Hendrik Wüst, Türkei-Reise

Türkei-Reise: Wüst will neues Kapitel mit Ankara aufschlagen

Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 07:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst ist zu einer dreitägigen Türkei-Reise aufgebrochen. Zum 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens wirbt er für eine engere Zusammenarbeit – und bekräftigt zugleich, Ministerpräsident bleiben zu wollen.

  • Wüst brach am Morgen mit einer großen Delegation in einem Linienflieger von Düsseldorf nach Ankara auf. - Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
    Wüst brach am Morgen mit einer großen Delegation in einem Linienflieger von Düsseldorf nach Ankara auf. - Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
  • «Keine Region ist gesellschaftlich und wirtschaftlich so eng mit der Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen», sagte Wüst zum Auftakt seiner Reise. - Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
    «Keine Region ist gesellschaftlich und wirtschaftlich so eng mit der Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen», sagte Wüst zum Auftakt seiner Reise. - Bild: Rolf Vennenbernd/dpa
Wüst brach am Morgen mit einer großen Delegation in einem Linienflieger von Düsseldorf nach Ankara auf. - Bild: Rolf Vennenbernd/dpa «Keine Region ist gesellschaftlich und wirtschaftlich so eng mit der Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen», sagte Wüst zum Auftakt seiner Reise. - Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst ist zu einer dreitägigen Türkei-Reise aufgebrochen und will ein „neues Kapitel“ in den deutsch-türkischen Beziehungen aufschlagen.

Wirtschaft und politische Gespräche

Der CDU-Politiker reiste am Morgen mit einer großen Delegation in einem Linienflug von Düsseldorf nach Ankara. Begleitet wird er unter anderem von einer Wirtschaftsdelegation und mehr als 30 Journalisten.

In Ankara stehen zunächst ein Besuch im Werk des Düsseldorfer Unternehmens Henkel, ein Gang zum Mausoleum des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk und ein Treffen mit türkischen Unternehmern auf dem Programm. Am Dienstag sind politische Gespräche in der Hauptstadt geplant, anschließend reist Wüst nach Istanbul weiter.

65 Jahre Anwerbeabkommen

Anlass der Reise ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Es leitete die Zuwanderung hunderttausender türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik ein. Wüst sagte, keine Region sei gesellschaftlich und wirtschaftlich so eng mit der Türkei verbunden wie Nordrhein-Westfalen.

Ein Drittel der türkeistämmigen Menschen in Deutschland lebe in NRW, sagte der Ministerpräsident. Das jährliche Handelsvolumen des Landes mit der Türkei liege bei zehn bis zwölf Milliarden Euro; mehr als 1.200 türkische Unternehmen seien in NRW aktiv. Jeder dritte Flug aus Deutschland in die Türkei sei im vergangenen Jahr an einem Flughafen des Landes gestartet.

Wüst weist Spekulationen zurück

Wüst wird seit Wochen als möglicher Nachfolger des unter Druck stehenden Bundeskanzlers Friedrich Merz gehandelt. Gemeinsam mit den sieben anderen CDU-Ministerpräsidenten stärkte er dem Kanzler jedoch den Rücken und wandte sich gegen Personaldebatten.

Im ZDF bekräftigte Wüst am Vorabend seiner Abreise: „Ich möchte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bleiben.“ Er arbeite daran, „dass wir ein Durchstarten hinkriegen“ der Bundesregierung. Dann hätten sich alle anderen Fragen erledigt.

Partnerschaft trotz Differenzen

Wüst sprach sich dafür aus, den Blick auf das Positive zu richten und die Zusammenarbeit zu stärken. In einer guten und engen Partnerschaft könne man kritische Fragen und Themen einfacher ansprechen und für Verbesserungen eintreten.

Die Beziehungen waren lange von Differenzen geprägt. Kritiker verweisen insbesondere auf Rückschritte bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechten in der Türkei. Auch Razzien gegen LGBTQ-Vereine sowie das Vorgehen gegen die politische Opposition, darunter die Inhaftierung des früheren Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu, sorgen für Kritik.

In Istanbul sind eine Wirtschaftskonferenz und die Verleihung eines Preises für Toleranz und Versöhnung zwischen den Kulturen an den früheren Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Ilkay Gündogan, vorgesehen.

Historische Verbindung mit politischer Spannung

Das Anwerbeabkommen von 1961 steht für den Beginn einer Migrationsgeschichte, die Nordrhein-Westfalen besonders stark geprägt hat. Hunderttausende Menschen aus der Türkei kamen zunächst als Arbeitskräfte in die Bundesrepublik; aus dem zeitlich begrenzten Arbeitsaufenthalt entwickelte sich eine dauerhafte Einwanderungsgesellschaft. Der Jahrestag bietet deshalb Anlass, wirtschaftliche Verbindungen und gesellschaftliche Zugehörigkeit gemeinsam zu betrachten.

Für NRW ist die Türkei zugleich ein bedeutender Wirtschafts- und Außenhandelspartner. Das im Artikel genannte Handelsvolumen von zehn bis zwölf Milliarden Euro, mehr als 1.200 türkische Unternehmen im Land und die engen Flugverbindungen zeigen, dass die Beziehung weit über symbolische Diplomatie hinausgeht. Gespräche über Investitionen, Lieferketten, Fachkräfte und Unternehmenskooperationen können für Betriebe und Beschäftigte in beiden Ländern praktische Bedeutung haben.

Dialog braucht klare Themen

Die angestrebte Positivagenda trifft jedoch auf politische Konfliktfelder. Kritik an der Menschenrechtslage, am Umgang mit der Opposition und an Einschränkungen für die Zivilgesellschaft bleibt Bestandteil des deutsch-türkischen Verhältnisses. Eine engere Partnerschaft kann daher nicht nur an Handelszahlen gemessen werden: Für NRW wird entscheidend sein, ob wirtschaftliche Zusammenarbeit und ein offener Austausch über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte miteinander verbunden werden. Wüsts Reise verbindet damit Erinnerungspolitik, Landesinteressen und eine außenpolitische Gratwanderung.

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