. Die vergangenen 80 Jahre hätten gezeigt, dass unterschiedliche Interessen durch Begegnung und nicht durch Bekämpfung ausgehandelt werden könnten. Nun gehe es um eine «kreative Wiederentdeckung» der europäischen Wurzeln und Werte.
Metz erinnert an Robert Schuman
Als Ort für die letzte Station seiner viertägigen Reise wählte Leo Metz auch wegen der Verbindung zu Robert Schuman. Der französische Politiker und frühere Außenminister legte nach dem Zweiten Weltkrieg Grundlagen für die heutige Europäische Union.
In Paris und Lourdes war der Papst bei Gottesdiensten unter freiem Himmel von mehr als einer Million Menschen gefeiert worden. Am Nachmittag sollte er in der Kathedrale von Metz eine Messe feiern. Macron nahm überraschend gemeinsam mit seiner Frau Brigitte daran teil; bei den ersten Gottesdiensten war er wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat in Frankreich nicht dabei.
Appell zur Aufnahme von Flüchtlingen
Leo warnte vor einer Abschottung Europas und verlangte «ernsthafte Aufnahme- und Integrationsprozesse» für Kriegs- und Armutsflüchtlinge. Menschen aufzunehmen bedeute, sie wie Familienmitglieder zu integrieren und ihnen Möglichkeiten zur Entfaltung zu geben. Zugleich gehöre dazu, dass sich die Ankommenden «in den Geist des Hauses» einfügten.
Ukraine-Krieg als «sinnloses Gemetzel»
Den seit mehr als vier Jahren andauernden Krieg in der Ukraine bezeichnete der Papst als «sinnloses Gemetzel». Europa dürfe sich nicht einer «Illusion der Wiederaufrüstung» hingeben, sondern müsse sich stärker um kreative Wege zur Förderung des Weltfriedens bemühen.
Zum Abschluss appellierte Leo an junge Menschen, sich nicht der Logik von Gewalt und Unterdrückung zu unterwerfen. Sie sollten das Leben in jedem Augenblick lieben und keine Angst davor haben, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen.
Nächste Reise führt nach Südamerika
Macrons Einladung an die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten fand nur wenig Resonanz. Aus Deutschland nahm die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) teil. Nach Angaben der Staatskanzlei sprach sie mit Leo über die deutsch-französische Aussöhnung, die deutsch-französische Freundschaft und deren Bedeutung für Europa und den Frieden.
Am Abend sollte der Papst nach Rom zurückfliegen. Seine nächste größere Reise ist für November geplant: Zehn Tage lang will Leo Uruguay, Argentinien und Peru besuchen. In Peru war der gebürtige US-Amerikaner vor seiner Wahl zum Papst viele Jahre als Missionar und Bischof tätig; er besitzt auch die peruanische Staatsbürgerschaft.
Europa zwischen Krisendruck und Wertefragen
Die Rede in Metz verbindet mehrere Konfliktfelder, die Europa derzeit gleichzeitig prägen: den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, Debatten über Migration und Integration sowie die Frage, wie handlungsfähig die Europäische Union in einer unübersichtlicheren Welt bleiben kann. Leo XIV. stellt diesen Themen eine politische Sprache entgegen, die auf Kooperation, Verlässlichkeit und gemeinsamen Werten beruht.
Der Ort seiner Ansprache trägt dabei besondere Bedeutung. Robert Schuman gilt als einer der Wegbereiter der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Erinnerung an diese Gründungsidee dient dem Papst als Bezugspunkt für seine Forderung, Unterschiede nicht durch Abschottung oder Konfrontation, sondern durch Verhandlungen und institutionelle Zusammenarbeit zu bearbeiten.
Migration und Sicherheit als Spannungsfeld
Leos Plädoyer für Aufnahme und Integration richtet sich gegen eine Politik, die Flucht allein als Sicherheitsproblem behandelt. Zugleich nennt er Bedingungen des Zusammenlebens: Neuankömmlinge sollen sich in den Geist der aufnehmenden Gesellschaft einfügen. Damit beschreibt die Rede Integration als gegenseitigen Prozess und nicht als einseitige Anpassung.
Seine Warnung vor einer «Illusion der Wiederaufrüstung» steht in einem Spannungsverhältnis zur europäischen Sicherheitslage. Staaten erhöhen angesichts des Krieges ihre Verteidigungsanstrengungen, während der Papst auf diplomatische und kreative Friedensbemühungen drängt. Für Europas Bürger bleibt damit die politische Kernfrage, wie Abschreckung, Unterstützung der Ukraine und langfristige Friedensordnung miteinander verbunden werden können.
