Israel-Wahl, Benjamin Netanjahu

Israel-Wahl: Netanjahu liegt mit 53 Sitzen vor Eisenkot

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 03:24 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nach der Parlamentswahl fehlen beiden politischen Lagern die nötigen Sitze für eine eigene Regierung. Arabische Parteien könnten deshalb über die nächste Koalition entscheiden, während der Likud schwere Vorwürfe erhebt.

Herzog entscheidet über den nächsten Auftrag

  • Netanjahus Lager kommt nach rund 90 Prozent Auszählung auf 53 der 120 Parlamentssitze.
  • Eisenkots Bündnis erreicht 48 Sitze und will eine zionistische Regierung mit allgemeinerer Wehrpflicht bilden.
  • Nach dem endgültigen Ergebnis beauftragt Staatspräsident Izchak Herzog einen Abgeordneten mit der Regierungsbildung.
  • Ministerpräsident Netanjahu gibt sich trotz des knappen Wahlausgangs siegesgewiss. - Bild: Olivier Fitoussi/dpa
  • Oppositionskandidat Eisenkot bekräftigte seinen Willen zur Regierungsbildung. - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa
Ministerpräsident Netanjahu gibt sich trotz des knappen Wahlausgangs siegesgewiss.  - Bild: Olivier Fitoussi/dpa Oppositionskandidat Eisenkot bekräftigte seinen Willen zur Regierungsbildung.  - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa

Israel sucht nach der Wahl eine Regierungsmehrheit

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und sein Herausforderer Gadi Eisenkot suchen nach der Parlamentswahl erste Koalitionspartner. Netanjahus rechtsreligiöses Lager liegt nach der Auszählung der meisten Stimmen vorn, verfehlt aber bislang eine klare Mehrheit.

Netanjahu spricht mit bisherigen Partnern

Netanjahu habe bereits mit Bezalel Smotrich vom Religiösen Zionismus und Itamar Ben-Gvir von Ozma Jehudit gesprochen. Beide Parteien gehören der bisherigen Regierung an; weitere Gespräche mit ultraorthodoxen Parteien sollen folgen.

Nach Auszählung von rund 90 Prozent der Stimmen kommt Netanjahus Lager auf 53 der 120 Sitze. Das mehrere Parteien umfassende Lager des früheren Militärchefs Eisenkot erreicht 48 Sitze.

Eisenkot wirbt für politischen Wandel

Eisenkot bekräftigte auf der Plattform X seinen Willen, eine „zionistische Regierung“ zu bilden. Dazu gehöre eine Wehrpflicht auch für ultraorthodoxe Männer, ein seit Jahren umstrittenes Thema.

Er erklärte, die Wähler hätten der für Wehrdienstverweigerung und das Massaker vom 7. Oktober 2023 verantwortlichen Regierung ihr Misstrauen ausgesprochen. Zugleich verwies er auf zahlreiche Gespräche und die Verantwortung, die er nach eigener Darstellung spüre.

Arabische Parteien werden zum Machtfaktor

Netanjahus Likud verlor im Vergleich zur Wahl im November 2022 einige Sitze, blieb aber stärkste Einzelkraft vor Eisenkots Mitte-Partei Jaschar. Die arabischen Parteien kamen zusammen auf 19 Sitze.

Der frühere Ministerpräsident Ehud Olmert sagte dem ZDF, die entscheidende Frage sei, ob das Oppositionsbündnis auf die arabischen Parteien zugehe. Diese seien nach seiner Einschätzung bereit, Teil einer israelischen Regierung zu werden.

Likud erhebt Vorwürfe gegen arabische Parteien

Der Likud warf arabischen Parteien Wahlbetrug, Bestechung, Drohungen, Gewalt, Fälschungen und den Einsatz verbotener Software vor. Die Partei übermittelte nach eigenen Angaben der Polizei, dem Inlandsgeheimdienst Schin Bet und dem Zentralen Wahlkomitee Hunderte Zeugenaussagen und Beweise.

Das Zentrale Wahlkomitee soll die Beschwerde prüfen. Die Überprüfung von Eingaben zu möglichen Unregelmäßigkeiten gehört zum regulären Verfahren nach einer Wahl.

Herzog muss Regierungsauftrag vergeben

Das endgültige amtliche Wahlergebnis muss spätestens acht Tage nach der Wahl vorliegen. Danach konsultiert Staatspräsident Izchak Herzog die im Parlament vertretenen Parteien und beauftragt einen Abgeordneten mit der Regierungsbildung.

Herzog rief dazu auf, eine Neuwahl wegen der Patt-Situation zu vermeiden. Netanjahu warnte zugleich vor der Gefahr durch Iran und erklärte, Israel müsse die Bedrohung gemeinsam mit den USA endgültig beseitigen.

Das Wahlergebnis schafft ein kompliziertes Kräfteverhältnis im israelischen Parlament. Nach der Auszählung von rund 90 Prozent der Stimmen liegen Netanjahus Lager und das Bündnis um Eisenkot deutlich unter der Marke von 61 Sitzen, die für eine eigenständige Mehrheit in der 120 Sitze umfassenden Knesset erforderlich ist.

Damit gewinnen kleinere Parteien und insbesondere die arabischen Fraktionen an Gewicht. Ihre 19 Sitze könnten für die Regierungsbildung entscheidend sein, zugleich erschweren politische Gegensätze eine Zusammenarbeit. Netanjahu hat eine von arabischen Parteien gestützte Regierung ausgeschlossen, während Eisenkot eine zionistische Regierung mit einer Reform der Wehrpflicht anstrebt.

Koalitionssuche unter Zeitdruck

Der weitere Ablauf folgt festen verfassungsrechtlichen Schritten: Nach dem amtlichen Endergebnis konsultiert Staatspräsident Izchak Herzog die Parteien und beauftragt einen Abgeordneten mit der Regierungsbildung. Entscheidend ist dabei nicht allein die Stärke des größten Lagers, sondern die Aussicht, eine tragfähige Koalition zu bilden.

Die Lage kann deshalb in längere Verhandlungen münden. Für Israel betrifft der Ausgang nicht nur die innenpolitische Ausrichtung, sondern auch den Umgang mit der Wehrpflicht, das Verhältnis zwischen jüdischen und arabischen Bürgern sowie die Sicherheits- und Iranpolitik. Die von Likud erhobenen Betrugsvorwürfe erhöhen den politischen Druck; das Zentrale Wahlkomitee soll die Beschwerde im regulären Verfahren prüfen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

tagesschau: „Israel - Eine Nacht ohne klaren Gewinner“ (28.10.2026)

Der Beitrag beschreibt ebenfalls ein Patt ohne Mehrheit von 61 Sitzen und hebt die mögliche Schlüsselrolle der arabischen Parteien hervor. Anders als die dpa-Meldung fokussiert er stärker auf die Gefahr einer monatelangen politischen Blockade und auf Netanjahus Ablehnung einer Koalition mit arabischen Parteien.

Frankfurter Rundschau: „Wie weiter in Israel? Wahl-Patt zwischen Eisenkot und Netanjahu“ (28.10.2026)

Der Artikel ordnet die vorläufigen Sitzstände und die Bedeutung der Sperrklausel ein. Er bestätigt die schwierige Mehrheitsbildung, setzt aber einen anderen Schwerpunkt auf Wahlbeteiligung, noch nicht verteilte Stimmen und die Rolle der arabischen Parteien.

Beide Beiträge beschreiben ein Parlament ohne klaren Regierungsauftrag. Offen bleibt, welche Parteien sich nach dem amtlichen Endergebnis auf eine mehrheitsfähige Koalition verständigen können.

Disclaimer...
de | ausland | 70426607 |