US-Truppenabzug aus dem Irak: Letzte Soldaten verlassen das Land
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMehr als 20 Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins ziehen die letzten US-Soldaten aus dem Irak ab; der formelle Abschluss sollte an diesem Mittwoch erfolgen.
Abzug 2024 beschlossen
Das bestätigte ein US-Verteidigungsbeamter am Dienstag der dpa. Der US-Kampfeinsatz war bereits 2021 beendet worden, zuletzt waren noch etwa 2.500 US-Soldaten als Berater und Ausbilder im Land.
Die USA waren 2011 schon einmal vollständig aus dem Irak abgezogen. Nach dem Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ab 2014 kehrten sie auf Bitte der irakischen Regierung zurück. Im Rahmen der US-geführten Operation Inherent Resolve kämpften sie mit Verbündeten im Irak und in Syrien gegen die Dschihadisten.
Vom Sturz Husseins zum IS-Krieg
Der US-Einmarsch begann 2003 im erklärten „Krieg gegen den Terror“. Die Vorwürfe gegen Saddam Hussein, Verbindungen zu Al-Kaida zu unterhalten und Massenvernichtungswaffen anzustreben, erwiesen sich später als falsch. Dennoch stürzten die USA mit Verbündeten den Machthaber.
Es folgten Aufstände, konfessionelle Gewalt und schwere Menschenrechtsverletzungen. Etwa 4.500 US-Soldaten und Zehntausende Iraker wurden getötet. Der Krieg stärkte den Einfluss des Iran und verbündeter Milizen; das entstandene Machtvakuum begünstigte zudem Al-Kaida und später den IS.
IS militärisch besiegt
Der IS errichtete ab 2014 ein Herrschaftsgebiet im Irak und in Syrien, verübte Massenmorde und bedrohte auch Europa und die USA. An der internationalen Militäraktion beteiligten sich mehr als 80 Länder, darunter Deutschland seit 2015 mit der Bundeswehr.
Der IS verlor sein Territorium, einzelne Zellen sind aber weiterhin aktiv. Tausende IS-Gefangene sitzen in irakischen Gefängnissen. Im Irak konzentriere sich die Organisation inzwischen auf ihr eigenes Überleben, heißt es im aktuellen Bericht der Operation Inherent Resolve.
Mehr Einfluss für Iran-nahe Milizen?
Der Abzug erfüllt eine zentrale Forderung des irakischen Ministerpräsidenten Ali al-Saidi und mächtiger, mit Iran verbündeter Milizen. Diese sollten ursprünglich parallel ihre Waffen abgeben; der Schritt wurde jedoch auf Juni 2027 verschoben. Ob die Entwaffnung gelingt, gilt als offen.
Der Iran kann seinen Einfluss im Irak damit voraussichtlich erhalten oder ausbauen. Zugleich verlieren die Milizen ein wichtiges Argument für ihren bewaffneten „Widerstand“ gegen die US-Präsenz. Besonders die Kurden fürchten um ihren Schutz, nachdem sie im Kampf gegen den IS ein wichtiger Partner der USA waren.
Neue Verantwortung für Bagdad
Der Abzug passt zum Ziel der US-Regierung, militärische Einsätze im Nahen Osten zu reduzieren. Für den Irak beginnt damit eine unsichere Phase: Die Regierung muss den IS eindämmen, bewaffnete Gruppen stärker kontrollieren und zugleich zwischen Washington und Teheran balancieren.
Ein Abzug mit langer Vorgeschichte
Der Abzug beendet nicht die amerikanische Geschichte im Irak, sondern vor allem die militärische Phase des Anti-IS-Einsatzes. Washington und Bagdad hatten den Schritt bereits 2024 vereinbart; die zuletzt rund 2.500 US-Soldaten waren überwiegend beratend und ausbildend tätig. Der Irak übernimmt damit formal wieder vollständig die Verantwortung für seine innere Sicherheit.
Die Sicherheitslage bleibt dennoch von mehreren Machtzentren geprägt. Der IS verfügt zwar über kein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet mehr, einzelne Zellen sind aber weiterhin aktiv. Gleichzeitig besitzen schiitische, eng mit Iran verbundene Milizen erheblichen politischen und militärischen Einfluss. Die verschobene Entwaffnung dieser Gruppen auf Juni 2027 verschärft die offene Frage, ob der Staat sein Gewaltmonopol tatsächlich ausweiten kann.
Folgen für Kurden und regionale Stabilität
Besonders sensibel ist die Lage in der autonomen Kurdenregion. Die kurdischen Sicherheitskräfte waren ein zentraler Partner im Kampf gegen den IS und verlieren mit dem Abzug einen wichtigen Schutzfaktor. Für Bagdad bedeutet der Schritt mehr außenpolitischen Spielraum zwischen Washington und Teheran, zugleich aber auch größere Verantwortung für den Schutz von Minderheiten, die Kontrolle bewaffneter Gruppen und die Verhinderung eines neuen Machtvakuums.
Für Deutschland bleibt der Irak zudem sicherheitspolitisch relevant. Die Bundeswehr beteiligt sich seit 2015 an Ausbildung und Unterstützung irakischer Kräfte; die Zukunft solcher Beiträge hängt nun stärker von der irakischen Eigenleistung und von europäischen Entscheidungen ab. Für Reisende, Unternehmen und Angehörige im Land ist entscheidend, ob die angekündigte staatliche Kontrolle praktisch funktioniert – insbesondere in Gebieten mit konkurrierenden bewaffneten Akteuren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
DER SPIEGEL: „Irak: USA ziehen Militär vollständig ab – Stabilität bleibt fragil“ (28.09.2026)
Der Bericht bestätige den vollständigen Abzug und hebe hervor, dass der IS zwar große Gebiete verloren habe, einzelne Zellen aber weiterhin aktiv seien. Anders als die dpa-Meldung konzentriere sich der Artikel stärker auf die fragile Stabilität, die erneute Verschlechterung der Sicherheitslage im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg und die geplanten Feiertage zum „Tag der Unabhängigkeit“.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
BR24: „Nahost-Ticker: Weißes Haus drängt EU Diesel-Reserven freizugeben“ (28.09.2026)
Der Ticker bestätige den für Mittwoch geplanten Abschluss des Abzugs und stelle dabei die Sorge vor einem Machtvakuum sowie einem möglichen Wiedererstarken des IS heraus. Er ordne den Schritt stärker in den laufenden regionalen Konflikt ein und verweise darauf, dass die ursprünglich parallel vorgesehene Entwaffnung iranisch verbündeter Milizen auf das kommende Jahr verschoben worden sei.
Beide Berichte bestätigten den Abzug und die fortbestehende Aktivität einzelner IS-Zellen. Der SPIEGEL betone vor allem die fragile Stabilität und den iranischen Einfluss, während BR24 den regionalen Krieg und die Befürchtung eines Machtvakuums in den Mittelpunkt rücke; offen bleibe, wie wirksam Bagdad die Sicherheitsverantwortung künftig ausüben könne.
